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Konkurrenz durch Ketten

Vom Ende des Café Zero und den Herausforderungen für die Karlsruher Gastro-Szene

Mittelständische Gastronomiebetriebe stoßen in der Karlsruher Innenstadt auf zahlreiche Herausforderungen. Der schleppende Baufortschritt der Kombilösung, steigende Kriminalität und neue gesetzliche Regelungen führen immer wieder dazu, dass einzelne Gastronomen aufgeben. Nach 30 Jahren hat etwa das kultige Café Zero seit Januar geschlossen.

Ende eines Kult-Cafés: Bei der Bahnhaltestelle Marktplatz gelegen, ist das Zero nach 30 Jahren nun Geschichte. Foto: Jörg Donecker

„Das Zero gibt’s nicht mehr“, sagt der junge Mann vom Balkon herunter. Das Café in der östlichen Kaiserstraße ist seit Januar geschlossen. Ein neuer Besitzer lässt bereits umbauen – mit der Presse will man nicht sprechen.

„Die Kosten waren nicht mehr zu decken“, erklärt telefonisch Massimiliano Santi, der das Zero in den vergangenen 15 Jahren geführt hat. Er war der dritte Inhaber des Cafés, das auch wegen seiner außergewöhnlichen Innenarchitektur mit Treppen, Metallgestängen und transparenten Böden drei Jahrzehnte lang Kult gewesen ist.

Nach Ladenschluss sieht man keine einzige Frau mehr in der östlichen Kaiserstraße

Letztlich hätten die jahrelangen Verzögerungen beim Bau der Kombilösung und der Niedergang der östlichen Kaiserstraße das Ende des Café Zero besiegelt, sagt Santi: „Es hat meine Existenzgrundlage kaputtgemacht.“ Seit der vorübergehenden Sperrung des Abschnitts im Jahr 2013 sei es nur noch bergab gegangen. „Ich habe in dem Jahr 55.000 Euro Verlust gemacht, von der Stadt gab es gerade mal 6.000 Euro Entschädigung“, sagt Santi.

Bildergalerie: Das Kult-Café Zero

Über die letzten paar Jahre habe zudem die Kriminalität in diesem Bereich der Kaiserstraße zugenommen. „Nach Ladenschluss sieht man hier keine einzige Frau mehr“, sagt Santi, dessen Kundschaft früher zu mindestens 40 Prozent weiblich gewesen sei. „Vielleicht bleibt der Name“, sagt der Gastronom. Im Inneren des Zero jedoch sei schon viel umgebaut worden – Santi vermutet, dass der neue Besitzer daraus eine Shisha-Bar machen will. Für Gastronomen, die wie er nur einen einzelnen Betrieb führen, sei es in der Innenstadt generell sehr schwierig geworden. „Die Ketten ruinieren die Preise“, sagt Santi. Weiter östlich, im früheren Club Carambolage, steht man ebenso vor verschlossener Tür: Das Café Hüftgold hat offenbar wieder aufgegeben.

Baustellensituation am Marktplatz macht auch dem Café Böckeler zu schaffen

In bester Lage direkt am Marktplatz will die Familie Böckeler seit mehr als sechs Jahren das Kaffeehaus grundlegend renovieren – doch die Baustellensituation verhindert die Erneuerung. „Wir leben das, was wir tun. Für uns ist unser Geschäft ein Handwerk“, sagt Christian Böckeler, einer der drei Juniorchefs des Bühler Familienunternehmens. Die Lage am Marktplatz sei einzigartig, doch die Stadt Karlsruhe in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass Mittelständler sich die Innenstadtlage leisten können.

Ein Stück weiter Richtung Westen, in der Kaiserstraße 175, ist „Francesco’s Pizza, Caffè & Amore“ nach etwa einem Jahr schon wieder zu. Der Karlsruher Männerkosmetik-Unternehmer Francesco Indirli will zwar weiterhin italienische Spezialitäten in die Innenstadt bringen. Doch statt Pizza soll es nun Eiscreme geben. „Die frisch gemachte Pizza wurde extrem gut angenommen“, sagt Indirli. Allerdings habe er gelernt, dass sein Nischen-Angebot nicht in die Innenstadtlage passe.

