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Geschäftsführer zu Corona

Städtisches Klinikum Karlsruhe: "Geklaut werden Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionsmittel"

Uwe Spetzger leitet als Medizinischer Geschäftsführer das Städtische Klinikum Karlsruhe, das größte Krankenhaus der Region. Momentan muss er das Klinikum für die Herausforderungen der Corona-Pandemie fit machen. Mit Redakteur Theo Westermann hat er auch über Diebstähle in Zeiten des Coronavirus gesprochen.

Uwe Spetzger ist medizinischer Geschäftsführer des Klinikums Karlsruhe Foto: jodo

Uwe Spetzger leitet als Medizinischer Geschäftsführer seit dem Jahr 2018 das Städtische Klinikum, mit 1.500 Betten und 4.400 Mitarbeitern das größte Krankenhaus der Region. Sein Nachfolger für die zweiköpfige Führungsspitze am Klinikum neben dem kaufmännischen Geschäftsführer Markus Heming ist bereits gewählt. Spetzger, Chefarzt der Neurochirurgie, amtiert noch bis September 2020 als Geschäftsführer und muss nun das Klinikum mit seinen Mitstreitern für die Herausforderungen der Corona-Pandemie fit machen.

Unser Redakteur Theo Westermann sprach mit Spetzger über die Vorbereitungen und die Herausforderungen dieser Krise.

Ist die Corona-Krise in Massivität schon am Klinikum angekommen?

Uwe Spetzger: Wir im Klinikum sind noch am Beginn der Krise. Was die Zahl der Infizierten angeht, liegt Baden-Württemberg ganz weit vorne. Im Klinikum sind aktuell zwei schwer erkrankte Patienten, die wir behandeln.

Das Klinikum war vor der Corona-Krise bereits am Anschlag, geht das nun noch darüber hinaus?

Da muss man nichts neu erfinden, man muss nur auf die anderen Länder schauen, auf die Steilheit der Kurve bei neuen Fällen. Wir drehen an den Schrauben, die wir haben. Wir verschieben planbare Operationen wie Hüft- oder Kniegelenke und machen so Kapazitäten frei.

Ein Kollege von mir in Italien sagt, bereitet euch vor, bei uns sterben die Leute, auch in seinem Ärzteteam hat er schon Tote.

Dazu gehört offenbar auch die Einrichtung einer eigenen Intensivstation für Corona-Patienten.

Genau daran arbeiten wir zur Zeit, das ist eine echte Tag- und Nachtarbeit. Ein Kollege von mir in Italien sagt, bereitet euch vor, bei uns sterben die Leute, auch in seinem Ärzteteam hat er schon Tote. Schafft für die Patienten eigene Stationen, so seine Botschaft. Das tun wir. 30 Patienten sind in Karlsruhe in häuslicher Quarantäne. Von diesen Patienten wird so mancher ins Krankenhaus zurückkehren, weil er ambulant nicht mehr zu behandeln ist. Wir haben bereits eine Isolierstation, die aber auch noch mit anderen Patienten belegt ist.

Wie genau wird diese neue Intensivstation eingerichtet?

Wir können dort 20 Patienten beatmen. Diese Station wird ab dem Wochenende funktionsfähig sein. Diese Beatmungsgeräte ziehen wir aus anderen Operationssälen ab, weil wir planbare Operationen verschoben haben. Dann haben wir noch einmal 20 Beatmungsgeräte in der Hinterhand. Ich bin eigentlich optimistisch, dass wir nicht wie in Italien an die Grenze kommen.

Aber wie sieht es an der Mitarbeiterfront aus, schon bisher gab es Probleme mit der zu engen Personaldecke.

Das ist kein Geheimnis, dass uns Pflegepersonal fehlt, speziell auch für die Intensivstationen. Ab sofort bilden wir zusätzliches Personal an den Beatmungsgeräten aus. Wir erstellen Simulationen, wie viel Personal wir für die neue Station brauchen. Wir haben ja auch noch den sonstigen Versorgungsauftrag am Klinikum, wir haben Patienten mit Tumoren und Herzinfarkten. Da dürfen wir ebenfalls nicht nachlassen.

Denken Sie an die Aktivierung von Rentnern und einstigen Mitarbeitern, gar den Einsatz von Reservisten der Bundeswehr oder ähnliches?

In unserer Planung wäre dies eine weitere Stufe. Aber noch sind wir nicht so weit. Wir haben aber bereits Rentner angeschrieben, die in den vergangenen beiden Jahren in den Ruhestand gingen. Geplant wäre deren Einsatz zur Entlastung der weiteren Stationen, nicht bei Covid-19-Patienten, damit dort wiederum Personal frei wird. Wir sind auch im Gespräch mit den Rettungsorganisationen, dort wären rund 160 Rettungssanitäter verfügbar.

