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Zeitzeuge erinnert sich

Ettlinger über Ende des Zweiten Weltkriegs: „Ohne Schutzengel wäre ich Kanonenfutter geworden“

„Ich habe überleben dürfen, ich hatte einen Schutzengel“, sagt Helmut Scharf aus Ettlingen über das Ende des Zweiten Weltkrieges. Der 95-jährige ehemalige Panzersoldat schwärmte früher für Adolf Hitler, überstand den Kessel von Tscherkassy, versorgte nach Kriegsende KZ-Insassen aus Mauthausen und wurde wegen seiner Uniform beinahe erschossen.

Gefährlich ähnelte die Uniform der Panzersoldaten jener der gefürchteten SS. Scharf geriet nach der Kapitulation daher in Gefahr. Foto: pr

Drei Mann – das sei die übliche Besatzung im Panzerspähwagen gewesen. Doch am 8. Mai 1945 ist das Fahrzeug „so proppenvoll, wie wir es nie erlebt hatten“, erinnert sich Helmut Scharf noch heute: „16 Mann saßen, standen und hingen drinnen und draußen an unserem Neun-Tonner“, erzählt der 95-Jährige aus Ettlingen.

„Alle wollten den Russen entgehen. Wir wollten lieber in amerikanische Gefangenschaft.“ Scharf ist einer der wenigen Zeitzeugen, die heute noch aus eigener Erfahrung vom Soldatendasein im Zweiten Weltkrieg berichten können – und er will den Nachgeborenen seine Erfahrungen überliefern.

Ich habe überleben dürfen, ich hatte einen Schutzengel.
Helmut Scharf aus Ettlingen

„Ich habe überleben dürfen, ich hatte einen Schutzengel“, sagt er. „Dann muss ich das auch festhalten.“ 20 Jahre jung ist Scharf an jenem Frühlingstag vor 75 Jahren, als der Krieg und das nationalsozialistische Terrorregime enden.

Höchst unterschiedliche Bilder und Gefühle krallen sich in seinem Gedächtnis fest. Banales, sogar Schönes – zum Beispiel, dass die Sonne über der österreichischen Wachau und den Kuppeln der Benediktinerabtei Melk scheint. Oder dass er Schnaps im Marschgepäck hat und dass er seinen Fotoapparat einbüßt.

Todesangst vor letztem Tag des Zweiten Weltkriegs

Vor allem aber erinnert er sich an Todesangst und Panik an jenem letzten Kriegstag. „Wir waren Teil der Front, die immer weiter nach Westen abrückte, und in der Woche vor Kriegsende waren wir in die Gegend des Böhmerwaldes ausgesandt, um auszukundschaften, wie weit die Amerikaner vorgerückt waren“, so schildert Scharf die damalige Situation seiner Panzerdivision. Aber dann sei der Befehl retour ergangen.

„Ausgerechnet unser Spähtrupp wurde in der Nacht zum 8. Mai wieder nach Melk zurückgeschickt. Wir sollten beobachten, wie die Russen vorankamen.“ Bei diesem letzten Auftrag treibt Scharf und seine Kameraden ein „Hauptgefühl“ an, wie er es nennt: „Nur nicht den Russen in die Hände fallen.“

Der junge Soldat schwärmte für Hitler, betrauerte 1945 noch dessen Tod. Den Irrsinn des Krieges habe er erst später erkannt, sagt Scharf. Foto: pr

Doch „der Iwan“ – wie Scharf es in seinem Tagebuch oft formuliert – rückt näher. Die Spähwagen versuchen zur „Demarkationslinie“ zu gelangen, in den Einflussbereich der US-Militärs. Wo diese Linie genau ist, darüber gibt es nach Scharfs Erinnerung ebenso Verwirrung unter den Soldaten wie über die tatsächliche kriegspolitische Großwetterlage.

„Es wurde hinter uns geschossen – es gab eine richtige Paniksituation“, erzählt der Zeitzeuge. „Da dachten wir Soldaten noch: Jetzt müsste der Befehl kommen, dass wir kehrtmachen und die Amerikaner mit uns gemeinsam Front gegen die Russen machen.“ Er erzählt das kopfschüttelnd. „So ist damals unsere Einstellung gewesen“, sagt er.

Wir waren Kinder unserer Zeit. Wir waren auf Braun getrimmt.
Helmut Scharf aus Ettlingen

„Wir waren Kinder unserer Zeit. Wir waren auf Braun getrimmt. Und wir wussten gar nicht, was im Hintergrund los war.“ Die „Unsinnigkeit des Krieges“ habe er erst später klar erkannt. Wie sehr die NS-Propaganda nachwirkte, ist in Scharfs Tagebuchaufzeichnungen nachzulesen.

