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Entscheidung im Kreistag

Der Landkreis Karlsruhe will schon 2035 klimaneutral sein

Der Landkreis Karlsruhe will seine Klimaschutzziele gemeinsam mit den Kommunen schneller als ursprünglich geplant umsetzen. Dazu soll unter anderem mehr Transparenz entstehen.

Der Konflikt lohnt sich nicht überall: Der Landkreis Karlsruhe macht Solarenergie und Photovoltaik zu einem seiner Schlüsselfaktoren, um erneuerbare Energie voranzubringen. Noch seien vielen Dächer und Flächen ungenutzt. Foto: Symbolbild: Gustavo Alabiso / VISUM Gustavo Alabiso / VISUM

Dem Landkreis Karlsruhe geht es nicht schnell genug. Schon 2035 will er „zeozweifrei“ sein. Ursprünglich war das Ziel erst für das Jahr 2050 angesetzt. Dieses müsse man aber ehrgeiziger fassen, sagt Landrat Christoph Schnaudigel. Denn das mit dem Pariser Klimaabkommen zugesprochene CO2-Budget sei 2026 bereits aufgebraucht. Über den neuen Zeitplan entscheidet der Kreistag am Donnerstag in Bruchsal.

„Erstmal müssen wir uns auf den politischen Willen einigen“, so Schnaudigel. Anschließend folge der konkrete Handlungsauftrag. „Wenn wir nichts tun, werden wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfehlen“, ergänzt er. Die wichtigsten Fragen zur Entscheidung beantwortet Redaktionsmitglied Janina Keller.

Warum beschleunigt der Landkreis sein Klimakonzept?

Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts für ein schärferes Klimaschutzgesetz habe die Entscheidung nichts zu tun, betont Schnaudigel. Er sagt auch: „Den Klimanotstand auszurufen ist plakativ, aber dabei wird kein Gramm CO2 eingespart.“ Bei der Gründung der Umwelt- und Energieagentur Kreis Karlsruhe vor zwölf Jahren habe das Klimaschutzkonzept im Vordergrund gestanden. Der Energiebedarf soll um die Hälfte reduziert werden, der Rest ohne CO2-Emissionen aus regionalen erneuerbaren Energien entstehen. Um 15 Prozent konnte der CO2-Ausstoß in den vergangenen zehn Jahren gesenkt werden. Doch das reiche nicht, betont Schnaudigel. Circa 22.500.000 Tonnen CO2 habe der Landkreis als Budget erhalten, dieses sei jedoch ohne eine Veränderung in fünf Jahren aufgebraucht. „Eigentlich wissen wir, wie es geht. Jetzt müssen wir ins Tun kommen“, sagt Birgit Schwegle, Geschäftsführerin der Umwelt- und Energieagentur.

Wie will der Landkreis das Ziel bis 2035 erreichen?

Die Emissionen könnten um weitere 90 Prozent reduziert werden. Das bedeute einen Pro-Kopf-Ausstoß von etwa 0,7 Tonnen CO2 im Jahr pro Bewohner, heißt es in der Vorlage zum Kreistag. Das Konzept des Landkreises basiere auf drei großen Bereichen. Im Stromsektor müsse man den Ausbau von Fotovoltaik-Anlagen voranbringen, erläutert Schwegle. „Wir haben ein riesiges Potenzial, aber nur zwölf bis 15 Prozent der geeigneten Flächen sind belegt“, sagt sie. Schwerpunkt seien die Dächer, aber auch Parkplätze und Freiflächen nehme man in den Blick. Eine weitere Säule sei die Wärmeversorgung. Rund 50 Prozent des Energiebedarfs fließe dort hinein, so Schwegle. Künftig soll eine Mischung aus Wärmenetzen und Einzelheizungen in einer überregionalen Strategie Ressourcen bündeln. Auch das Thema Energiesparen und Energieeffizienz müsse stärker angegangen werden. Der Fahrplan sei in den Köpfen schon konkret, so Schwegle. „Wir müssen diesen jetzt unterlegen mit Investitionskosten, mit der Organisation der Aufgaben und Akteuren“, resümiert sie.

Wie geht der Landkreis mit Kritikern erneuerbarer Energien um?

Erneuerbare Energie wie Tiefengeothermie oder Windkraft sind neben Solarenergie wesentliche Bestandteile des Konzeptes. Doch die Alternativen haben nicht nur Befürworter sondern auch Kritiker. „Überzeugungsarbeit und Transparenz sind notwendig“, vermutet Landrat Schnaudigel. „Und vielleicht die Erkenntnis, dass wir uns nicht einerseits freuen können, wenn E-Autos in der Stadt fahren, aber der Strom dafür nicht auch vor Ort produziert wird.“ Er bezeichnet das als zwei Seiten einer Medaille. Dennoch müsse sich der Landkreis fragen, wo es sich lohne, Konflikte auszutragen. Schwegle stimmt zu: „Wir müssen die Bürgerschaft stark und aktiv beteiligen.“ Nur so erhalte man die notwendige Akzeptanz.

Wie sollen Bürger einbezogen werden?

Das letzte Klimaschutzkonzept aus dem Jahr 2010 sei sehr wissenschaftlich gewesen, so Schwegle. Um die Bürger besser mitzunehmen, gibt es auf der Website des Landratsamts künftig eine Story Map: Interaktive Karten mit Daten, Fakten und Erläuterungen, erzählt wie eine Geschichte. Bürger können direkt auf ihre Kommune klicken und sich informieren. „Wir haben versucht, den Themenkomplex einfach und plausibel näherzubringen“, sagt Schwegle.

Was kostet das Konzept Landkreis und Kommunen?

Manches werde sogar günstiger, betont Schnaudigel. Er nennt Beispiele wie die Sanierungsprogramme von Gebäuden. Wer rechtzeitig handle, spare bei der CO2-Bepreisung. Diese führe zu einem Umdenken in der Kommunalpolitik, sagt er. Bei Investitionen könne man die Kosten und Einsparungen vergleichen. Der Landkreis legt seinen Berechnungen einen CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne zugrunde. „Wichtig ist, dass die Kommunalpolitik die Vorbildrolle einnimmt und vorausgeht“, ergänzt Schwegle. Dazu brauche es Partner etwa aus der Industrie und bei den Energieversorgern. Der Preis für CO2 mache viele Projekte auf einmal wirtschaftlich.

Welche Rolle übernimmt die Umwelt- und Energieagentur?

„Die Energie wird nicht eingespart durch ein Klimaschutzkonzept, sondern durch konkretes Handeln“, sagt Landrat Schnaudigel. Die Aufgabe der Umwelt- und Energieagentur sei es, dieses zu planen, zu organisieren und Wissen an Kommunen weiterzugeben. Nicht jede Gemeinde können ein eigenes Gutachten machen oder einen Fachplaner einstellen, so Schnaudigel. Schwegle setzt auf Netzwerkarbeit. Seit 2020 kommen etwa in der Klimaschutzwerkstatt Vertreter aus 16 Kommunen und dem Landkreis zusammen. 300 Maßnahmen wurden bereits katalogisiert. Oft stünden die Kommunen vor denselben Themen, bilanziert Schwegle. „Wir bringen alle auf ein Level und schaffen Verständnis, was per Gesetz zu tun ist, wo eine Kommune handeln kann und wo andere Akteure nötig sind.“

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