Skip to main content

Das stille Leiden

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: „Es ist kein Zeichen von Schwäche“

„Das ist halt die Pubertät.“ Diesen Satz musste sich Katrin (18) oft anhören, bis sie wegen ihrer Depression stationär in die Klinik musste. Wie sie trauen sich auch viele andere Jugendliche nicht, darüber zu sprechen, wenn es ihnen seelisch lange Zeit nicht gut geht.

Rückzug aus dem Leben: Depressionen im Kindes- und Jugendalter sind nicht immer leicht zu diagnostizieren. Viele leiden deshalb noch im Erwachsenenalter unter der psychischen Erkrankung. Foto: Nicolas Armer/dpa

Still und immer stiller wurde Katrin. Irgendwann schwieg sie ganz, weil sie selbst keine Antwort darauf hatte, warum es ihr schlecht ging. Ihr Leben war ja eigentlich gut, es gab keinen Anlass, traurig zu sein. „Ich war total überfordert“, weiß die 18-Jährige heute.

Mit „Das ist die Pubertät“ oder „Jedem geht es mal schlecht“ wurden ihre Probleme heruntergespielt. Da „mal“ aber mehrere Monate dauerte, war ihr irgendwann klar, dass etwas nicht stimmt. Ihr Arzt stellt schließlich fest: Katrin leidet unter Depressionen.

Vier Monate in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Ihren echten Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. „Ich konnte am Anfang nicht viel mit der Diagnose anfangen“, erzählt Katrin. Ihr Arzt überweist sie Anfang 2020 in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Vier Monate bleibt sie dort, klettert, kocht, reitet — gemeinsam mit gleichaltrigen Jugendlichen, denen es geht wie ihr. Und lernt wieder, in sich rein zuhören und über Dinge zu reden, die sie beschäftigen.

Allmählich kommt auch ihre Energie wieder, um den Alltag zu meistern. „Man ist einfach weg und bekommt nicht mit, was um einen herum passiert“, beschreibt sie die Antriebslosigkeit, unter der Menschen mit Depressionen leiden. Um aus den Stimmungsschwankungen schneller raus zukommen, nimmt Katrin Medikamente — „mehr als üblich ist“. Ihre Erkrankung ist physiologisch bedingt, vermutlich weil sie als Frühchen zur Welt kam. Eine weitere Verbesserung ihres Zustands ist möglich, „aber es wird immer bleiben“, weiß sie. „Nur ich komme jetzt besser damit klar.“

Nach ihrem Klinikaufenthalt geht die 18-Jährige wieder zur Schule. Mit der Zeit schafft sie es, mit ihren Freunden über ihre Erkrankung zu reden. Dabei hilft ihr auch ihre Therapie. „Ich kann besser den Ursprung meiner Probleme herausfinden und offener darüber reden“, erklärt sie. Dabei merke sie: Vielen anderen geht es genau wie ihr.

Heute wird genauer hingeschaut als vor 30 Jahren

Laut einer Statistik der AOK Mittlerer Oberrhein waren im Jahr 2018 im Landkreis Karlsruhe 20,5 Prozent aller minderjährigen AOK-Versicherten wegen einer psychischen Erkrankung in ambulanter oder stationärer Behandlung. 4.816 Kinder allein bei dieser Krankenkasse. Der Landesdurchschnitt lag mit 16,8 Prozent deutlich niedriger. „Für das Thema wurde mehr sensibilisiert“, erklärt Victoria Schäufele, Psychologin in der Psychologischen Beratungsstelle in Graben-Neudorf, die Zahlen. Eltern und Lehrer würden bei ihren Kindern heute genauer hinschauen als noch vor 30 Jahren, als Depressionen bei Kindern und Jugendlichen in der klinischen Praxis gar nicht beachtet worden seien.

Depressionen seien die häufigste psychische Störung bei Jugendlichen und ein „stilles Leiden“, erklärt Victoria Schäufele, weil die Gefühlswelt der Betroffenen kaum beobachtbar sei. „Man kann sie gut behandeln, man muss aber hinschauen“, sagt sie. Die Therapie sei dabei das erste Mittel der Wahl. Erst wenn diese keine Fortschritte mache oder Suizidgedanken im Raum stünden, müsse man zu Medikamenten greifen. Suizid ist nach dem Unfalltod die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 24 Jahren.

Psychische Erkrankungen treten vermehrt in der Pubertät auf. „Bleiben sie unerkannt und unbehandelt, können sie auch im Erwachsenenalter immer wieder auftreten“, erklärt die Psychologin. Eine Depression sei von vielen verschiedenen Faktoren abhängig und könne nicht immer auf ein konkretes Ereignis zurückgeführt werden. Biologische, psychische und soziale Aspekte würden ineinander greifen. Für die Diagnostik brauche es deshalb viel Zeit und einen Facharzt oder Psychotherapeuten. „Das kann man nicht einfach mal so feststellen“, sagt sie.

Alarm, wenn Symptome länger anhalten

Alarmierend sei es, wenn Symptome wie Hoffnungs- und Antriebslosigkeit über eine Dauer anhielten und sich nicht wieder von alleine normalisierten. Auch Menschen mit einer guten Resilienz, also psychischen Widerstandskraft, könnten eine Depression bekommen. „Der Rucksack von resilienten Menschen ist immer leichter, aber auch da können die Dämme brechen“, erklärt sie.

Die 18-jährige Katrin rät Jugendlichen, denen es geht wie ihr, sich selbst ernst zu nehmen und sich selbst so wichtig zu sein, dass man über seine Probleme spricht. „Es ist kein Zeichen von Schwäche“, sagt sie, „sondern es ist einfach nicht normal, wenn es einem lange nicht gut geht.“

nach oben Zurück zum Seitenanfang