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Klaviermusik in der Weststadt

Corona-Aktion: Zwei Karlsruher schicken ihrer Nachbarschaft musikalische Abendgrüße

Musikalische Grüße für die Nachbarschaft: In der Karlsruher Weststadt öffnen sich jeden Abend um 21 Uhr etliche Fenster, wenn aus zwei Wochnungen Klaviermusik erklingt. Dass die Spielenden - Helga Wobig und Philippe Decker - direkte Nachbarn sind, haben sie dabei selbst erst nach mehreren Tagen des gemeinsamen Musizierens gemerkt.

Lehrer und Bandmusiker: Eigentlich hätte Philippe Decker derzeit viele Auftritte. Stattdessen spielt er allabendlich einen Song am offenen Fenster. Foto: pr

Eigentlich könnte sich Philippe Decker mit seiner Band AcoustiXound in den nächsten Wochen über viele Auftritte freuen. Doch statt auf Frühlings- und Weinfesten in der Südpfalz musiziert der 36-Jährige derzeit jeden Abend ein paar Minuten lang für ein Publikum, das er nur hört, aber nicht sieht: Täglich um 21 Uhr öffnet Decker die Fenster seiner Erdgeschosswohnung in der Karlsruher Weststadt.

Dann hört er zunächst, wie aus einer Wohnung über ihm Beethovens „Ode an die Freude“ gespielt wird. Und wenn davon die letzten Töne verklungen sind, spielt und singt er selbst ein Stück – täglich ein anderes.  Vom Beatles-Klassiker „Let It Be“ bis zum Evergreen „Ain’t No Sunshine When She’s Gone“ am Tag, als dessen Sänger Bill Withers starb, reicht das Repertoire.

Beitrag für "ein wenig Freude"

Auch „Viel Glück und viel Segen“ als extra gewünschter Song für ein kleines Kind in der Nachbarschaft war schon dabei. „Ich sehe das als meinen Beitrag, ein wenig Freude in diese Tage zu bringen“, sagt Decker.

Als Gymnasiallehrer für Deutsch und Erdkunde hat er die drei Wochen vor den Osterferien im Homeoffice verbracht. Was alles andere als eine Arbeitspause bedeutete: „Wenn man als Fachlehrer sechs Klassen mit je 30 Schülern hat, dann sind auch im Homeoffice jede Menge Aufgaben zu korrigieren“, erklärt er. „Da ist die Musik am Abend auch eine gewisse Entspannung.“

Keiner wusste vom anderen

Das gleiche gilt für seine Nachbarin Helga Wobig. Sie wohnt schräg über Decker. Und sie ist diejenige, die allabendlich die „Ode an die Freude“ anstimmt. Das Kuriose dabei: Erst nach einigen Tagen des gemeinsamen – genauer gesagt: aneinander anschließenden – Musizierens haben sich die beiden überhaupt kennengelernt. „Wenn man die Musik durchs Fenster hört, dann lässt sich schwer ausmachen, wo genau sie herkommt“, sagt Wobig.

Kinderärztin und Amateur-Pianistin: Helga Wobig wurde vom Aufruf, Beethovens „Ode an die Freude“ zu spielen, zu ihrer täglichen Aktion inspiriert Foto: pr

Ausgangspunkt für die Aktion war ein Aufruf in sozialen Medien, an einem März-Sonntag um 21 Uhr gemeinsam die „Ode an die Freude“ vom Balkon oder aus dem Fenster zu spielen oder zu singen. Wobig und Decker machten mit, ohne voneinander zu wissen – und hatten beide, ebenfalls unabhängig voneinander, am nächsten Abend den Impuls, dies einfach noch einmal zu tun.

Beethoven als Erkennungsmelodie

„Bei mir hingen schon nach dem ersten Mal Zettel an der Tür mit der Bitte, das zu wiederholen“, sagt Decker. Am zweiten Abend fiel ihnen auf, dass sie gewissermaßen ein Gegenüber hatten – und sie wagten sich, immer noch ohne einander zu kennen, an einen dritten Abend, an dem Decker erstmals einen Song bot. „Jeden Abend das gleiche Stück, das schien mir etwas langweilig“, erklärt er. Genau das sage ihr Mann auch, sagt Helga Wobig und lacht. „Aber inzwischen hat auch er akzeptiert, dass der Beethoven so eine Art Erkennungsmelodie geworden ist.“

Profimusikerin ist sie ebenso wenig wie Decker: Helga Wobig ist Kinderärztin. „Ich gehe werktags immer in die Praxis und habe dadurch noch so etwas wie einen normalen Tagesablauf – dafür bin ich dankbar“, sagt die 53-Jährige, die seit 2000 in der Weststadt wohnt. „Als Jugendliche habe ich Geige und Klavier gespielt und war auch im Orchester aktiv. Aber seit dem Studium fehlt mir die Zeit, deshalb spiele ich nur noch privat.“

Corona-Aktion: Jeden Abend zur gleichen Zeit

Die „Ode an die Freude“ habe sie seit Februar ohnehin geübt, erzählt sie. „Vor Publikum zu spielen ist eigentlich nicht so meine Sache. Aber mit dem Klavier am offenen Fenster, das geht. Wenn ich im Sommer übe, hört man es draußen ja auch.“ Mit einem Unterschied: „Durch den Applaus, den wir jeden Abend hören, ist mir bewusst, dass Leute zuhören. Tatsächlich bin ich mittlerweile vor dem Spielen nervöser als am ersten Abend“, lacht Wobig. „Ich stelle mir auch den Wecker, damit ich auf keinen Fall versäume, pünktlich anzufangen.“

Auch wenn die Aktion mittlerweile in die dritte Woche gegangen ist, bleibt die Gestaltung so offen wie am Anfang. Das lässt auch Variationen zu: An einem „Classic Sunday“ beispielsweise machte Decker Pause und auf Wobigs Beethoven folgte ein Stück von Chopin, gespielt von der ebenfalls in Hörweite wohnenden Leiterin des Sinfonieorchesters Ettlingen, Judith Mammel.

Die Würze liegt in der Kürze

Einig sind sich die Beteiligten aber über die Länge: „Ich denke, es ist gut, dass es pro Abend nur der Beethoven und ein weiteres Stück sind“, sagt Decker. „Es geht um ein paar Minuten Musik, um eine kurze Begegnung – wir wollen ja niemandem auf die Nerven gehen.“

Service Eindrücke von der Aktion teilt Philippe Decker über Instagram unter seinem Account „mr._d_“.

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