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Nachwuchs in der Pandemie

Corona-Babys sind in der Warteschleife

Gibt es nach dem Lockdown im Frühjahr einen Babyboom jetzt zum Jahreswechsel? Die Experten sagen: definitiv nicht. Viele Paare hätten ihren Kinderwunsch sogar erst mal auf Eis gelegt.

Babyboom: Viel mehr Geburten als noch vor Jahren verzeichnen auch die Kliniken in Pforzheim. Der Trend setzt sich in diesem Jahr weiter fort. Ob Corona hierbei eine Rolle spielen könnte, lässt sich derzeit nicht belegen. Foto: Archivfoto: Waltraud Grubitzsch picture / dpa

Die Welt war schon einmal im Fieber: Die aktuelle Corona-Pandemie wird häufig mit der Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 verglichen. Damals starben weltweit rund 50 Millionen Menschen. Nur knapp zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Pandemie war die Zahl der Geburten in einigen Ländern doppelt so hoch wie vor dem Beginn.

Menschen sind maximal verunsichert

Folgt auch auf die Corona-Krise ein Aufschwung der Geburtenraten in Deutschland, der möglicherweise jetzt schon als Konsequenz des Lockdowns im Frühjahr zu spüren ist? Den Vergleich hält Jürgen Wacker, Sprecher der Chefärzte der Frauenkliniken Baden-Württemberg, für zu trivial. Die Menschen seien maximal verunsichert.

Es ist vermessen, einen Babyboom unter diesen Umständen zu erwarten.
Jürgen Wacker, Sprecher der Chefärzte der Frauenkliniken

„In Zeiten der Corona-Pandemie sollten wir froh sein, wenn junge Paare den Mut aufbringen, sich für Kinder zu entscheiden“, sagt er, „es ist vermessen, einen Babyboom unter diesen Umständen zu erwarten.“

An der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal, wo Wacker die Frauenklinik leitet, rechnet er zwar mit einem Zuwachs an Geburten (2020: 1.050, 2019: 1037), führt dies aber auf die Handhabung der Maskenpflicht zurück. Unter Presswehen dürfen die Gebärenden dort die Maske abziehen, „um frei atmen zu können“. Das führte auch Schwangere aus dem Schwetzinger und Karlsruher Raum in den Kreißsaal nach Bruchsal.

Die aktuelle Krise, so Wacker, sei weder mit der Spanischen Grippe noch mit einer anderen Katastrophe vergleichbar. Das wirtschaftliche Niveau in Deutschland sei weiterhin hoch, der Zugang zu Verhütungsmitteln gesichert. Auf den Lockdown und die plötzliche Zweisamkeit hätten Paare ganz unterschiedlich reagiert. „Manche streiten sich, manche kommen sich näher“, erklärt er.

Die Frauen verschieben aus Angst und Unsicherheit gerade ihren Kinderwunsch.
Barbara Wagner, Frauenärztin

Barbara Wagner, niedergelassene Frauenärztin in Bruchsal, hatte auch mehr Schwangerschaften gegen Ende dieses Jahres erwartet, doch die Zahlen lassen einen deutlichen Trend erkennen. Seit 1. Mai bis Mitte Dezember verzeichnete sie zehn schwangere Patientinnen weniger in ihrer Praxis als im Vergleichszeitraum 2019. „Die Frauen verschieben aus Angst und Unsicherheit gerade ihren Kinderwunsch“, weiß sie aus den Beratungsgesprächen.

Frauen haben wirtschaftliche Sorgen und medizinische Bedenken

Dafür seien zum einen wirtschaftliche Zukunftssorgen aber auch medizinische Bedenken ausschlaggebend. Die künftigen Väter dürften die Schwangeren bei den Untersuchungen nicht begleiten. Auch die Bedingungen unter der Geburt würden sich ständig ändern, was die Frauen verunsichere. „Die Männer spielen als Unterstützung eine ganz große Rolle“, weiß Barbara Wagner. Trotzdem versuche sie die Frauen mit Kinderwunsch zu bestärken: „Habt den Mut und probiert es, wir kümmern uns, so gut es geht, um euch.“

Die Sorge, dass das Corona-Virus in der Schwangerschaft schade, könne man den Frauen zwischenzeitlich nehmen. „Die bisherigen Erfahrungen mit Covid-19 in der Schwangerschaft und unter der Geburt zeigen keine so gravierenden Gefahren für Mutter und Kind wie durch die Influenza und andere schwere Infektionserkrankungen in der Schwangerschaft“, erklärt Jürgen Wacker.

Die Einschätzungen der Mediziner aus der Praxis bestätigt Soziologe Andreas Haupt vom KIT Karlsruhe, der sich mit Arbeitsmarktprozessen und Demografie beschäftigt. Einem möglichen Babyboom aufgrund der Corona-Krise erteilt er eine klare Absage. „Da wird das gesteigerte Sozialverhalten mit Fertilität verwechselt“, erklärt er. Will heißen: Mehr Zeit für Sex führt bei einem problemlosen Zugang zu Verhütungsmitteln nicht automatisch zu Schwangerschaften.

In reichen Ländern, so Haupt, gebe es zwei Faktoren, die sich nachweislich auf die Geburtenrate auswirkten: materielle Absicherung und der Bildungsgrad der Frauen. „Befristete Verträge wirken stärker als die Anti-Babypille“, sagt Haupt. In Ländern wie Italien und Spanien, wo bei der Generation der 18- bis 30-Jährigen befristete Verträge Alltag seien, sei auch die Geburtenrate niedrig. In patriarchalisch geprägten Gesellschaften würden Frauen mit hohem Bildungsgrad häufig gar nicht erst schwanger. Dies sei in Asien häufig der Fall, so der Experte.

Studie des Max-Planck-Instituts zeigt: Menschen verschieben Kinderwunsch

Haupt weist zudem auf eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock hin. Menschen wurden in ganz Europa zum Thema Kinderwunsch befragt. Mit dem Ergebnis: „50 Prozent sind von ihrem Plan Kinder zu bekommen abgerückt“, erklärt Haupt. Viele hätten den Plan nur aufgeschoben, manche hätten ihn aber auch komplett aufgegeben. „In Deutschland, so das Ergebnis der Studie, bleibt aber eine überwältigende Mehrheit am Kinderwunsch dran“, sagt er.

Frauenärztin Barbara Wagner hofft deshalb, dass der Kinderwunsch bei Paaren nach der Corona-Krise wieder aufblüht. „Ich denke, dass das Prickelnde im Leben wie Besuche im Restaurant oder Treffen mit Freunden sich eher stimulierend auswirken“, vermutet sie. Lebensfreude fördere den Wunsch eine Familie zu gründen mehr als die oft erzwungene Zweisamkeit in der Pandemie.

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