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Proteste nach Präsidentschaftswahlen

„Das Volk will, dass er geht”: Belarusen in Region Karlsruhe unterstützen Proteste gegen Lukaschenko

Seit Tagen demonstrieren die Menschen in Belarus gegen die offenbar gefälschte Wiederwahl von Präsident Alexander Lukaschenko. Belarusen in und um Karlsruhe sind entsetzt über die Brutalität der Sicherheitskräfte - und hoffen auf einen Sieg der Protestbewegung.

„Wir sind nicht die Opposition - wir sind das Volk”: Die Karlsruherinnen Katja Grinkevitch und Nastka Trubjetzki verfolgen übers Internet fast ständig die Entwicklungen in ihrem Heimatland. Foto: Markus Pöhlking

Es war schon klar, dass dieses Jahr irgendwie anders werden würde, erklärt Hanna B. am Telefon. Die Leute seien nicht mehr so apathisch wie früher, sie hätten plötzlich ein Gefühl dafür bekommen, Dinge selbst in die Hand nehmen zu können. „Es war deswegen auch klar, dass es Gewalt geben würde”, sagt die Wirtschaftsanalystin. Das Ausmaß der Brutalität durch die Sicherheitsorgane habe sie allerdings erschüttert: „Wir sind kein europäisches Land mehr”, sagt sie.

Hanna B. lebt eigentlich in Kraichtal. Die Dinge, die sich sich gerade von der Seele redet, finden aber rund 1.500 Kilometer weiter östlich statt, in ihrem Heimatland. Hanna B. ist in einer kleinen Stadt nahe der belarusischen Hauptstadt Minsk aufgewachsen. Vor zehn Jahren hat die 42-Jährige ihre Heimat verlassen, ihre Verwandten leben noch dort. Am Tag nach dem Gespräch bittet sie daher darum, im Bericht nicht mit vollem Namen zu erscheinen. Sie hat Angst, dass ihre Eltern vielleicht Probleme bekommen könnten.

Ein Ergebnis, an das niemand glaubt

Hanna B. findet nämlich klare Worte für Präsident Alexander Lukaschenko. Er sei machtkrank, an seinen Händen klebe Blut. „Die Sache ist eigentlich ganz klar”, beschreibt sie die aktuelle Lage in ihrer Heimat. „Das Volk will, dass er geht.”

Lukaschenko regiert das Land seit 1994 mit harter Hand. Seine Amtszeit hat sich Anfang August um fünf Jahre verlängerte. Rund 80 Prozent der Belarusen sollen am vergangenen Wochenende bei den Präsidentschaftswahlen für Lukaschenko gestimmt haben. Ein starkes Ergebnis also.

Es gibt aber ein Problem: Praktisch niemand glaubt, dass das stimmen könne. Seit Tagen gehen daher in Minsk und in den Regionen des Landes die Menschen auf die Straßen. Sie fordern die Veröffentlichung des tatsächlichen Wahlergebnisses - und den Rücktritt Lukaschenkos.

Der lässt die Proteste mit aller Härte niederschlagen. Im Internet kursieren Videos, in denen Menschen von Sicherheitskräften wahllos von der Straße weggefangen und verschleppt werden. Fotos dokumentieren Misshandlungen, Verletzungen und Folterspuren.

Der Diktator empfiehlt Wodka gegen die Corona-Psychose

Hanna B. verfolgt über zahlreiche Internetkanäle die Entwicklungen in Belarus, sie steht auch in Kontakt mit Freunden und ihrer Familie. Sie glaubt, dass Lukaschenko außerhalb der Sicherheitskräfte jegliche Zustimmung in der Bevölkerung verloren hat. „Die Solidarität in der Bevölkerung ist groß wie noch nie. Selbst die alten Leute, die ihn sonst immer gewählt haben, haben sich von ihm abgewendet.”

Die wirtschaftliche Lage in Belarus ist desolat, große Teile der Wirtschaft funktionieren heute praktisch noch wie zu Sowjetzeiten. Das Land ist das einzige auf dem europäischen Kontinent, in dem noch die Todesstrafe vollstreckt wird. Und auch ohne Gerichtsurteil verschwinden immer wieder Menschen spurlos - weil sie zur Opposition gehören etwa oder weil sie sich aus anderen Gründen mit Vertretern der Macht angelegt haben.

Damals hat mich ein Mann vom Geheimdienst angesprochen und mir gesagt, vor einem tragischen Autounfall wäre ich auch in der Bundesrepublik nicht sicher.
Nastja Trubjetzki, Belorusin aus Karlsruhe

Die jungen Leute seien das starre, repressive System seit langem Leid, sagt Nastja Trubjetzki. Dass der Frust gerade jetzt auch auf andere Altersgruppen überspringt und praktisch alle Teile der Gesellschaft an den Protesten teilnehmen, dürfte aber wohl auch an Corona liegen, glaubt sie.

Lukaschenko hatte im Frühjahr Corona als Psychose bezeichnet und seinem Volk Wodka als wirksames Gegenmittel empfohlen. Die meisten Belarusen nahmen die Situation etwas ernster: „Also standen sie plötzlich vor der Situation, dass sie selbst nach wirksamen Maßnahmen suchen und ihren Schutz und den der Gesellschaft organisieren mussten. Da haben sie gemerkt, dass sie auch ohne den Staat etwas bewegen können.”

