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Wilde Kerle von damals

Die Dorfcombo aus Rheinstetten ist wieder da

Man schreibt das Jahr 1985. Die ganze Welt ist verseucht von schrecklichem Synthesizergedöns à la Depeche Mode oder sonstigem Popperkram. Gitarren und echte Bläser kennt niemand mehr. Wirklich? Nein, die kleine Stadt Rheinstetten leistet erbitterten Widerstand. Ihre Waffe heißt Dorfcombo, eine trotzige Chaostruppe, für die erdige Musik, Blues und Rock ’n’ Roll der Maßstab aller Dinge ist.

Die Dorfcombo, für die erdige Musik, Blues und Rock ’n’ Roll der Maßstab aller Dinge ist, gibt nach langjähriger Pause wieder Konzerte. Hinter vielen ihrer Musikstücke stehen sie noch, manche finden sie inzwischen aber auch „ganz schön doof“. Foto: Zimmer

Man schreibt das Jahr 1985. Die ganze Welt ist verseucht von schrecklichem Synthesizergedöns à la Depeche Mode oder sonstigem Popperkram. Gitarren und echte Bläser kennt niemand mehr.

Von unserem Mitarbeiter Thomas Zimmer

Wirklich? Nein, die kleine Stadt Rheinstetten leistet erbitterten Widerstand. Ihre Waffe heißt Dorfcombo, eine trotzige Chaostruppe, für die erdige Musik, Blues und Rock ’n’ Roll der Maßstab aller Dinge ist. 1993 gewinnt sie den SWF3-Wettbewerb mit „Es ist immer einer besser“. Es folgen Fernsehauftritte, das erste Video, 13 Wochen Top Ten bei SWF3, ein Plattenvertrag, bundesweite Tourneen mit an die tausend Konzerten bis 2005. Dann ist Schluss. „Das schließt aber nicht aus, dass wir uns in ein paar Jahren mal wieder zu Reunion-Auftritten treffen“, sagt Sänger Ralf Maurer alias Fummel damals.

Vorbereitung auf Konzert im Tollhaus

Jetzt ist die Dorfcombo wieder da. Nach einem Kurzauftritt beim Rheinstettener Bürgerball 2015 sorgt sie im Juni 2019 bei ihrem Open-Air-Revival-Konzert in Neuburgweier für ein generationsübergreifendes Familienfest. 3.000 Fans feiern sich, die Band und das Leben. Gut ein halbes Jahr später ist die Truppe im Proberaum, um sich für das Konzert im Tollhaus am 31. Januar fit zu lärmen. Fummel erzählt: „Mein Gefühl war, dass wir die Leute so glücklich gemacht haben. Da konnte man einfach nicht gehen und sagen: Das war’s.“ Und da ist noch etwas: „Wenn ich am Klavier hocke und mir fallen ein paar Akkorde ein oder eine Gesangsmelodie, dann kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass sowas je außerhalb der Dorfcombo realisiert würde“, sagt Keyboarder Michael Winter. Er hat sich aber auch gefragt: „Kriegen wir das musikalisch auf die Reihe? Und: Tragen die Songs?“

Angegraute Familienväter

Schließlich sind die „Greatest Hits“ der Rheinstettener vor rund 30 Jahren entstanden. Einige der wilden Kerlen von damals sind angegraute Familienväter geworden, die möglicherweise manches heute anders sehen als damals. „Es gibt ein, zwei Songs, bei denen ich nicht mehr so ganz arg dahinterstehen würde“, denkt Ralf Maurer laut nach. „Das ‚Dorfcombo-Lied‘ ist ja eigentlich vom Text her ganz schön doof. ‚Der Bürgermeister steigt auf die Bühne rauf und schreit Stopp – ich mach ’nen Kasten raus‘. Da habe ich mich schon gefragt: Will ich das noch singen? Aber wir haben auch andere Songs, da sind die Texte noch richtig aktuell.“ Michael Winter ergänzt: „Nimm ‚Einfach nur zusammenleben‘, das ist hochaktuell. Ich bin das Zeile für Zeile durchgegangen.“ Der Song ist 1994 entstanden: „Sie schreien die alten Parolen, schmieren sie an die Wand, vom Wahnsinn getrieben, die Seele krank“ heißt es im Text.

Vor fünf Jahren hatte Gitarrist Peter Fitterer alias Straps über eine Reunion gesagt: „Ich würde es nur machen wollen, wenn wir nicht nur die alten Lieder spielen, sondern auch was Neues entstünde. Entweder man hat was zu sagen oder man hält die Lapp.“ Heute sagt er: „Ich würde gern noch mehr machen, wenn es irgendwie ginge. Aber drei neue Lieder, das ist schon mal nicht schlecht.“

Dorfcombo Band Rheinstetten 2015 Foto: N/A

Euphorische Gefühle von früher

Die neuen Songs passen zu den alten. Da sind die euphorischen Gefühle von früher, aber auch Melancholie. In der Ballade „Die Letzten unserer Art“ singen sie von „Clowns mit Tränen in den Augen, nicht cool, nicht hip, nicht schick, nicht smart“. Was ein Bild für den Zustand der Welt sein kann, könnte aber auch eine Meditation sein über das, wofür die Band steht. „Nein brüllen“ ist einer dieser Songs geworden, bei denen man sofort mitbrüllen möchte. Viervierteltakt, Midtempo, geradling, laut. Es geht um den Typ Mensch, der immer nur gegen alles ist und als „Vorzeige-Resignator“ den Hintern nicht hochkriegt.

Die Band spielt fast in der alten Besetzung, allein Bassist Martin Höger ist nicht mehr dabei, dafür hat Ralf Maurer neben dem Gesang den Bass übernommen – „ich spiele gern Bass“. Den Traum von der Profi-Karriere haben sie sich weitgehend abgeschminkt, auch angesichts der heutigen Strukturen der Musikindustrie. „Wenn ich was mitkriege von irgendwelchen jungen Bands, die meine Kinder und ich gut finden, dann ist meine erste Frage: Können die heute noch davon leben?“, fragt sich Friedemann Winter. „Selbst wenn man in den Augen der Öffentlichkeit offensichtlich groß durchstartet, via YouTube oder über Downloads, heißt das noch nicht, dass man davon leben kann.“

Entscheidend für die Band ist etwas anderes, meint Ralf Maurer. „Ich denke oft, dass wir jetzt in einer sehr luxuriösen Situation sind. Wir haben gesagt, wir wollen genau da Konzerte machen, wo es Spaß macht, und auch nicht tausendmal, sondern eben dann, wenn’s schee macht.“

Service

Das Konzert am Freitag, 31. Januar, im Karlsruher Tollhaus ist ausverkauft.

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