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Keine Lurche im Schlossgarten

Die Karlsruher Kröten sind Corona-Opfer

Keine Kröten am See: Es gibt dieses Jahr keine Jungkröten am Karlsruher Schlossgartensee. Der Ausfall der Lurchpopulation ist eine mittelbare Folge von Corona: Die Karpfen fraßen den Laich als Brotersatz, während der Park acht Wochen für Besucher abgesperrt war.

Trügerische Naturidylle in der Stadt: Der See im angelegten Schlossgarten zieht gerade nach der Corona-Krise mit dem Liebreiz der Kunstlandschaft die Menschen an. Dabei kommen sie diesmal auf der Wiese nicht winzigen Jungkröten ins Gehege, die sich auf den Weg vom See zum Wald machen. Foto: Sandbiller

Bei den Schlosspark-Kröten fällt ein ganzer Jahrgang aus. In diesen Junitagen müsste es eigentlich auf der Wiese am Seeufer wuseln. Doch kein winziges Krötlein hüpft aus dem Wasser, um sich so schnell wie möglich ins Unterholz des Hardtwalds zu schlagen.

Dorthin sind ihre Eltern längst zurückgekehrt, nachdem sie Anfang März wie all die Jahre aus dem Wald zur Paarung im See hüpften: die Männchen huckepack auf den Weibchen. „Die Kröten sind gewandert wie immer, und sie haben gut abgelaicht“, bestätigt Ulrike Rohde, Ökologin im Umweltamt der Stadt.

Huckepack werden die Krötenmännchen von den größeren Lurchweibchen Anfang März zum Laichgewässer, dem Karlsruher Schlossgartensee, getragen. Foto: jodo

Doch dann kam der Lockdown wegen Corona auch für die Tiere im Schlossgarten . Am 17. März ließ die Schlossverwaltung des Landes die Parktore schließen, damit sich wegen der Ansteckungsgefahr in der Pandemie die Menschen nicht distanzlos auf den Parkwiesen tummeln oder sich auf den Bänken am See zu nahe kommen. Acht Wochen blieben die Karlsruher aus der einst fürstlichen Anlage ausgesperrt – und die Kröteneier im See sich allein überlassen.

Kaulquappen wachsen normalerweise ohne Hilfe

Gewöhnlich müssen sich die Naturschützer im Gelegestadium auch nicht um die Amphibien kümmern. Die Eier entwickeln sich in den wärmer werdenden Tagen von selbst. Wenn man die Klumpen aus Gallertschnüren nicht anrührt, schlängeln sich bald die Kaulquappen frei. Rasch bekommen sie Beine, und per Metamorphose sind geschwind Jungkröten im Fingernagel-Format im Schlossgartensee herangewachsen.

Großes Gewimmel: Tausende Jungkröten sammeln sich in anderen Jahren im Juni am Ufer, um aus dem Schlossgartensee zu krabbeln. Foto: jodo

Doch nachdem der Park nach dem Abebben der Infektionswelle wieder zugänglich war, reiben sich Naturfreunde die Augen: Keine Quappen schwimmen im See, keine Krötlein recken ihr Lurchmäulchen in die Höh.

Coronavirus führte Ausfall der Population herbei

Es gibt keine Kröten. Für diese Schlossgartenpopulation ist 2020 ein Totalausfall. Dabei sind sich die Experten einig, berichtet Rohde auch von der Einschätzung der Amphibienschützer vom BUND. Dahinter steckt Corona. Das Virus hat mittelbar den Krötennachwuchs ausgelöscht. Letztlich aber ist auch diese Tragödie in der Stadtnatur vom Menschen gemacht.

Zunächst ist der Schlossgartensee ohnehin ein angelegtes Kunstgewässer, wo nur eingeschränkt natürliche Bedingungen herrschen. Nicht nur die Hardtwald-Kröten nutzen ihn als Medium für ihre Fortpflanzung. Das Gewässer an der Betonbühne der Bundesgartenschau von 1967 ist ein Karpfenteich. Und die relativ großen Fische haben Hunger. Gewöhnlich wird er – natürlich gegen das Verbot des städtischen Naturschutzes – von Menschen gestillt. Parkbesucher füttern illegal die Enten und die Fische.

Karpfen bekamen ohne Futter Hunger

Corona aber sperrte die Zweibeiner mit den Brotbeuteln acht Wochen aus – und die Karpfen bekamen ihr Maul nicht mehr gestopft. Eigentlich ganz natürlich, dass sie sich da an den Krötengelegen gütlich taten und den Laich ratzeputz auffraßen.

An diese Konsequenzen der Corona-Maßnahme, den Schlossgarten abzuschotten, hatte man nicht gedacht: Die Futterkette war für die Fische abgerissen – und so schnappten sie sich die Kröteneier. Die Enten haben als Vegetarier wohl selbst in der durch Corona ausgelösten Not ohne Brot lieber Gras als Kröteneier geschlungen.

Mast im Karpfenteich

Dass auch eine Überpopulation im Karpfenteich dieses Auffressen ausgelöst hat, lässt ebenfalls den Menschen nicht aus der Verantwortung: Zum einen werden die einzelnen Fische eben mit Teigkrümeln gemästet, zum anderen wächst bei dieser Überversorgung auch ihre Anzahl im See.

„Wir müssen auch darüber sprechen, dass im Schlossgartensee nicht wie in anderen Jahren und an anderen Gewässern wie in der Günther-Klotz-Anlage abgefischt worden ist“, erklärt Expertin Rohde. Überhaupt werde man jetzt in großer Runde der Naturschützer zusammen mit der Schlossgartenverwaltung beraten, welche Schlüsse aus dem Exitus dieser Kröten-Generation zu ziehen sind, berichtet die Frau vom Umweltamt. „Wir sind entsetzt und erschreckt“, bekennt sie.

Die Population der Kröten ist durch diesen Ausfall nicht bedroht.
Ulrike Rohde, Ökologin im Karlsruher Umweltamt

Aber Ulrike Rohde weiß auch Trost: „Die Population der Kröten ist durch diesen Ausfall nicht bedroht“, versichert sie. Die Erdkröten, deren Individuen zwölf Jahre alt werden, kommen im nächsten Frühling wieder zum See. Nicht noch einmal wollen die Naturschützer das Gelege den Fischen zum Fraß überlassen. Ob die Ökologen dann bei einer mit der Corona-Krise 2020 vergleichbaren Situation bereit wären, den hungrigen Fischen Brot zu geben, um das Leben der Kröten zu schützen?

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