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Läuft wie geschmiert

Corona ändert Essgewohnheiten: Warum wollen jetzt alle plötzlich Brot backen?

Viele Betriebskantinen haben geschlossen und vor der Bäckerei heißt es Schlange stehen. Dank der Coronakrise erlebt auch die gute alte Vesperbox eine Renaissance. Im Büro oder unterwegs sind mitgebrachte Mahlzeiten plötzlich gefragt.

HAUSMANNSKOST: Die gute alte Vesperbox erlebt gerade eine Renaissance. Das war schon vor Corona so, doch der Umstand, dass die Menschen nun viel mehr Zeit zur Vorbereitung haben, wirkt wie ein Trend-Verstärker. Foto: imago

Die Brotscheibe war im undefinierbaren Farbspektrum zwischen Grau und hellem Braun. Je nach Freigiebigkeit der Stullen-Schmiererin drückte sich viel zu viel oder gar keine Butter durch die Löcher im Teig. Die Salamischeibe war nach langen Stunden im dunklen Schulranzen total verschwitzt und an den Rändern wellig.

An die Schulbrote unserer Kindheit haben wohl die wenigsten von uns ausschließlich glückliche Erinnerungen. „Meine Mutter schmierte mir oft Teewurst aufs Brot, aber das fand ich eigentlich ganz lecker“, sagt die Freiburger Ernährungswissenschaftlerin Dagmar von Cramm und lacht.

Schulbrote sind uncool

Trotzdem: Vesperbrote sind für die allermeisten Schüler wohl schon immer der Inbegriff von „uncool“ gewesen. Egal, wie viel Mühe und Liebe Vater oder Mutter in die Produktion derselben steckten, auf ein fröhliches „Danke für das tolle Schulbrot heute“, warten sie ihr Leben lang vergeblich.

Jetzt sind die Schulen geschlossen und während viele Schüler die vesperfreie Zeit genießen können, erfreut sich das Pausenbrot in anderen Bereichen ganz neuer Beliebtheit. Denn wo Betriebskantinen geschlossen sind und sich vor Bäckereien lange Warteschlangen bilden, bleibt für all jene, die nicht im Homeoffice arbeiten, nur eines: Ran an die Stulle und selber schmieren.

Essen zum Mitnehmen ist ein Trend

„Das Essen zum Mitnehmen ist insgesamt ein Trend“, sagt Dagmar von Cramm. Die Autorin verschiedener Kochbücher hat gerade auch ein Diät-Buch mit Mahlzeiten für unterwegs auf den Markt gebracht. Meal-Prepping (aus dem Englischen für Mahlzeit vorbereiten) brach sich schon vor Corona Bahn, aber mit dem Virus blüht es auf.

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Das üppige Mittagsmahl in der Kantine fällt aus und das fertig gerichtete Brötchen beim Metzger oder das Gebäckteil beim Bäcker erfordern Umwege mit Wartezeiten – also nimmt man lieber etwas von zu Hause mit. Der folgenreiche Effekt: „Plötzlich merken viele, dass sie täglich viel Geld sparen“, meint Ernährungsexpertin von Cramm.

Zeit und Geld gespart

Aber Geld ist natürlich nicht alles. „Corona beschert uns auch viel mehr Zeit und ich denke, dass gerade sehr viel mehr Menschen, die Lust am Zubereiten von Nahrungsmitteln kennenlernen oder wieder neu entdecken“, vermutet Dagmar von Cramm. Handfest mit Zahlen belegen, lässt sich der Trend noch nicht, aber die Oecotrophologin ist als Mitglied der Hans-Lohmann-Stiftung gerade mit dem Abfassen einer Blitzumfrage befasst, die das geänderte Ess- und Kochverhalten der Deutschen in Zeiten von Corona genauer untersucht.

Mit Ergebnissen rechnet die Stiftung, die der Untersuchung von Ernährungsfragen und Ernährungsgewohnheiten der Zukunft gewidmet ist, erst in der kommenden Woche. „Aber man muss sich ja nur mal umschauen, wie viele Brotboxen in sämtlichen Varianten, Farben und Formen gerade auf dem Markt sind. Da kann man von einer Renaissance der Boxen-Kollektionen sprechen“, sagt Dagmar von Cramm.

Die modernen Henkelmänner werden fleißig befüllt

Diese modernen Henkelmänner muss ja auch irgendjemand befüllen. Heiko Brath weiß, wer das ist. Beim Karlsruher Metzgermeister geht Wurst in Scheiben plötzlich wie geschnitten Brot. Seit Corona sei die Nachfrage nach Deftigem sprunghaft angestiegen. „Das hängt natürlich vor allem damit zusammen, dass man mehr zu Hause ist und sich da sein Vesper richtet“, sagt Brath. An der Mitnahmetheke seines Ladens in der Südweststadt ist trotzdem noch viel los. „Gerade ist es die Hölle“, sagt er.

Seine Hauseinfahrt hat Brath extra zum Walk-In-Imbiss umgebaut. „Zwischen 11 und 13 Uhr sind wir da extrem stark nachgefragt.“ Auch in seinem ganz privaten Umfeld erlebt der Metzgermeister einen Trend zum Vesper-to-go. „Mein Sohn ist Handwerker und weiß jetzt oft nicht, ob in der Nähe seiner Baustelle auch ein Laden offen hat. Also ist er darauf angewiesen, sich etwas mitzunehmen. Er macht sich jetzt viel öfter ein Vesper als zu Nicht-Corona-Zeit“, berichtet Brath.

Selbst Beauty-Influencer werden häuslich

Der Trend zu Selbstgemachtem lässt sich seit einiger Zeit auch über die sozialen Medien verfolgen. Wo Menschen keine Bilder mehr von sich selbst beim Reisen posten können, erweisen sich selbst Karriere-Girls, Beauty-Influencerinnen und hart tätowierte Kerle als richtig häuslich. Brot backen ist in manchen Kreisen schon fast das neue Modebloggen. „Mit der reinen Versorgung hat das nicht mehr viel zu tun. Gutes und selbst gemachtes Essen ist viel mehr zu einem Lifestyle-Faktor geworden“, sagt Dagmar von Cramm.

Prall gefüllte Picknick-Rucksäcke

Auch beim trotz Corona noch zulässigen Wandern in Kleinstgruppen ist das Vesper gerade wichtiger denn je. Die beliebten Wanderhütten, Ausflugslokale oder Naturfreundehäuser haben außer verschlossenen Türen derzeit nichts im Angebot. Dafür sind die Wanderrucksäcke der Familienmenschen oder die der paarweise auftretenden Wandervögel gerade ziemlich prall gefüllt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vom Wurstbrot bis zum toskanischen Brotsalat wird fleißig geschleppt und geschlemmt.

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