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Pressefreiheit

Deniz Yücel in Karlsruhe: "Die Türkei hat sich verändert"

"Welt"-Korrespondent Deniz Yücel wurde im Februar 2017 in der Türkei festgenommen. Im Karlsruher Jubez las er aus seinem neuen Buch "Agentterrorist". Darin schreibt er über die Zeit im Hochsicherheitsgefängnis und erklärt, wie sich die Türkei in den vergangenen Jahren politisch verändert hat.

Deniz Yücel bei der Lesung im Karlsruher Jubez Foto: Jörg Donecker

367 Tage verbrachte er in einem Hochsicherheitsgefängnis, 290 davon in Einzelhaft, die Vorwürfe: Volksverhetzung und Verbreitung terroristischer Propaganda. Das Schicksal des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel steht exemplarisch für das vieler Medienvertreter in der Türkei.

Regierung wollte ein Exempel statuieren

Gleichzeitig wollte die türkische Regierung mit dem Korrespondenten der Zeitung „Die Welt“ ein Exempel statuieren – so erklärt sich zumindest Yücel selbst die Vorgänge vor und nach seiner Inhaftierung im Februar 2017. Nicht nur die inländischen Pressevertreter, sondern auch die Auslandskorrespondenten, die Nachrichten aus der Türkei in die Welt trugen, sollten eingeschüchtert werden.

"Zufällig" ins Visier der Ermittler geraten

„Mehr oder weniger zufällig“ sei er ins Visier der Ermittler geraten, erklärt der 46-Jährige bei einer Lesung aus seinem Buch „Agentterrorist“ im Karlsruher Jubez: Bei einem Pressetermin an der türkisch-syrischen Grenze sei er durch eine kritische Frage aufgefallen, verhaftet und kurz darauf wieder freigelassen worden. „Die kannten mich“, hält Yücel fest.

Den Ausschlag für seine zweite Verhaftung gab einige Monate später ein Bericht über geleakte Mails des damaligen Energieministers und Erdogan-Schwiegersohns Berat Albayrak.

Yücels Schicksal prägte die deutsch-türkischen Beziehungen

Dass sein Schicksal mehr als ein Jahr lang die deutsch-türkischen Beziehungen entscheidend prägen und eine große Solidaritätsbewegung auslösen sollte, ahnte Yücel damals wohl nicht. Überhaupt: Dass er so lange unter solchen Bedingungen hinter Gittern bleiben würde, dachte anfangs niemand. Zu wichtig bewertete man die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei, als dass Präsident Erdogan wegen eines kritischen Journalisten eine diplomatische Krise riskieren würde.

Erdogan wollte die Stimmen der Türken für eine Verfassungsänderung

Doch der türkische Präsident sah auch das Potenzial eines Konfliktes mit dem europäischen Partner: Er wollte die Stimmen der Türken für eine Verfassungsänderung, die ihn noch mächtiger machen würde – und hoffte darauf, dass er diese bekommen würde, wenn er mit Deutschland ein Feindbild kreiert.

Türkischer Justizminister durfte nicht in Gaggenau auftreten

Gelegenheit dazu sollte er bald bekommen: Als die Stadtverwaltung von Gaggenau dem damaligen türkischen Justizminister im März 2017 einen Wahlkampfauftritt verbot, stellten regierungstreue Medien dies als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit und direkte Reaktion auf Yücels Inhaftierung dar. Man wolle den „Agentterroristen“ schützen, hieß es.

Türkei ist "nicht mehr die, die wir mal kannten"

„Agentterrorist“, sagt der Journalist mit einem ironischen Unterton, dieses Wort habe der türkische Präsident eigens für ihn kreiert – und weil das eine solche Ehre sei, hat er auch sein Buch so betitelt, das Anfang Oktober erschienen ist. Darin geht es um seine persönlichen Erfahrungen im Gefängnis, die Einzelhaft und Misshandlungen, aber auch um die politische Situation in der Türkei, die so Yücel, „nicht mehr die ist, die wir mal kannten“. Andere Passagen im Buch sind zutiefst persönlich, etwa die, in denen er von der Unterstützung seiner Frau berichtet, die er während der Inhaftierung heiratete.

Deniz Yücel: „Agentterrorist“: Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Hardcover 22 Euro, 400 Seiten, ISBN: 978-3-462-05278-7.

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