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Pro und Kontra

Angemessen oder unverhältnismäßig: Sollte die Mohrenstraße in Ettlingen umbenannt werden?

Die weltweite Rassisdebatte sorgt für Emotionen – auch in der Kleinstadt Ettlingen. Das Bündnis gegen Rassismus und Neonazis will in einer Umfrage herausfinden, ob die Bürgerinnen und Bürger eine Umbenennung der Mohrenstraße wünschen. Ein Pro und Kontra.

Den Namen Mohrenstraße in Ettlingen kritisiert eine Initiative in Ettlingen als rassistisch. Aktivisten wollen einen Umbenennung. Foto: Werner Bentz

Die weltweite Rassismusdebatte sorgt für Emotionen – auch in der Kleinstadt Ettlingen. Das Bündnis gegen Rassismus und Neonazis will in einer Umfrage herausfinden, ob die Bürgerinnen und Bürger eine Umbenennung der Mohrenstraße wünschen.

Die Bezeichnung sei in der deutschen Kolonialzeit entstanden. Sie sei der Ausdruck eines Menschenbildes, das nicht mehr in die heutige Zeit passe, und ein Zeichen von Alltagsrassismus.

Andere Bürger sehen den Namen unproblematisch, da der Begriff „Mohr“ auch durchaus positiv besetzt sei. Die Meinungen dazu gehen auseinander – auch bei unseren Redakteuren Tanja Rastätter und Johannes-Christoph Weis.

Pro (Tanja Raststätter): „Der Ausdruck diskriminiert Schwarze, weil er für ein stereotypes Bild steht, das mit dem realen Menschen nicht viel zu tun hat”

So wie Häuserfassaden von Zeit zu Zeit einen neuen Anstrich erhalten, sollten auch Straßennamen das Recht auf Erneuerung haben. Im Fall der „Mohrenstraße“ gilt das besonders: Früher mag der Begriff des „Mohrs“ noch als neutral gegolten haben, heute verbinden ihn viele mit Rassismus.

Der Ausdruck diskriminiert Schwarze, weil er für ein stereotypes Bild steht, das mit dem realen Menschen nicht viel zu tun hat. Vielen kommt der Straßenname mit rassistischem Hintergrund über die Lippen – aber dann müssen sie ihn trotzdem schreiben, damit die Post ankommt.

Muss das denn sein?

Aktuelle Bewegungen wie „Black Lives Matter“ liefern die gesellschaftlichen Impulse, hier aktiv zu werden. Eine Umbenennung wäre ein tolles Zeichen für Toleranz und Miteinander der Ettlinger Bürger. Diese könnten so etwas schaffen, was Berlin bisher nicht hinbekommen hat: Dort wird die Umbenennung der Mohrenstraße schon länger diskutiert.

Es gibt so viele schöne Namen und auch beeindruckende Menschen, nach denen man eine Straße benennen könnte. Aus der Umbenennung könnte man eine schöne Aktion machen: Die Bewohner wählen sich ihren Straßennamen selbst aus und stimmen ab.

Natürlich kann man Straßen nicht willkürlich umbenennen. Aber wenn der Gemeinderat zustimmt und die Bewohner mit dem neuen Namen leben können, sollte es kein Problem sein. Die Taufe könnten die Anwohner mit einem Straßenfest verbinden.

Ein Gefühl der Gemeinsamkeit anstelle des rassistischen Mohren-Begriffs, der für Unfrieden und Spaltung sorgt – das wäre doch ein schöner Startpunkt für eine neue Zeit.

Kontra (Johannes-Christoph Weis): „Es war schon immer falsch, dem jeweiligen Zeitgeist blind nachzulaufen”

Ist es sinnvoll in Ettlingen den Namen „Mohrenstraße“ zu tilgen, nur weil eine aufgeheizte Stimmung aus Amerika über den Ozean schwappt?

Es war schon immer falsch, dem jeweiligen Zeitgeist blind nachzulaufen.

Die große Gefahr besteht, dass Menschen, denen es um ein gutes Miteinander aller Menschen geht, für andere politische Ziele instrumentalisiert werden, ohne es zu merken. Wer sich mit Geschichte ernsthaft beschäftigen will, darf sich nicht von emotionalen Massenbewegungen treiben lassen. Bilderstürmer, die alles mit weißer Farbe übertünchen, helfen einer abwägenden Erinnerungskultur nicht.

Aus der Rechtsprechung kennt man den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Es gilt immer ein milderes, geeigneteres Mittel in Betracht zu ziehen. Statt den Straßennamen zu entfernen, wäre ein erläuterndes Zusatzschild als Ergänzung viel effektiver. Es würde die Auseinandersetzung mit Rassismus fördern. Eine Umbenennung tut so, als hätte es ihn nie gegeben.

Sie würde viele Ettlinger irritieren, die andere Erinnerungen an die Straße haben und viele schöne Stunden in dem früheren „Hotel Mohren“ verbrachten. Zum Glück gibt es in Ettlingen keine Kantstraße. Der größte deutsche Philosoph sprach von „wertvollen“ und „minderwertigen“ Rassen.

Und Goethe begegnete beim Besuch in Karlsruhe dem berühmten mongolischen Hofmaler Ivan Kalmück, und bemerkte lächelnd zu einem Gesprächspartner: „Ausgestopft müsste der sich im Naturalienkabinett gut ausnehmen.”

Müssten wir dann nicht auch den Namen des großen Dichterfürsten – bundesweit– ersetzen?

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