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Sinnvoller Ressourcen-Umgang

Ein Kleiderschrank für alle steht in Karlsruhe-Durlach

Dieser Kleiderschrank würde bei der wöchentlichen Spindkontrolle in einer Bundeswehrkaserne mit Sicherheit beanstandet: Unsortiert liegen gleich mehrere blaue und graue Jeanshosen auf dem oberen der drei Regalböden des weißen Holzschrankes. Wer dazu ein dunkles Sakko sucht, wird eine Etage tiefer fündig.

Der öffentliche Kleiderschrank in der Durlacher Zehntstraße wird rege genutzt. Eingerichtet wurde er von Pastor Immanuel Grauer und seiner Gemeinde. Foto: jodo

Für farbliche Abwechslung sorgen ein in Blautönen kariertes Beinkleid sowie eine lilafarbene Winterjacke. Wer an einem dieser Kleidungsstücke Gefallen findet, sollte sich sputen. „Der Schrank wird rege frequentiert. Eigentlich werden jeden Tag neue Sachen herausgenommen und hineingelegt“, sagt Pastor Immanuel Grauer von der evangelischen Gemeinde „per.DU“ in Durlach.

Auch interssant:

Was sich anhört wie die Zustandsbeschreibung eines ganz normalen Kleiderschranks, ist in diesem Fall allerdings eine Besonderheit. Das knapp zwei Meter hohe Möbelstück im Innenhof der Zehntstraße 4 ist nämlich der erste öffentliche Kleiderschrank in Karlsruhe. Der Austausch von gebrauchten Kleidungsstücken ist deshalb ausdrücklich erwünscht.

Hochwertige Kleidungsstücke nicht einfach wegwerfen

„Damit wollen wir die Menschen zum Nachdenken und zum Umdenken anregen. Auch Kleider sind schließlich Ressourcen, mit denen man sorgfältig umgehen sollte“, sagt Grauer. Das bedeutet: Hochwertige Kleidungsstücke sollen nicht einfach weggeworfen, sondern anderen Menschen zum Weitertragen zur Verfügung gestellt werden.

Die Regeln für den Schrank sind klar definiert: Kleiderstücke können jederzeit herausgenommen und hineingelegt werden. Nicht erwünscht sind lediglich Unterwäsche, Socken, Sportsachen und verschlissene Klamotten. „Der Kleiderschrank ist eine Tauschbörse für Sachen, die man selbst noch tragen würde, aber aus irgendwelchen Gründen nicht mehr anziehen will. Ein positiver Nebeneffekt wäre natürlich, wenn Leute aus der Nachbarschaft sich am Schrank treffen und miteinander ins Gespräch kommen“, sagt Grauer.

Idee stammt von der Kirchengemeinde

Die Idee zu dem öffentlichen Kleiderschrank hatten die Initiatoren der Kirchengemeinde aus anderen deutschen Städten mit nach Durlach gebracht. Für Optimismus sorgte dazu die positive Resonanz auf die vielen öffentlichen Bücherschränke im Stadtgebiet.

Rückblick: Mit der Einrichtung des ersten öffentlichen Bücherschranks auf dem Werderplatz löste die Bürgerstiftung Karlsruhe vor zehn Jahren einen regelrechten Boom aus. Viele Bürgervereine und Ortschaftsräte zogen nach, mittlerweile gibt es in fast allen Stadtteilen mindestens einen ehrenamtlich betreuten Bücherschrank.

Noch niemand kopierte das Konzept

Eigentlich wollte die Kirchengemeinde „per.DU“ mit dem Aufstellen des Kleiderschranks ebenfalls Nachahmer auf dem Plan rufen. Doch auch ein Dreivierteljahr nach der offiziellen Eröffnung hat noch niemand das Konzept kopiert. „Wahrscheinlich wäre die Resonanz auf das Projekt noch höher, wenn der Schrank gut sichtbar an einem markanten und hoch frequentierten Platz stehen würde“, sagt Grauer. Ursprünglich wollte die Gemeinde den Schrank auf dem Saumarkt aufstellen. Dieser Plan scheiterte allerdings am Veto des Durlacher Ortschaftsrates. Die Räte hätten wohl Angst vor Vandalismus und herumliegenden Kleidungsstücken gehabt, mutmaßt Grauer. „Natürlich muss ein solcher Schrank betreut werden. Aber das müssen die Bücherschränke auch“, sagt der Pastor. Schließlich sei der Schrank im Innenhof der Gemeinde vom Altstadtring für Passanten ebenfalls leicht erreichbar.

Gemeindehof bester Kompromiss als Standort

Für den Durlacher Stadtamtsleiter Thomas Rößler war die Standortwahl für den ersten öffentlichen Karlsruher Kleiderschrank ein Kompromiss. Auf dem Saumarkt oder vor der Karlsburg sei eine derartige Installation wegen der Veranstaltungen schlichtweg nicht möglich, so Rößler. Und die von Ortsverwaltung und Ortschaftsrat ins Spiel gebrachten Vorschläge seien der Gemeinde zu weit vom Zentrum der Altstadt entfernt gewesen. „Letztlich war das Aufstellen des Schranks im Gemeindehof die beste Lösung für alle Beteiligten“, betont Rößler. Angst vor Vandalismus habe bei der ablehnenden Haltung des Stadtamts beim Standort Saumarkt dagegen keine Rolle gespielt, stellt Rößler klar. Bei den öffentlich zugänglichen Durlacher Bücherschränken hielten sich Sachbeschädigungen ebenfalls in Grenzen.

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