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Rathausstürme und Narrengericht

Narren ergreifen in Ettlingen und Rheinstetten die Macht

Keine Maskerade war der Rollstuhl-Auftritt von Oberbürgermeister Johannes Arnold vorm Narrengericht am 11.11. in Ettlingen. Trotz OP erschien der Rathauschef, um sich vor den Fastnachtern zu verteidigen.

Auf der Anklagebank: Ettlingens Rathauschef Johannes Arnold darf während der Gerichtsverhandlung alten Wein vom Robberg probieren. Foto: Julia Trauden

Nach der Corona-Zwangspause vergangenes Jahr haben die Narren in Ettlingen und Rheinstetten am 11.11. wieder die Macht an sich gerissen und die fünfte Jahreszeit eingeläutet. In Rheinstetten und Ettlingen-Spessart wurden die Ortsoberhäupter verhaftet, im Ettlinger Schlosshof musste sich Oberbürgermeister Johannes Arnold (Freie Wähler) vorm Narrengericht verantworten.

Der erste Freispruch seit zehn Jahren reißt OB Arnold vom Hocker – auch wenn es nur ein halber ist. Als das Narrengericht im Schlosshof das Urteil „halber Freispruch, halbe Strafe“ verkündet, steht er mithilfe seiner Krücken aus dem Rollstuhl auf, reißt die daran befestige „Urinflasche“ ab und schleudert sie ins Narrenvolk, das sich im Hof versammelt hat.

Arnold, der nach einer Hüft-Operation eigentlich das Bett hüten sollte, hat sich für die Gerichtsverhandlung im Rollstuhl und im Krankenkittel herschieben lassen.

Das Mitleid ist ihm sicher, doch die Richter lassen sich nicht ganz erweichen. Strafe muss sein – schließlich hat er seine Schulden aus dem Jahr 2019 nicht beglichen, und die Narren „vorsätzlich“, so Staatsanwalt Markus Utry, „auf Diät gesetzt“.

Eigentlich hätte der OB die Damen und Herren der Narrenvereinigung verköstigen sollen, erinnert er an die Strafe, und Corona lasse er als Erklärung für die unterlassene Dienstleistung nicht gelten.

Charme-Offensive mit Werbekampagne „The Närr“

Auch die „Verschleppung der Bauarbeiten auf dem Neuen Markt“ wird dem OB zur Last gelegt – die letzten Platten seien immer noch nicht verlegt – und die verpasste „große Chance zur Sanierung der Finanzen“ durch Anlegen eines Zoos am Narrenbrunnen, als der von einem Zaun umrundet war. „Dann gäbs’ bis heute Kaffeefahrten nach Ettlingen und das Finanzloch wäre gestopft“, so Utry.

Er habe das ganze Geld in eine Werbekampagne für die Narrenvereinigung gesteckt, wehrt sich Arnold, und hält zum Beweis ein gelbes Plakat mit der Aufschrift „The Närr“ hoch. Doch auch diese Charme-Offensive rettet ihn nicht. Als „halbe Strafe“ muss er versprechen, die Narrenvereinigung einen Abend lang zu verköstigen und zu unterhalten – etwa durch Gesang. „Sie können ihrer Kreativität freien Lauf lassen.“

Über 100 Narren haben sich in Rheinstetten eingefunden

Als es beim Zugang zum Rathausvorplatz ein wenig länger dauert und sich die Frau am Einlass dafür entschuldigen will, wird diese aus der Schlange sofort beruhigt: „Hauptsache, wir können überhaupt wieder irgendwas machen“, sagt Rita Böhm von der Vereinten Forchheimer Fasenacht (VFF). Über 100 Narren haben sich eingefunden, um bei Live-Tanzmusik von Josef Eschbach das Rathaus zu stürmen.

Kurz vor 11.11 Uhr eilt Stefan Kungl vom Forchheimer Elferrat Club mit hochrotem Kopf über die Treppen ins Rathaus und reißt sich noch auf dessen Schwelle die Winterjacke vom Leib. Kaum zu fassen, dass sich Menschen bei dieser Witterung derart nennenswert erhitzen können. Er habe gerade noch Oberbürgermeister Sebastian Schrempp (CDU) vom Frühstückstisch weggeholt, wird Kungl später sagen. Endlich um 11.14 Uhr ertönt Musik und es geht los!

Wollte der Rheinstettener OB sich nach Schwaben absetzen?

Kungl eröffnet mit dem ungeheuerlichen Vorwurf, dass sich der OB nach Schwaben habe absetzen wollen, und Ankläger Michael Pustleik von den Mörscher Stadtmusikanten ergänzt um diverse, aus dem Rathaus veranlasste Kuriositäten des vergangenen Jahres. Schrempps Verteidigung gerät so leidenschaftlich wie ausführlich – aber leider vergeblich.

Dem Urteil von MGV Eintracht-Vorstand Volker Rocca entgeht er dennoch nicht und wird nicht nur die drei hiesigen Präsidenten zu einem feuchten Vesper einladen, sondern auch an den berüchtigten örtlichen Erregungsorten Kreisel und Zebrastreifen einige Stunden Dienst tun müssen. Nach ernüchternder Präsentation der leeren Rathauskasse sowie einem dreifachen Hellau auf die Rheinstettener Fastnacht wurde heiter zum gemütlichen Teil des Narrensturms übergegangen.

Spessarter Ortsvorsteherin muss den Rathausschlüssel abgeben

„Zwei Jahre haben wir auf so ein Gedicht warten müssten“, tönt Torsten Kiefer, Chef der Spessarter Eber, in die närrische Menge. „Und jetzt endlich ist es wieder so weit. Mit allen Vorgaben und Regeln. Mit allen Kontrollen und mit 2G.“

Kaum gesagt durfte sodenn beim Spessarter Rathaussturm, samt Schlüsselübergabe, Ortsvorsteherin Elke Werner ran, die Frau mit dem Gedicht: „Wie freue ich mich, es ist so schön leibhaftig wieder vor euch zu stehn. Auch wenn unsere Eber immer haben was gemacht, ist´s doch schöner, wenn man hier gemeinsam lacht.“

Mit gutem Gefühl und im Wissen, dass sie jetzt ein Weile Ruhe habe, übergibt sie den Rathausschlüssel an Kiefer: „Du setzt Dich jetzt ein und alle freuen sich dann. Denn der Torsten wird´s richten und mir anschließend sicher berichten. Wie kann man sie besser machen – all diese Sachen. Darauf ein dreifach Spessarter Wild – Sau!“ Und nach dem Gedicht, wie zuvor vor den Reimen, gab´s für die Narrenschar eins auf die Ohren – und zwar von den Buschbach Gugge Oberweier.

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