"Erschüttert" vom Tod von Adolf Hitler

Am 2. Mai notiert der junge Panzersoldat „erschüttert“, dass seine Einheit vom „Heldentod“ Hitlers erfahren habe. Bitterlich geweint habe die Frau, die ihnen am Einquartierungsort die Nachricht überbrachte, erinnert sich der 95-jährige Scharf, der unzählige Daten und Geschichten offensichtlich mühelos abruft und im Gespräch lebhaft von aufwühlenden Kriegstagen erzählt.

Wir haben für bare Münze genommen, dass Hitler im Kampf gestorben sei.
Helmut Scharf aus Ettlingen

„Wir haben für bare Münze genommen, dass Hitler im Kampf gestorben sei“, sagt Scharf. „Dass alles schon so lange verloren war und dass er aus seinem Bunker gar nicht mehr herauskam – das drang zu uns nicht durch.“ Vom Selbstmord des Diktators am 30. April 1945 ahnt der junge Funker anfangs nichts. Doch momentweise blitzt die Ahnung auf, dass seine Einheit „nur noch pro forma Krieg spielt“.

Und er hält im Tagebuch empört fest, dass am Vormittag zwei Spähtrupps „abgehauen waren, um sich dem Ami zu ergeben“. Nur einen Tag später steigt Scharf selbst aus dem Spähwagen aus und ergibt sich nahe Linz den US-Soldaten – gemeinsam mit den anderen 15 Insassen, nach einigen Ausreißversuchen. „Das lief ruhig ab“, sagt Scharf. „Wir mussten keine Hände hochheben.“

Der 95-Jährige erinnert sich noch an den Moment, als ihm ein „Ami“ im Lager seine Kamera abnimmt: „Meinen halbbelichteten Film ließ er mich sogar noch herausnehmen.“ Was ihn nun wirklich bewegt, ist ein anderes Problem: „Wir haben wochenlang in der Angst gelebt, dass wir doch noch an die Russen ausgeliefert werden. Erst als klar war, dass die Amerikaner uns behalten, kam die Erleichterung.“

Ettlinger Soldat muss Überlebende des KZ Mauthausen versorgen

Wie begründet die Wut der Kriegsgegner auf die Deutschen ist, welche Dimension die Verbrechen des NS-Regimes tatsächlich haben – das wird Scharf nach eigenen Worten in der Gefangenschaft schlagartig klar, als er zu einem Arbeitseinsatz abgeordnet wird: Er muss dabei helfen, Überlebende des Konzentrationslagers Mauthausen zu versorgen.

„Da habe ich zum ersten Mal gesehen, dass diese Menschen zu Skeletten abgemagert waren“, sagt Scharf hörbar betroffen. „Selbst das Duschen bereitete ihnen Schmerzen. Je zwei Mann mussten einen von ihnen stützen.“ Für viele todkranke NS-Opfer sei die Hilfe der Amis doch zu spät gekommen.

Scharf sagt, von da an habe er wirklich wissen wollen, was in diesem Krieg geschehen war, abgesehen von all dem Schrecklichen, das er selbst gesehen habe. Er habe Bergen-Belsen besucht, sich mit dem Schicksal Anne Franks und den Widerstandskämpfern des 20. Juli befasst, später Europaseminare besucht. Mit seinen Kriegstagebüchern und Fotoalben beschäftigt sich der 95-Jährige in jüngerer Zeit wieder intensiver. Er sichtet, überträgt, notiert erneut Erinnerungen. Eine seiner Töchter, die in Griechenland lebt, erfasse seine Notizen nun elektronisch.

Seine gesammelten Erinnerungen an den „unsinnigen“ Krieg will Helmut Scharf (95) überliefern. Foto: Weisenburger

„Gott sei Dank müssen meine Kinder und Enkel solche Tragödien und solchen Blödsinn wie wir damals nicht mehr erleben“, sagt Scharf, der in Thüringen aufwuchs. Er erzählt von der Indoktrination bei der Hitlerjugend, zeigt die feinsäuberlich eingeklebten Schwarz-Weiß-Fotos von HJ-Ferienlagern.

Seine religiös geprägte Mutter habe ihn nicht zu Jungvolk und Hitlerjugend gehen lassen wollen, betont er. „Doch die christliche Pfadfinderschaft wurde gleich 1933 aufgelöst, da fehlten mir Gleichaltrige. Ich habe meine Eltern gedrängt, dass ich da hin durfte. Die Ideologie habe ich nicht verstanden. Ich wollte bei anderen Kindern sein, singen, spielen, marschieren.“

Als er mit 17 Jahren zum Arbeitsdienst und danach zur Wehrmacht eingezogen wird, ist er nach eigenen Angaben nicht mehr begeistert: „Ich wollte die Schule beenden und Chemiker werden.“ Mit dem Notabitur bricht er die Schule ab. „Das wurde damals verklärt. Da hieß es: Das Kriegsabitur ist das wahre Abitur.“

