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Treffen beider Religionen

Christinnen und Muslimas in Karlsruhe: „Wir haben so viel mehr Gemeinsames als Trennendes“

Die Frauenkommission der Christlich-Islamischen Gesellschaft Karlsruhe macht’s möglich: Vertreterinnen beider Religionen treffen sich mehrmals im Jahr, um sich über Themen auszutauschen, die ihr Leben und ihren Glauben betreffen. Dabei entdecken sie nicht nur in der Bibel und im Koran Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Christlich-Muslimische Frauenkommission Najana Benzarti (links), Annette Bernards Foto: Ingrid Vollmer

Jesus und Maria? Ja klar: die Protagonisten der Bibel. Die zentralen Gestalten im Neuen Testament! Jesus und Maria im Koran? Da geht es doch nur um den Propheten Muhammad! Oder vielleicht doch nicht? Christen und Muslime sind sich manchmal fern, weil sie zu wenig voneinander und von der Religion des anderen wissen.

Für ein besseres Miteinander setzt sich neben anderen die Frauenkommission der Christlich-Islamischen- Gesellschaft (CIG) Karlsruhe ein. Bei den Treffen entdecken die Frauen nicht nur in Bibel und Koran Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Frauen wollen durch Gespräche den Frieden fördern

Nicht übereinander, sondern miteinander reden. Im Gespräch Verstehen, Vertrauen und damit Frieden fördern. Das haben sich Najana Benzarti und Annette Bernards auf die Fahne geschrieben. Najana Benzarti, die muslimische Vorsitzende der CIG, und Annette Bernards, die Pfarrgemeinderatsvorsitzende der katholischen Innenstadtgemeinde Allerheiligen, sind die Frauen der ersten Stunde in der Frauenkommission.

„Wir sitzen beim Frühstück zusammen, hören, was die anderen sagen, entdecken viel Gemeinsames und manches, was anders ist“, sagt Annette Bernards. In den Zusammenkünften geht es um Glaubens-, aber sehr oft auch um Lebensfragen.

„Wir reden über Traditionen, über die Rechte der Frauen“, sagt die gebürtige Tunesierin Najana Benzarti, die seit 37 Jahren in Karlsruhe lebt. Die Islamwissenschaftlerin räumt ein, dass in solchen Gesprächen auch oft mit dem Irrglauben aufgeräumt werde, dieses oder jenes schreibe der Koran vor.

Ehrenmorde oder Zwangsheiraten hätten nämlich nichts mit dem Islam zu tun. Für Muslima und Christinnen gibt es da mitunter große Überraschungen. Das funktioniert auch andersherum. „Das mit der Dreifaltigkeit, sorry, das verstehe ich einfach nicht“, sagt Najana Benzarti lachend.

Es geht nicht ums Missionieren, sondern ums bessere Verstehen

Auch Frauen ganz anderer Religionen nehmen an den Treffen teil. Und wieder andere sind überhaupt nicht religiös. „Wir wollen hier nicht missionieren oder jemanden überreden, zu konvertieren. Wir reden, um uns besser zu verstehen“, erklärt Najana Benzarti.

Sie, die 2018 mit dem Integrationspreis der Stadt Karlsruhe ausgezeichnet wurde, versteht sich als Brückenbauerin. Annette Bernards, die beim Brückenbauen mithilft, meint: „Die christlichen Kirchen müssen sich positionieren gegen negative Strömungen in der Gesellschaft.“ Das sei nicht überall und immer einfach, weil es auch in den christlichen Gemeinden noch viel Unwissenheit über den Islam gebe.

Als sie vor 20 Jahren in der Frauenkommission aktiv wurde, hat sie durchaus erst mal eine gewisse Vorsicht und Distanz in der eigenen Gemeinde erlebt. Das habe sich aber schnell gelegt. „Wir als Gemeinde in der Innenstadt sind allen Menschen gegenüber sehr offen. Das ist vielleicht nicht überall so,“ vermutet sie.

Frauen lesen in der Bibel und im Koran

In der Bibel und im Koran lesen, sich über Traditionen unterhalten, sich erzählen, wie man die Kinder erzieht, Tote bestattet oder zur Sterbehilfe steht – das alles bereichert die Teilnehmerinnen der Treffen. Zehn Frauen sind aktiv mit dabei, zu den Gesprächen kommen manchmal viele, manchmal wenige.

„Niemand der kommt, muss Mitglied bei uns werden“, macht Najana Benzarti deutlich. Wo nicht geredet werden kann, findet man auf anderen Wegen Zugang. Um mit Geflüchteten in Kontakt zu kommen, laden Annette Bernards und Najana Benzarti diese zum gemeinsamen Kochen ein. Auch so kann man sich kennen lernen. „Ich verstehe, wenn gewisse Gruppen in bestimmten Situationen unter sich bleiben wollen“, meint die Muslima.

„Aber wer hier in der Gesellschaft lebt, der muss auch raus, muss neue Kontakte knüpfen.“ Das treffe auf Muslimas ebenso zu wie auf Christen. „Ich habe einmal einen Mann gesprochen, der hat mich als Bedrohung angeschaut“, erzählt Najana Benzarti. „Der dachte, unter meinem Kopftuch trage ich immer ein Messer.“

Vorurteile abbauen ist ein großes Anliegen der beiden Macherinnen der CIG-Frauenkommission . Das gelingt auch, in dem man sich gegenseitig besucht. So geht die Frauenkommission in die bosniakische Moschee in Knielingen oder besucht eine katholische Kirche.

Gemeinsame Besuche in Moscheen und Kirchen

„Als ich das erste Mal in einer Moschee war, fand ich diesen großen Raum so verwirrend, der mit keinen Möbeln zugestellt war und in dem sowohl gebetet, als auch gefeiert wurde“, erinnert sich Annette Bernards. Diese Verbindung von religiösen Dingen mit sozialen sei heute auch in christlichen Kirchen angekommen, in denen über hybride Kirchenräume, also sakrale Räume, die andere Nutzungen zulassen, diskutiert werde.

„Wir haben so viel mehr Gemeinsames als Trennendes“ stellt Najana Benzarti in den Gesprächsrunden immer wieder fest. Und das merkt sie auch, wenn sie einen christlichen Gottesdienst besucht. „Die Konzentration in der Kirche ist überall dieselbe“, hat sie die Erfahrung gemacht.

Auch in christlichen Kirchen spüre sie die Stille. Eine andere Stille zwar, als sie in einer Moschee herrsche, aber im Grunde sei das vergleichbar. „Wir sind doch alle Brüder und Schwestern“, meint sie. Eine Aussage, an der die Brückenbauerin gemeinsam mit Annette Bernards vermutlich leider noch eine ganze Weile weiter bauen muss. Ingrid Vollmer

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