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Schwerer Luftangriff 1944

Eine Aprilnacht brachte den Tod: Vor 75 Jahren wurde Karlsruhe-Rintheim bombardiert

In der Nacht vom 24. zum 25. April 1944 geht ein Bombenhagel auf Karlsruhe-Rintheim nieder. Ab Mitternacht heulen die Sirenen, um 0.25 Uhr beginnt der fast einstündige Luftangriff, auch in Hagsfeld, der Oststadt, Durlach, Grötzingen und Berghausen.

In Schutt und Asche legen fehlgeleitete Brand- und Sprengbomben in der Nacht vom 24. zum 25. April 1944 die allermeisten Häuser in Rintheim. Danach ist der Vorort praktisch entvölkert: Nur zehn Familien haben noch ein Dach über dem Kopf. Foto: Lacker

Letzte Zeitzeugen und engagierte Heimatforscher halten die Erinnerung wach. Die evangelische Kirchengemeinde und der Bürgerverein Rintheim gedenken am Sonntag, 28. April, um 10 Uhr in einem Gottesdienst in der Kirche "Zum Guten Hirten" der Bombennacht.

Im Gemeindehaus sind anschließend Fotos aus der Zeit vor 75 Jahren zu sehen. Die weitgehende Zerstörung des dörflichen Rintheim durch die Fliegerbomben ist Auftakt eines furchtbaren Jahres in Karlsruhes Stadtgeschichte, erläutert der Leiter des Stadtarchivs, Ernst Otto Bräunche.

Im September 1944 fallen eine halbe Million Brandbomben auf Karlsruhe

1944 treffen alliierte Luftangriffe die Stadt mit voller Wucht. Nach dem 25. April 1944 sterben bis Anfang September in fünf heftigen Luftangriffen bei Tag weitere 925 Menschen. Dabei stehen die Angriffe mit den schwersten Folgen noch bevor: Am 27. September 1944 verwandelt fast eine halbe Million Brandbomben die Stadt in ein Flammenmeer. Nur dank der breiten Straßen der Barockstadt, den vielen geräumigen Plätzen und schon allenthalben klaffenden Lücken vorangegangener Zerstörungen sei kein Feuersturm entstanden, so Bräunche.

Am 4. Dezember 1944 zerstören fast 900 englische Bomber die Stadt beim größten Angriff mit Sprengbomben weiter. Bei Kriegsende sind 135 Angriffe auf Karlsruhe gezählt. Mehr als 4.000 Bomber werfen mindestens 12.000 Sprengbomben ab. Dadurch sterben 1.745 Menschen, 3.508 werden verletzt. Von 17.134 Wohnhäusern bleiben nur 3 414 heil. Dora Killi, Jahrgang 1934, hat dem Rintheimer Pfarrer

Wir sind die ganze Nacht im Keller gesessen und haben die Einschläge gehört

Eberhard Weber von der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 erzählt, als die Bomben britischer Flugzeuge auf Rintheim fielen. „Wir sind die ganze Nacht im Keller gesessen und haben die Einschläge gehört. Dann ging mein Vater nach oben. Zu unserem Glück konnte er den Brand löschen, sonst wäre unser Haus auch zerstört worden“, sagt Dora Killi. Wie sie als junges Mädchen die Schreckensnacht erlebte, wird sie im Gedenkgottesdienst im Gespräch mit ihrer Enkelin Cordula Enderle berichten.

Zahlreiche Menschen sterben

Die Predigt hält der Prälat des Kirchenkreises Nordbaden der Evangelischen Landeskirche, Traugott Schächtele. Pfarrer Eberhard Weber hat sich intensiv mit der Geschichte Rintheims beschäftigt. Zu Karlsruhes Stadtjubiläum 2015 erarbeitete er einen historischen Rundgang durch den Stadtteil. Darin spielen die Zerstörungen in der Bombennacht eine große Rolle.