Italienische Spezialitäten will Francesco Indirli (Mitte) mit Geschäftspartner Thorsten Röll (rechts) und Eis-Meister Tiago Lorenzo (links) in der Kaiserstraße bieten. Er hofft, nun mit Eis statt Pizza die Nachfrage nach To-Go-Angeboten besser zu bedienen. Foto: Jörg Donecker

„Auf der Kaiserstraße muss das Geschäft schnell funktionieren, damit es wirtschaftlich ist“, sagt Indirli. Das vor allem gefragte To-Go-Geschäft sei mit Eis einfacher. Mit einem Geschäftspartner und einem Eis-Meister will er bald sein Eislabor eröffnen. Und weitere Spezialitäten bieten: „Bubble-Waffeln, Kaffee aus der ältesten Rösterei Italiens und das hausgemachte Tiramisù meiner Frau.“

Dehoga beklagt zu strenge gesetzliche Regelungen für die Gastronomie

„Die Betriebe müssen heute eine hohe Flexibilität aufbringen“, sagt Waldemar Fretz, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Baden-Württemberg. „Der Gast entscheidet mit seinen Beinen, ob und wann er kommt.“ Verschiedene Neuregelungen erschwerten es den Individualgastronomen, ihr Geschäft wirtschaftlich zu betreiben – etwa strengere Steuerregelungen, der Mindestlohn oder die Begrenzung der Arbeitszeit auf zehn Stunden täglich.

„Eine Aushilfe im Nebenjob darf demnach nur für zwei Stunden kommen – das ist nicht machbar.“ Einfacher hätten es da wieder die ganz kleinen Anbieter, Imbissbuden und Dönerläden etwa. „Wer selbstständig ist und den Laden alleine führt, darf so lange arbeiten wie er will“, sagt Fretz.

Das Mittagessen darf im Durchschnitt nur fünf Euro kosten

Aus Kundensicht habe sich ein Preisniveau von durchschnittlich fünf Euro pro Mahlzeit eingependelt. „Das Essen ist die einzige Variable, mit der man noch Geld sparen kann. Miete oder Auto, das sind Fixkosten.“ So gehe die Schere zwischen günstiger Gastronomie und gehobenen Restaurants immer weiter auseinander, dazwischen bleibe wenig übrig. „In der Mittagszeit geht der Trend zum Take-away“, sagt Fretz, „damit fällt die Einzelgastronomie weg“.

Mit der Ikea-Eröffnung werden 50 Gaststätten schließen

Probleme mache zudem die Konkurrenz durch immer bessere Betriebskantinen, Lieferservices und große Ketten – einschließlich der Möbelhäuser mit ihren eigenen Restaurants. „Mit der Eröffnung von Ikea werden 50 weitere Individual-Gasthäuser in Karlsruhe schließen“, prognostiziert Fretz. Gesellschaftliche Trends spielten zusätzlich eine unglückliche Rolle beim Verschwinden kleinerer Betriebe, etwa die Forderung, kostenloses Leitungswasser anzubieten, oder ein einzelnes Café zu boykottieren, weil dort öffentliches Stillen unerwünscht sei . „Solche Dinge führen dazu, dass die Menschen einfach aufgeben.“

Doch Fretz sieht auch gute Entwicklungen. L’Osteria in der Innenstadt etwa bediene mit ihrem System genau das Bedürfnis nach günstigem Mittagessen. Und auch in den B-Zentren funktioniert Vieles gut: Lottis Traum in der Hirschstraße etwa hat jetzt eine Filiale in der Südstadt aufgemacht. „In meinem Kopf hatte ich irgendwann nur noch zwei Sachen: entweder vergrößern oder zumachen“, sagt Inhaberin Andrea Jäger.

In den B-Zentren von Karlsruhe floriert das Gastro-Gewerbe

Das ehemalige Café Mono in der Wilhelmstraße sei geradezu perfekt: Ein hübscher Verkaufsraum, keine Küche – denn ihre selbst gebackenen Kuchen, Quiches und Frühstücksspezialitäten werden allesamt in der Hirschstraße produziert. „Ich bin ja alleine und die einzige, die alles koordiniert“, sagt Jäger. Nach drei Jahren laufe es jetzt rund bei „Lotti“.

Am Werderplatz haben sich Electric Eel und Café Rosa etabliert. Im Westen sieht es auch gut aus: Die Marktküche ergänzt seit Herbst 2019 das Angebot rund um den Gutenbergplatz mit frisch gemachten Suppen und Salaten. Rund um die Rheinstraße in Mühlburg gibt es eine internationale Auswahl an schnellen Mittagessen – Döner, Chinesisch, Currywurst und in jüngster Zeit auch Burger und Vietnamesische Küche. „Vor zwei bis drei Jahren hat es schlechter ausgesehen“, sagt der Vorsitzende des Bürgervereins, Massimo Ferrini. Was fehlt: „Es könnte noch ein deutsches Lokal eröffnen, das wäre nicht schlecht.“

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