Unvergessene Drohung

Trubjetzki arbeitet in Karlsruhe als Freiberuflerin in der Kreativ-Branche. Sie ist mit einer Freundin in ein Café in der Karlsruher Weststadt gekommen, um über die Situation in ihrem Heimatland erzählen. Auch Trubjetzki hat in Wirklichkeit einen anderen Namen. Ende der 70er-Jahre geboren, war sie nach der Unabhängigkeit im Jahr 1994 einige Zeit in der Zivilgesellschaft des Landes aktiv - ehe sie sich frustriert entschloss, das Land zu verlassen und nach Deutschland zu gehen.

Unklare Situation: Die Situation in Belarus ist angespannt - Nastja Trubjetzki und Katja Grinkevitch verfolgen die Lage mit einer Mischung aus Euphorie und Sorge. Foto: Markus Pöhlking

„Damals hat mich ein Mann vom Geheimdienst angesprochen und mir gesagt, vor einem tragischen Autounfall wäre ich auch in der Bundesrepublik nicht sicher.” Sie sei damals unbekümmert gewesen und habe gelacht. Vergessen habe sie die Drohung aber nie.

Auch ihre Freundin Katja Grinkevitch, eine Ökonomin, hat als junge Frau das Land verlassen, weil sie keine Perspektive sah. Grinkevitch ist bereit, sich unter ihrem richtigen Namen zu äußern - sie habe kaum noch Kontakte in ihre Heimat, die sie gefährden könnte, sagt sie. „Ich habe auch die Politik in Belarus eigentlich nie verfolgt, weil ich keine Chance für einen Wandel gesehen habe”, erklärt die 42-Jährige.

Ihr Vater, erzählt sie, wurde in Belarus zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einen Geschäftskredit nicht pünktlich zurückzahlen konnte. Im sechsten Jahr der Haft sei er schwer erkrankt und hinter Gittern gestorben. Sobald sie konnte, habe sie ihre Schwester nach Deutschland geholt, nur ihre Mutter habe bleiben wollen. Eigentlich hatte Grinkevitch ihre Heimat abgeschrieben.

Seit ein paar Tagen völlig euphorisch

Seit ein paar Tagen sei sie nun völlig euphorisch, verfolge bis tief in die Nacht die Ereignisse. „Ich hätte nie geglaubt, dass so was möglich ist, dass die Leute plötzlich so viel Mut aufbringen. Sie wissen ja schließlich, was sie erwartet, wenn sie in die Hände der Polizei geraten.”

Unsicher sind sich Trubjetzki und Grinkevitch über die Chancen der Protestbewegung. „Lukaschenkos Stärke war, dass er vor zwanzig Jahren den Leuten in ihrer Sprache ihre Probleme erklärt hat. Heute gibt es diese Probleme nicht mehr. Er erklärt den Leuten aber, dass Veränderungen zu Instabilität führen und dass es am besten ist, wenn einfach alles bleibt, wie es ist”, erklären beide.

Durch das Internet und durch Auslandsaufenthalte hätten indes immer mehr Belarusen eine Idee davon, dass es womöglich ohne Lukaschenko und ohne Stillstand ein besseres Leben geben könnte.

Selbst die Belegschaften großer Staatsbetriebe beteiligen sich seit Donnerstag in Belarus an einem Generalstreik. „Das ist schon bemerkenswert. Ich war nach den Polizeieinsätzen so niedergeschlagen, dass ich dachte, ich schaue keine Nachrichten mehr”, sagt Trubjetzki. „Jetzt denke ich, in dieser Bewegung steckt so viel Wucht, vielleicht gibt es doch einen positiven Wandel.”

Wer hat in Belarus den längeren Atem?

Zumindest das Potenzial sieht auch Tanja H., eine Belarusin, die die Liebe in ein kleines Dorf bei Bruchsal verschlagen hat. Sie sei zuletzt im Juni in ihrer Heimat gewesen. Auf den staatlichen TV-Kanälen des Landes habe Lukaschenko schon da keine Zweifel daran gelassen, dass er die Wahl gewinnen würde. „Zugleich habe ich aber viele Leute getroffen, die seine Herrschaft einfach nur satt haben.”

H. kann sich dennoch vorstellen, dass die Proteste nach einer Weile in sich zusammenfallen, wenn der Machtapparat nur lange genug mit harter Hand vorgeht. „Ich glaube schon, dass fast alle im Land gegen die Lukaschenko sind. Aber wie langatmig die Proteste sein werden, muss sich zeigen.”

Zumal - die Sprache kommt immer wieder darauf - unklar ist, wie der große Nachbar Russland auf eine neue Regierung in Minsk reagieren würde. „Wir wissen nicht, wie tief Moskaus Hände in diesem Spiel stecken”, sagt Hanna B., die Wirtschaftsanalystin aus Kraichtal. An nennenswerte Hilfe des Westens für ihre Heimat glaube sie ohnehin nicht. „Wir wissen, dass wir das Problem allein regeln müssen.”

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