„Es gab 72 Tote zu beklagen, die meisten davon in einem Schutzraum an der Ecke von Huttenstraße und Rintheimer Hauptstraße“, erklärt der Pfarrer. Den Schutzraum trifft eine Luftmine. Mehr als 70 Prozent der Gebäude werden Webers Recherchen zufolge ganz zerstört oder schwer beschädigt, darunter auch das Rintheimer Rathaus und die Kirche „Zum Guten Hirten“ in der Rintheimer Hauptstraße.

Das Ende des dörflichen Lebens: Die ausgebrannte Rintheimer Kirche ragt nach dem Luftangriff Ende April 1944 über zerstörten Häusern und ruinierten landwirtschaftlichen Nutzflächen auf. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

600 Bomber, schreibt Bräunche, laden in der Aprilnacht 1944 über dem östlichen Stadtgebiet ihre tödliche Fracht ab. Sie tötet in Rintheim und Grötzingen 118 Menschen. Auch Hagsfeld und Berghausen trifft es. Es sind unterschiedliche Sprengsätze, so Weber: 200 Luftminen, 800 Sprengbomben und mehr als 200.000 Brandbomben. Das verstärkt die Angriffswucht.

Getroffene Vororte waren gar nicht das Ziel

Die getroffenen Vororte sind eigentlich gar nicht das Ziel. „Die britische Luftwaffe wollte den Güterbahnhof in der Oststadt zerstören“, berichtet Weber. Als Markierung abgeworfene, landläufig „Christbäume“ genannte Leuchtzeichen werden jedoch durch einen Gewittersturm nach Nordosten abgetrieben. Von Dora Killi und anderen Zeitzeugen weiß Weber, wie es nach dem Angriff in Rintheim aussah.

„Alle haben mir erzählt, dass Rintheim fast entvölkert war, weil so viele Häuser zerstört waren.“ Die meisten kommen bei Verwandten in den umliegenden Dörfern wie Spöck oder Blankenloch unter. Nur zehn Familien bleiben wohl in Rintheim. Aber auch sie verlassen nachts ihre Häuser, weil sie weitere Angriffe befürchten.

Ende des dörflichen Lebens in Rintheim

Für den Stadtteil hat der Angriff anhaltende Folgen. Denn neben den Wohngebäuden sind auch Nutzflächen nicht mehr zu gebrauchen. „Vor dem Krieg hatte Rintheim einen dörflichen, landwirtschaftlichen Charakter. Der war nach dem Wiederaufbau nicht mehr vorhanden“, so Weber. Weil auch die Kirche in Flammen aufgegangen ist, muss man improvisieren.

Vor dem Krieg hatte es in Rintheim und den benachbarten Stadtteilen nur wenige Katholiken gegeben, die Gottesdienst in einer Notkirche in Hagsfeld hielten. Diese Kirche nutzen nach dem Krieg beide Konfessionen, bis 1954 die neu aufgebaute evangelische Kirche geweiht wird. „Wenn man so will, war das der erste Schritt zur Ökumene – aus der Not geboren“, sagt der evangelische Pfarrer.

Das waren nicht die Engländer, sondern die Nationalsozialisten, die den Krieg angezettelt haben

Eberhard Weber freut sich, dass Dora Killi bereit ist, im Gottesdienst aus ihrem Leben zu erzählen. Denn viele Zeitzeugen leben nicht mehr. Weber rührt auch Dora Killis Antwort auf die Frage, wer schuld an dem Angriff ist. „Sie hat mir gesagt: ,Das waren nicht die Engländer, sondern die Nationalsozialisten, die den Krieg angezettelt haben“, so der Pfarrer.

Auf die Geschichte zurückzuschauen, müsse auf die Gegenwart wirken, sagt Weber: „Gedenken und Erinnern sind wichtig, aber man muss auch bereit sein, aus der Geschichte zu lernen.“ Der Rückblick auf die Bombardierung Rintheims sei ein klarer Auftrag, sich für Frieden in der Welt einzusetzen.

Mitarbeit: Heinz G. Klusch
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