Alle fühlen sich nun natürlich an der Berufsehre gepackt.

Sind bereits Mitarbeiter des Klinikums von Corona-Infektionen betroffen?

Ja, wir sind bereits betroffen. Wir haben einen Fall in der Hautklinik, auch in der Anästhesie, die Mitarbeiter sind in Quarantäne und sind zum Glück nicht schwer erkrankt.

Wie ist überhaupt die Stimmungslage unter den vielen Beschäftigten des Klinikums?

Man merkt, es vibriert. In der Tat haben die Menschen auch Angst. Auch die Experten können die Lage ja nicht hundertprozentig einschätzen. Mein Job ist es auch, da etwas Ruhe hineinzubringen. Alle fühlen sich nun natürlich an der Berufsehre gepackt. Diese Krise bietet auch eine Chance für das ganze medizinische Personal.

Sie muten auch den Patienten einiges zu, etwa das absolute Besuchsverbot.

Das haben wir in der Tat noch nie erlebt. Aber das sind Krisenbedingungen. Für die Patienten ist dies natürlich erheblich. Es gibt da relativ klare Regeln, aber auch Einzelfallentscheidungen, etwa sollte es möglich sein, dass ein Vater bei der Geburt seines Kindes dabei ist. Ich appelliere immer an das Fingerspitzengefühl einzelner. Die Krise bringt nicht nur das Gute im Menschen zum Vorschein, sondern auch das Schlechte.

Diebstähle sind in der Tat ein großes Problem für uns.

Haben Sie mit Diebstählen zu kämpfen?

Diebstähle sind in der Tat ein großes Problem für uns. Geklaut werden Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionsmittel, einfach alles. Das kommt rasend schnell weg. Wir mussten reagieren und haben Sicherheitspersonal vor die Eingänge gestellt. Wir haben auch unser Sicherheitskonzept umgestellt.

Auch in Krisenzeiten muss das Klinikum finanziert werden. Durch die Absage planbarer Operationen fehlt ihnen doch nun einiges Geld.

Das ist sehr wahrscheinlich. Das ist keine Situation, in der wir in irgendeiner Weise gewinnbringend arbeiten. Beispielsweise hat eine Atemmaske früher einige Cent gekostet, heute zahlen wir dafür über einen Euro. Inzwischen verbrauchen wir das zehnfache an Atemmasken. Mein Job ist es auch zu sagen, passt auf die Ressourcen auf. Wir sind erst am Beginn einer Krise. Sonst stehen wir am Ende ohne da.

Die Frage der Wirtschaftlichkeit ist gerade sekundär.

Gibt es Signale aus der Karlsruher Kommunalpolitik, was die Finanzen angeht?

Ja, die Frage der Wirtschaftlichkeit ist gerade sekundär. Der Oberbürgermeister signalisiert klar, dass wir alles bekommen, was wir brauchen.

Können Sie eine Prognose wagen, wann das Schlimmste überstanden ist?

Wenn ich den Vorhersagen glauben kann, wird die Spitze im Mai/Juni erreicht sein. Dann hoffe ich, dass es wieder ausläuft. Doch das sind Vermutungen, wie es wird, weiß niemand.

Wie wir über die Auswirkungen des Coronavirus berichten

Auf bnn.de berichten wir zurzeit verstärkt über die wichtigsten Entwicklungen rund um Corona in der Region rund um Karlsruhe, Bretten, Pforzheim, Rastatt und Bühl. Jeden Tag schränken Kliniken die Besuchszeiten ein, Schulen schließen, Firmen schicken Mitarbeiter nach Hause. Es ist selbst für unsere Redaktion zeitweise schwierig, den Überblick zu behalten. Deshalb filtern wir für unsere Leser aus der Flut an Informationen, welche der vielen Corona-Meldungen wichtig sind – unter anderem in dieser Übersicht .

Alle Informationen prüfen wir, um keine Falschinformationen zu verbreiten. Viele Menschen, auch in unserer Redaktion, machen sich ohnehin Sorgen. Wir möchten sie informieren und nicht verunsichern.

Zwei unserer Kollegen befassen sich ausschließlich mit dem Thema Corona – als unsere internen Experten. Viele weitere BNN-Redakteure recherchieren täglich zu den Auswirkungen von Covid-19 in den Städten und Gemeinden der Region. Unsere Autoren sprechen mit Entscheidern in den Landratsämtern, Krankenhäusern und in Firmen. Gleichzeitig telefonieren sie (Betroffene treffen wir derzeit nicht persönlich) mit Menschen, die Cafés schließen, Veranstaltungen absagen oder zu Hause bleiben müssen.

So möchten wir dazu beitragen, dass Menschen in der Region sich auf dem aktuellsten Stand halten können, um die richtigen Entscheidungen für ihren Alltag und ihre Gesundheit zu treffen.

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