Eingeschlossen im Kessel von Tscherkassy

Zum Funker wird Scharf ausgebildet. Er landet 1942 bei der Panzerarmee im Spähtrupp. Einsätze in Frankreich, Griechenland, Ukraine, Russland, Ungarn erlebt der Ex-Gymnasiast. „Immer mit mulmigen Gefühl. Ein Kampfpanzer hatte bis zu 16 Zentimeter Schutz, wir hatten nur acht Millimeter. Die hielten nur leichte Granatsplitter und Gewehrmunition ab.“

Gedanken, die oft mitfuhren: „Wer sieht wen zuerst? Wer schießt zuerst? Kommen wir lebend wieder?“ Scharf weiß, dass er „vielen Zufällen“ sein langes Leben verdankt: „Wobei ich das Bild bevorzuge, dass ich einen Schutzengel hatte.“ Zum Beispiel damals, als seine Einheit und Zehntausende Wehrmachtssoldaten im Kessel von Tscherkassy eingeschlossen waren. „Ich war auf Heimaturlaub“, sagt Scharf. „Sonst wäre ich bestimmt auch Kanonenfutter geworden.“

Er beteuert: „Ich selbst habe nie auf Menschen schießen müssen.“ Auch das verdanke er dem Schutzengel – denn es sei nie zu einem Angriff gekommen, wenn der junge Funker etwa bewaffnet Wache schob. Ein heikler Zufall habe ihm möglicherweise nach Kriegsende beinahe noch das Leben gekostet, meint Scharf.

Beinahe erschossen wegen Uniform, die an SS erinnert

Nach der Entlassung aus dem amerikanischen Gefangenenlager wähnt er sich auf dem Weg in die Freiheit – doch dann sei der Zug zum Arbeitseinsatz in Frankreich umgeleitet worden.

Scharf trägt seine alte schwarze Panzer-Uniform – sie ähnelt wegen der Totenköpfe (ein Rückgriff auf Preußens Totenkopfhusaren) der Uniform der verhassten SS: „Ein Bewacher hat die Waffe auf mich gerichtet und hätte mich beinahe erschossen.“

Helmut Scharf ist überzeugt: Er hat den Zweiten Weltkrieg nur danke eines Schutzengels überlebt. Foto: pr

1946 kommt Scharf frei, schwach und mager, wie er sagt. Er findet Hilfe bei Verwandten im Harz. Er wird Schreiner. In den 70er-Jahren zieht er mit Frau und drei Töchtern nach Ettlingen.

Am letzten Kriegstag 1945 jedoch fehlte ihm jegliche Perspektive: Würde er die Eltern wiedersehen? Wovon soll er leben, mit dem wertlosen Notabitur in der Tasche? „Es war für uns eine Befreiung mit Fragezeichen“, sagt Scharf rückblickend. „Dass es die tiefgreifende Befreiung für unser Land war – diese Erkenntnis hat sich erst später durchgesetzt.“


Tagebucheinträge

Notiz vom 2. Mai 1945

„Heute erfahren wir die traurige Nachricht, daß der Führer bei der Verteidigung Berlins gefallen ist. Obwohl wir mit dieser Möglichkeit wohl rechnen mußten, hat uns die Botschaft sehr erschüttert. Sein Leben war ein gerader Weg, den er unbeirrt vorwärts geschritten ist.“

4. Mai 1945

„Ich sprach mit einem General der Luftwaffe. Ganz offen sagte er mir, daß er geweint habe, als der Heldentod des Führers bekanntgegeben worden ist. (...) Wir hatten erlebt, wie dem Ami kaum noch Widerstand entgegengebracht wird, wissen, daß im Osten der Kampf aber umso blutiger tobt, während hier nur noch pro forma Krieg gespielt wird. U nwillkürlich schleicht sich da einem der Gedanke ein, Schluß zu machen, hinüberzufahren und nach Haus zu gehen, wie es leider Gottes schon sehr viele getan haben. Doch wäre das richtig? Was würden unsere gefallenen Kameraden dazu sagen?

8. und 9. Mai 1945

„So ist das Ende! Wir sind in einem amerikanischen Kriegsgefangenen-Lager gelandet in Eferding. (...) Gepäck und Kleidung wurden durchsucht. Pistole, Photoapparat und eine Schnapsflasche wurden mir abgenommen. Dann holten wir uns ein paar Kisten und bauten uns innerhalb des Stacheldrahtzaunes ein Nachtlager. Die erste Nacht in Gefangenschaft, wie viele werden noch folgen? Ja, man hat uns nun da, wohin man uns haben wollte, es ist aus mit unserer Herrlichkeit. Aber alles ist zu ertragen; wir lassen uns nicht unterkriegen. Nur eines darf auf keinen Fall passieren, daß wir dem Iwan ausgeliefert werden. Es wäre unser Tod.“
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