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Unmut wächst

Corona-Verbote: Ettlinger Einzelhändler beklagen Willkür bei Laden­schließungen

Warum darf die Drogeriemarkt-Kette Müller in Ettlingen weiterhin Spielzeug und Schreibwaren verkaufen, während Fachgeschäfte dicht bleiben müssen? Nach drei Wochen steigt unter Einzelhändlern der Unmut über die Corona-Verbote. Ihre Verbandschefin aus Stuttgart fordert: Nach Ostern muss Schluss damit sein, "sonst sterben unsere Innenstädte".

Spielwarenläden müssen wegen des Coronavirus geschlossen bleiben. Doch in anderen Geschäften wird Spielzeug verkauft. Foto: dpa

Matthias Brenner geht es wie vielen Einzelhändlern. Der Inhaber der „Spielkiste“ in Ettlingen versucht trotz Ladenschließung sein Geschäft wenigstens etwas am Laufen zu halten. Am Telefon und per E-Mail nimmt er Bestellungen entgegen, lässt das Spielzeug dann per Paketdienst ausliefern oder stellt es vor die Ladentür, wenn der Kunde zum Abholen kommt.

Jetzt in der Woche vor Ostern gebe es einige Bestellungen, sagt Brenner. Doch mit den Umsätzen, die er in normalen Zeiten macht, sei es nicht zu vergleichen. „Wir haben Umsatzeinbußen von mindestens 70 bis 80 Prozent“, schätzt der Spielwarenhändler.

Seit drei Wochen haben die meisten Geschäfte in Baden-Württemberg geschlossen. Die Landesregierung hat dies angeordnet, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Ausnahmen gelten für den Lebensmittelhandel, Apotheken, Sanitätshäuser, Textilreinigungen, Optiker, Baumärkte und Drogerien. Doch je länger die Ladenschließungen anhalten, umso lauter wird die Kritik an diesen Regelungen. Viele betroffene Einzelhändler empfinden sie als willkürlich. Das liegt auch daran, dass sie vor Ort unterschiedlich streng ausgelegt werden.

Floristen fühlen sich ungerecht behandelt

So klagt etwa der Fachverband Deutscher Floristen in Baden-Württemberg über eine massive Wettbewerbsverzerrung. Ihm stößt sauer auf, dass Blumenläden geschlossen bleiben müssen, aber Discounter und Supermärkte fleißig frische Tulpen sowie andere Blumen und Pflanzen verkaufen. Die Branche stehe „vor den existenziell wichtigen Umsatztagen Ostern und Muttertag sowie der Beet- und Balkonpflanzen-Saison“, schreibt der Landesverband der Floristen.

Es sei zu befürchten, dass diese Geschäfte massiv zusammenbrechen. Dabei könnten in den Floristfachgeschäften die notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen leicht umgesetzt werden, „in dem Gedränge der Supermärkte wohl eher nicht“, kritisiert der Verband.

In Ettlingen wundern sich Einzelhändler wie Matthias Brenner, weshalb die Drogeriemarktkette Müller ihre Filiale noch komplett offen halten darf. Drogerieartikel gibt es im Erdgeschoss. Im Stockwerk darüber werden Schreib- und Spielwaren verkauft. In anderen Filialen der Handelskette aus Ulm sind solche Abteilungen hingegen geschlossen. So sind etwa im Müller-Markt an der Karlsruher Kaiserstraße derzeit nur das Erd- und das Untergeschoss geöffnet, alle Stockwerke darüber für die Kunden gesperrt.

Stadt Ettlingen erklärt die Sonderbehandlung

Der Leiter des Ettlinger Ordnungsamts, Kristian Sitzler, liefert dafür folgende Erklärung: „Nach den Auslegungshinweisen des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg zur Corona-Verordnung dürfen bei Anbietern von Mischsortimenten Sortimentsteile, deren Verkauf nicht gestattet ist, verkauft werden, wenn der erlaubte Sortimentsteil überwiegt.“ Der Anteil der erlaubten Drogerieartikel betrage im Ettlinger Müller-Markt 60 Prozent, so Sitzler. Daher dürften dort auch Buntstifte und Bastelzeug verkauft werden.

Spielwarenhändler Brenner bezweifelt diese Rechnung. „Ich glaube nicht, dass das erlaubte Sortiment bei Müller in Ettlingen mehr als 50 Prozent ausmacht“, sagt er. Doch unabhängig davon, wer Recht hat: Das Beispiel zeigt, wie viel Raum für Willkür die Corona-Regeln des Landes lassen.

Beim Einzelhandelsverband Baden-Württemberg ist man sich des Problems bewusst, verweist aber darauf, dass die großzügigere „Randsortimente-Regelung“ erst eingeführt wurde, nachdem es Probleme mit einer anderen Lösung gab. Denn zunächst sollten Regale mit unerlaubten Warengruppen abgehängt werden. „Das hat aber zu wütenden Reaktionen von Kunden geführt“, sagt Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. „In manchen Supermärkten gab es sogar Angriffe auf Mitarbeiter.“

Wir müssen jetzt wieder den Einstieg finden
Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin Einzelhandelsverband Baden-Württemberg

Statt Lebensmittelhändlern nun den Verkauf von Blumen zu untersagen oder Drogeristen das Anbieten von Spielzeug, sollten lieber wieder bald alle Läden öffnen dürfen, sagt Hagmann. Sie fordert, dass nach Ostern das Geschäftsleben wieder schrittweise in Gang kommen muss. Das Vorbild sei Österreich. „Wir müssen jetzt wieder den Einstieg finden“, sagt sie. „Sonst können wir den mittelständischen Einzelhandel in Baden-Württemberg zu Grabe tragen. Und damit würden auch unsere Innenstädte sterben.“

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