Skip to main content

Freizeitverhalten in der Krise

Ettlingen: Bürger fordert komplettes Ausgehverbot wegen Corona

Wie die Coronavirus-Pandemie das gesellschaftliche Leben direkt vor der Haustür verändert, schreiben die BNN täglich in ihrem Coronavirus-Tagebuch. Am zweiten Tag des Buches geht es um die neue Verordnung der Landesregierung, Menschen die Sozialkontakte einstellen, den 1,5-Meter-Abstand in Märkten und das Freizeitverhalten.

Schöne Zeiten trotz Corona: Viele Radler machen am Dienstag Pause im Biergarten beim Alten Zollhaus Neuburgweier. Foto: Werner Bentz

Wie die Coronavirus-Pandemie das gesellschaftliche Leben direkt vor der Haustür verändert, schreibt die BNN täglich in ihrem Coronavirus Tagebuch. Am zweiten Tag des Buches geht es um die neue Verordnung der Landesregierung, Menschen die Sozialkontakte einstellen, 1,5 Meter Abstand in Märkten und das Freizeitverhalten.

Manchem Bürger kann es noch nicht hart genug sein. Er ruft den Ettlinger Krisenstab an, doch ein komplettes Ausgehverbot zu verhängen, um das Coronavirus einzudämmen.

Wie Helmut Schmidt
bei der Hamburger Sturmflut.

Problem für Oberbürgermeister Johannes Arnold: Er hätte für solche drakonischen Maßnahmen keinerlei Kompetenz und ist heilfroh, wenn es gelingt, die neuen Vorgaben, die am späten Montagabend aus Stuttgart gekommen sind, umzusetzen.

Der Anrufer lässt aber nicht nach: Sinngemäß sagt er, der OB habe sich jetzt so zu verhalten, „wie Helmut Schmidt bei der Hamburger Sturmflut“. „Pech“ nur für den OB, Ettlingen ist kein Stadtstaat. Für die polizeiliche Order ist Stuttgart verantwortlich.

1,5 Meter Abstand

Die Allgemeinverfügung des Landes schreibt vor: Beim Einkaufen ist wegen des Virus ein Abstand von 1,5 Metern zum nächsten Kunden Pflicht. Dies gilt gerade an den Kassen. Am Donnerstag um 8 Uhr hat OB Arnold alle Ettlinger Marktleiter und Marktleiterinnen zu einem Gespräch „in gebührendem Abstand“ geladen, um ihnen und „aus der Ferne“ den Kassiererinnen und Regalauffüllerinnen den Dank der Stadt für ihren Job auszusprechen.

Ihre Arbeit in den Supermärkten sei zur Aufrechterhaltung der Versorgung enorm wichtig. Mit den Eingeladenen will der Rathauschef reden, wie die 1,5-Meter-Abstandsregelung umgesetzt werden kann.

Realistische Wahrnehmung

Eine vermutlich realistische Wahrnehmung der aktuellen Lage hat ein Ettlinger Leser. Er wollte seinen Leserbrief wegen der Coronakrise zurückziehen, weil es jetzt sicherlich Wichtigeres gebe. Wir drucken ihn dennoch in den nächsten Tagen ab.

Kommunikation ist ganz wichtig

Kommunikation ist ganz wichtig: Klug reagiert Ettlingens Pfarrer i.R. Engelbert Baader auf die Anordnung in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Da die Gottesdienste ausfallen, er mit 75 Jahren und nach einigen Krankenhausaufenthalten in den vergangenen Jahren zu den gefährdeten Personengruppen gehört, zieht er sich ganz in der Nähe, bis er wieder gebraucht wird, in eine Hütte zurück.

Dort ist er, wenn er einen kleinen Buckel hochsteigt, per Handy erreichbar. Um dennoch nicht auf die tägliche BNN verzichten zu müssen, hat er bei der Ettlingen BNN-Geschäftsstelle auf E-Paper umgestellt. Baader: „Ganz einfach. Ein Anruf.“

Weniger Anrufe beim Polizeiposten

Stippvisite beim Rheinstettener Polizeipostenleiter Jörg Hoffmann am Tag des Eingangs der Allgemeinverfügung des Landes, dass nun Versammlungen nicht mehr zulässig sind und die meisten Geschäfte mit Ausnahme von Lebensmittelläden, Restaurants (mit Einschränkung) und einigen anderen mehr geschlossen sind. Hoffmann hat den Eindruck, „viele Menschen sind wie paralysiert. Sie denken über ihre Situation nach.“ Beim Posten gehen weniger Anrufe als sonst ein.

Anordnungen hätten schon
am Freitag ergehen können.Sebastian Schrempp, Oberbürgermeister Rheinstetten

Derweil spukt im Rathaus Rheinstetten Oberbürgermeister Sebastian Schrempp im übertragen Sinn „Gift und Galle“. Ihn ärgert, wie lange das Land Baden-Württemberg mit seinen Anordnungen für das Verhalten im öffentlichen Raum benötigte: „Die hätten schon am Freitag da sein sollen, um einen möglichst großen Erfolg bei der Verlangsamung des Coronavirus zu erzielen.“ Die von den Stuttgarter Ministerialbeamten zugesandte Allgemeinverfügung sei in einigen Punkten recht schlampig abgefasst. So sei beispielsweise nicht klar, wie mit Biergärten umgegangen werden soll, die Regelungen für den Straßenverkauf von Speisen seien wachsweich und ob jetzt Fußpflege- und Nagelstudios geöffnet oder geschlossen werden sollen, „ist schwammig formuliert.“

Fröhliche Ü-60-Seniorenradler

Erstaunlich ist, wie viele aus der Risikogruppe der Rentner am öffentlichen Leben teilnimmt. Fröhlich schwätzend und unbeschwert dicht an dicht stehend startet am üblichen Treffpunkt im südlichen Landkreis eine Ü-60-Radlergruppe bei herrlichem Sonnenschein ihre Zehn-Kilometer-Radtour. Vermutlich (nicht bewiesen) gab es danach noch zum Durstlöschen eine zünftige Radler-Runde in einem Biergarten.

Kurz nach dem Krieg mussten
wir auch zur Erntearbeit ausrücken

Bei den Spargel- und Erdbeerbauern wachsen die Sorgen, ob und wie ihre Erntehelfer nach Deutschland kommen. Ein älterer Ettlinger glaubte, die „Lösung“ des Problems zu kennen. „Kurz nach dem Kriege mussten wir auch zur Erntearbeit ausrücken."

Die Schüler seien doch jetzt zuhause und wüssten nachmittags nicht, was sie tun sollen. Der Mindestlohn, so seine Meinung, wäre doch kein schlechtes Taschengeld.

Wie verändert das Coronavirus Ihren Alltag? Schreiben Sie der BNN-Redaktion Ettlingen ihre Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen. Per E-Mail an redaktion.ettlingen@bnn.de.

nach oben Zurück zum Seitenanfang