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Letzte Locken

Endspurt vor dem Lockdown: Nach zwei Großkampftagen müssen die Friseure die Scheren jetzt ruhen lassen

Waschen, Schneiden, Föhnen im Halbstunden-Takt: Zwei Tage lange wussten die Friseure vor lauter Arbeit nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Der Endspurt vor dem zweiten Lockdown ist eine echte Herausforderung. Physisch und psychisch.

Letzter Haarschnitt 2020: Ab heute und voraussichtlich bis 10. Januar müssen auch die Friseure zu bleiben. In den vergangenen zwei Tagen legten Friseurmeister wie Ilias Gkantounas von „Schröders“ in Ettlingen-West deshalb Sonderschichten ein und arbeiteten trotz Ruhetag. Foto: Andrea Fabry

In Zeiten einer Pandemie kann sich Vieles zu einem Problem auswachsen. Erst recht ein Bubikopf, der eigentlich alle vier Wochen nachgeschnitten gehört. Den ersten Lockdown im Frühjahr hat Maya noch in schrecklicher Erinnerung. Sechs Wochen musste ihr Friseur damals geschlossen bleiben. Sechs lange Wochen, die der jungen Frau mit dem ultrakurzen Pixie Cut wie Jahre vorkamen.

„Ich sah aus, ey“, sagt sie und schüttelt bei der Erinnerung angewidert den Kopf. Jetzt betrachtet sich Maya zufrieden im Spiegel und streicht mit der Hand über ihren frisch geschorenen Nacken. Kurz und glatt – genau so soll es sein. Für Maya kann Weihnachten kommen.

Der traditionelle Ruhe-Montag fiel für viele aus

Dass die Karlsruherin am letzten Tag vor dem Lockdown überhaupt noch geschoren davon kam, hat sie der Haarkünstlerin ihres Vertrauens zu verdanken. „Sara rief mich am Sonntag auf dem Handy an und bot mir den Termin heute an“, erzählt sie. Diesen Spezialservice ließen am Wochenende viele Friseure in ganz Deutschland ihren Stammkunden angedeihen. Eric Schneider aus Karlsruhe war auch darunter.

Während die Politiker am Wochenende in Berlin noch über die letzten Details des Lockdowns berieten, nahm er sich sein Adressbuch vor. „Als der Ministerpräsident die Schließungen ab Mittwoch ankündigte, hab ich sofort sehr viel telefoniert“, sagt der Friseurmeister. Seinen traditionellen Ruhetag am Montag kappte der Figaro ganz pragmatisch. „Punkt sieben habe ich die Ladentüre aufgeschlossen und Kunden hereingelassen.“

Termine im Halb-Stunden-Takt

Waschen, Schneiden, Färben und Föhnen im Halbstunden-Takt. Vor lauter Haaren weiß Friseurin Sabrina Schröder am Montag und Dienstag manchmal nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Dazu klingelt alle fünf Minuten das Telefon. Aber: Nein. Sorry – Termine gibt es schon lange keine mehr. Da braucht Azubi Ana-Maria Obst gar nicht erst ins Auftragsbuch zu schauen. „Das ist alles so mega-übel“, sagt die Chefin zwischen zwei Kunden. Die erste Zwangsschließung habe sie dank staatlicher Hilfen und Kurzarbeitergeld halbwegs überstanden. Aber jetzt?

Voller Hoffnung hatten Sabrina Schröder und ihre Kollegen erst Anfang Dezember einen neuen Salon eröffnet. Der Schwung des Neubeginns fiel am Sonntag wie eine schlechte Föhnfrisur in sich zusammen. Immerhin steht das siebenköpfige Team in diesen Tagen fest zusammen. Überstunden sind Ehrensache und zum Jammern ist ab Mittwoch dann genug Zeit.

Weihnachten ist die umsatzstärkste Zeit für die Friseure

Die Zwangsschließung über die Weihnachtstage trifft die Friseure ganz besonders hart. „Das ist traditionell unsere stärkste Zeit“, erklärt Eric Schneider. Weil nun besonders viele Familienbesuche anstehen und etliche Fotos für die Familienalben gemacht würden, sei vielen Kunden ihr gutes Aussehen ganz besonders wichtig. Gar nicht gut sehen dagegen viele Kleinbetriebe der Branche aus.

Schneider, der auch als Sprecher der Friseurinnung Karlsruhe und Bretten aktiv ist, fürchtet, dass dieser zweite Lockdown vielen Ein-Personen-Betrieben den Garaus machen könnte. „Durch meine Innungsarbeit weiß ich, dass einige davon richtig existenzielle Sorgen haben“, berichtet er. Aber auch junge Betriebe sieht er in großer Gefahr. „Die haben gerade erst aufgemacht, das ganze Ersparte ist weg. Da kommt eine Schließung einer Katastrophe gleich.“

Kundin Ute Gradert ist froh, dass sie kurz vor Toresschluss noch einen Termin bei ihrer Lieblingsfriseurin Valentina Balzano erhalten hat. Dafür ist sie extra von Rheinstetten nach Ettlingen gefahren. Das Nachschneiden, Blondieren und Färben hat etliche Zeit in Anspruch genommen. Während die Friseurin letzte Hand anlegt, hält die Kundin mit ihrer Meinung zur Krise nicht hinterm Berg. „Diese Regelungen versteht kein Mensch mehr“, sagt sie vehement. „Außerdem sind sie völlig übertrieben.“

Kunden sind solidarisch

80 Köpfe und 80 Meinungen haben Eric Schneider und seine drei Friseurkollegen in den vergangenen 48 Stunden kommen und gehen sehen. Fast immer war das Virus Thema. Jetzt ruhen Scheren, Kämme und Diskussionen erst einmal. Mit einem „Guten Rutsch und hoffentlich bis bald“ haben auch Sabrina Schröder und ihr Team etliche Kunden zum letzten Mal in diesem Jahr verabschiedet.

Immerhin: ein Gutes habe der Lockdown doch. „Ich habe eine ganz große Solidarität von Seiten der Kunden gespürt“, berichtet Friseurmeister Schneider. Er habe durch die Krise erfahren, wie wichtig die Arbeit der Friseure den Menschen sei. Und noch ein Gutes gebe es: Zum allerersten Mal seit er berufstätig ist, muss der Friseur zwischen Weihnachten und Neujahr nicht arbeiten.

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