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Kolumne "Zusammen zuhause"

Coronavirus zerhagelt Patchwork-Modell in Karlsruhe

Redakteurin Isabel Steppeler und ihr Ex-Mann gehörten zu den Pionieren des Wechselmodells. Beiden ist der Alltag mit ihren zwei Kindern wichtig. Montag und Dienstag: Mama. Mittwoch und Donnerstag: Papa. Wochenenden im Wechsel. Seit zehn Jahren. Das Coronavirus zerhagelt dieses Modell.

In der Kolumne "Zusammen zuhause" berichten die BNN-Redakteure über ihren Alltag in Zeiten des Coronavirus. Foto: peterschreiber.media/Adobe Stock, imago (Montage)

Was ich mir denn so zu meiner Beerdigung wünsche, fragt mich meine Tochter neulich beim Abendessen. Man sitzt ja jetzt wieder öfter beisammen. Wir fabulieren gerne vor uns hin. „Ein Vokalensemble wäre schön. Sie sollen ‚Belle qui tiens ma vie‘ von Thoinot Arbeau singen. Wird halt teuer“, gebe ich zu bedenken, blicke vom Teller auf und stelle fest: Sie notiert das tatsächlich in ihrem Handy. Ah, ja.

Der Ernst der Lage ist bei ihr angekommen. Während meine Tochter also für den Härtefall vorsorgt, plagen mich noch diesseitige Gedanken. Patchwork und Corona: Eine durchaus emotionale Herausforderung. Lautete die Frage vor allem in Zeiten, als sie noch klein und quirlig und Rund-um-die-Uhr-Kandidaten waren, „Wer nimmt die Kinder?“, heißt sie nun: „Wer kriegt sie?“

Familien im Ausnahmezustand: Schulen und Kitas sind geschlossen. Die Eltern arbeiten im Homeoffice. Der Alltag folgt in Zeiten der Corona-Pandemie neuen Regeln. Wie verändert sich dadurch das Zusammenleben? Darüber berichten in dieser Kolumne BNN-Redakteure in unterschiedlichen Lebenssituationen und Familienkonstellationen.

Seit der Trennung vor zehn Jahren pendeln die Tochter (18) und der Sohn (15) in Karlsruhe zwischen zwei Haushalten. Das klappt prima. Freunde schlugen damals scherzhaft vor, wir sollen doch unter www.traumscheidung.de an den Markt gehen.

Covid-19 zerhagelt eingespieltes Patchwork-Wechselmodell

Mein Ex-Mann und ich gehörten damals zu den Pionieren des Wechselmodells. Beide haben wir neue Partner. Beiden ist uns der Alltag mit den Kindern wichtig. Ihnen genauso. Alle zwei Tage und jedes zweite Wochenende schlägt daher das Pendel aus.

Montag und Dienstag: Mama. Mittwoch und Donnerstag: Papa. Wochenenden im Wechsel. Seit zehn Jahren. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Corona zerhagelt sie. Man will ja kein Virus-Ping-Pong lostreten. Schon oft habe ich mir das Schlimmste ausgemalt. Eine atomare Katastrophe oder einen Krieg oder so etwas wie die Pest. Irgendetwas also, das uns vor Augen führt, dass wir unsere Kinder nun mal nicht halbieren können, um sie dann bei uns zu haben, die wir ja nicht mehr „uns“ sind.

Am 15. März schlug die seltsame Stunde. Das war der Vorabend des aus meiner Sicht überflüssigsten Schultages im bisherigen Leben meiner Kinder. Und dazu der Hinweis, dass die Freundin einer Mitarbeiterin eines Bekannten oder so ähnlich: es hat. Schnell getroffen war die Entscheidung, zum Schutz vor Corona zum wochenweisen Wechsel überzugehen. Bei wem aber sind sie zuerst?

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Dazu eine moralische Abwägung: Während mir völlig klar war, dass der für Montag nochmal anberaumte letzte Schultag vor Schließung der Schulen das pure behördliche Versagen war und ich für entschuldigtes Schwänzen plädierte, ging mein Ex-Mann fest davon aus, es werde dort wichtige Motivation und hilfreiche Anleitungen für das Lernen zu Hause geben. Hinterher ist man immer schlauer.

Aber das war der Deal: Sie gehen nochmal in die Schule und starten anschließend ihre erste Quarantäne-Woche: bei mir. Und die war schön. Teenager, die sonst nur noch kommunizieren, wenn die Nutella leer ist, sitzen wieder gerne mit uns am Tisch und sogar vor den Nachrichten. So surreal und beklemmend die Lage ist, sie schweißt zusammen.

Galgenhumor hilft gegen das Coronavirus

Mittlerweile sind wir in Woche drei. Der Sohn hatte gewechselt, die Tochter war zu bequem. Am Sonntag aber, da wollte sie die anderen besuchen. Sie vermisse die Katzen, ihre Schwester, Papa … Vielleicht wollte sie ja einfach nur der Vollständigkeit halber auch ihn fragen, was er sich denn so zu seiner Beerdigung wünscht.

Wenn es etwas gibt, das Corona mir zeigt, dann diese zwei Dinge: wie sehr man aneinander hängt. Und dass Galgenhumor hilft.

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