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Dehoga fürchtet Pleitewelle

Corona-Krise könnte jede dritte Karlsruher Gaststätte in den Ruin treiben

Sehr unterschiedlich verläuft der Neustart der Gastronomie nach der Krise für die einzelnen Wirte. Gerade in der Karlsruher City sind viele Tische wieder besetzt. Lokale in Stadtteilen, die kaum Laufkundschaft haben, tun sich dagegen weiter schwer.

In der Karlsruher City wie hier am Ludwigsplatz füllen sich die Tische der Lokale wieder. Foto: Sandbiller

Mancher Karlsruher muss wohl bald Abschied nehmen – von seinem Lieblingslokal oder seiner Stammkneipe. „Wir rechnen damit, dass ein Drittel der Betriebe am Ende die Corona-Krise nicht übersteht“, sagt Dehoga-Chef Waldemar Fretz.

Trotz aller Lockerungen gebe es aktuell nämlich immer noch kein „brauchbares Geschäft“. Der Neustart nach dem Lockdown sei entsprechend holprig. Für die einen mehr, für die anderen jedoch weniger.

Lokale in der City tun sich leichter

In der Innenstadt ist an diesem sonnigen Freitagnachmittag kaum ein Tisch im Freien unbesetzt. „Draußen läuft es gut, drinnen noch verhalten. Aber wenn das Wetter passt und es so weitergeht, werden wir vielleicht bald alle unsere Mitarbeiter komplett aus der Kurzarbeit holen können“, sagt der Geschäftsführer der Alten Bank, Sandro Divkovic.

In Rüppurr hingegen kann Dieter Wolczik von einer guten Auslastung im Kofflers Heuriger nur träumen. „Die Lage ist katastrophal“, sagt der Geschäftsführer. Laufkunden hat er im Gegensatz zu seinen Kollegen in der City kaum. „Und gerade ältere Kunden möchten aus Angst vor Corona nicht in die Straßenbahn steigen und zu uns kommen.“

Früher war ich Investor, jetzt bin ich Sponsor.
Dieter Wolczik, Karlsruher Wirt

Der Wirt bilanziert: In einer Woche machte zu zuletzt den Umsatz, der sonst an einem Tag erzielt wurde. „Wir wären schon längst pleite, wenn ich nicht 120.000 Euro privat in das Geschäft geschossen hätte. Früher war ich Investor, jetzt bin ich Sponsor.“

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Herzblut, Spaß an der Gastronomie und Verantwortung für seine Mitarbeiter: Dies seien die Gründe, warum er weitermacht. Noch sind alle seine Angestellten in Kurzarbeit. „Meine Frau kocht und macht den Service“, so Divkovic.

Vorgaben ändern sich immer wieder

Er schloss sein Lokal bereits einen Tag vor dem Lockdown. „Ich trug das voll mit.“ Die sich nun ständig ändernden Verordnungen sieht er hingegen kritisch. „Da blickt niemand mehr durch.“

Noch vor wenigen Tagen musste er sechs Handwerker, die den ganzen Tag zusammen gearbeitet hatten, auf drei Tische verteilen. Jetzt dürfen wieder zehn Personen zusammensitzen, auch wenn sie aus verschiedenen Haushalten stammen. „Man müsste quasi jede Stunde im Internet schauen, was gerade erlaubt ist und was noch nicht“, so der Wirt.

Dehoga hält Corona-Zuschlag für nicht zulässig

Wegen Mehrkosten unter anderem für Desinfektionsmittel erhob Divkovic an den ersten Tagen des Neustarts einen Hygienezuschlag von vier Euro pro Gast. Ein BNN-Leser erboste das. Das „kühle Bierchen“ nach der Radtour kostete ihn 8,20 statt ohne Extragebühr 4,20 Euro. „Wohl bekomms“, so der Mann.

Aus Sicht von Dehoga-Chef Fretz ist eine solche Gebühr weder in Ordnung noch zulässig: „Wir müssen Inklusivpreise anbieten.“ Divkovic sieht das anders. Auch Friseure würden Corona-Zuschläge erheben. „Ich könnte ja theoretisch auch Eintritt verlangen“, sagt der Kofflers-Chef. Inzwischen verzichtet er auf den Zuschlag. Dafür erhöhte er die Essenspreise, die er zum Neustart erst einmal gesenkt hatte.

Wir sind für jede Lockerung dankbar.
Dehoga-Chef Waldemar Fretz

Fretz erwartet nicht, dass viele Gastronome Essen und Trinken günstiger verkaufen, wenn zum 1. Juli die Mehrwertsteuer in der Branche sinkt. Er hat aber die Hoffnung, dass diese Maßnahme der Bundesregierung dem einen oder anderen Betrieb hilft zu überleben. „Wir sind für jede Lockerung dankbar.“

Restaurantbesucher müssen - wie hier in der Alten Bank - laut Landesverordnung ihre Daten hinterlassen. Foto: Sandbiller

Dass nun nach der neuen Ansage aus Stuttgart wieder zehn Personen zusammensitzen können und somit Stammtische möglich sind, helfe ebenso wie die Erlaubnis für Feiern mit bis zu 99 Personen im Lokal. Dass der Wirt die Namen der Besucher erfassen muss, bremse hingegen das Geschäft. „Viele glauben, dass wir das diktieren. Wir setzen aber nur die Vorgaben um“, so Fretz.

Tische auf Abstand

Vorgaben gibt es weiter auch zu den Abständen zwischen den Tischen, die Kofflers-Chef Divkovic derzeit jedoch keine Schwierigkeiten bereiten: „Unser Problem ist nicht der Mindestabstand zwischen den Tischen, sondern die Tatsache, dass sie nicht besetzt sind.“

Fünf statt früher acht Tische kann Andrea Jäger in ihrem Café „Lottis Traum“ in der Hirschstraße stellen. Aber innen sei das Geschäft ohnehin verhalten. Außen hat Jäger an ihrem Stammsitz nur drei Tische, deutlich mehr sind es in der Filiale „Lottis Abschnitt Süd“ in der Südstadt. „Dort läuft es besser. Es ist aber auch eine ganz andere Lage“, sagt Jäger. Sie hat den Eindruck, dass das Geschäft inzwischen wieder etwas anzieht. Gerade die vergangenen Tage seien gut gelaufen. „Aber diese Zahlen sagen nicht so viel aus – man merkt die Ferien, in den kaum einer verreist, und den Brückentag.“

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