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„I hätt do mol e Frog“

Handbüchlein für alle verheirateten Ettlinger Männer

Nach einem Gebetbuch aus dem 18. Jahrhundert Handbüchlein fragte ein BNN-Leser: Vermutlich hatten es früher alle verheirateten Ettlinger Männer.

Tino Bussalb (links) im Gespräch mit Pfarrer i.R. Engelbert Baader Foto: Johannes-Christoph Weis

Tino Bussalb ist schon seit Jugendtagen stolzer Besitzer eines über 225 Jahre alten Buches. Es trägt den Titel „Handbüchlein einer unter dem Titul der Unbefleckten Empfängnis der übergebenedeyeten Jungfrauen und Mutter Gottes Maria aufgerichten Hochlöblichen Sodalität deren Herren, Bürgeren und Jungen Gesellen zu zu Ettlingen, in der Marggrafschaft Baaden.“ Der Titel dieser Schrift ist kaum noch nachvollziehbar und nur mit Schwierigkeiten verständlich. Die Sprache einer anderen Zeit. Bussalb wollte wissen, was es mit dem acht auf 13 Zentimeter, 600 Seiten umfassenden, in der Heidelberger Universitätsdruckerei J. Wiesen erschienenen Buch, das sich an Ettlinger Bürger richtet, auf sich hat. Auch dem nicht Geschichtskundigen ist beim Aufschlagen des Bandes sofort klar: Es handelt sich um ein Gebet- und Gesangbuch.

Was hat es mit dem Handbüchlein auf sich?

Grund genug, einmal bei Pfarrer i.R. Engelbert Baader, einem gebürtigen Ettlinger, nachzufragen, was es mit dem Maria gewidmeten Band auf sich hat. Als Tino Bussalb voller Stolz sein schönes Exemplar mit einem Stich der Maria Immaculata zeigt, wartet auf ihn beim Treffen mit Baader eine erste Überraschung: Der Geistliche legt fast das gleiche Exemplar, ebenfalls aus dem Jahr 1794, auf den Tisch. Und das Exemplar toppt sogar noch Bussalbs Buch: Es trägt die Unterschrift von Joseph Schmidt, dem letzten in dem Titel genannten Vorsitzenden der Ettlinger Sodalität.

Schmidt war in den 1920er Jahren Mitbegründer des Ettlinger Museums. Der Schlüssel, um herauszufinden, was es mit den beiden Büchern auf sich hat, liegt im Begriff „Ettlinger Sodalität“. Diese ist eine marianische Männerkongregation, die im Jahre 1671 von den damals in Ettlingen den Glauben der Menschen bestimmenden Jesuiten ins Leben gerufen wurde. Ihr gehörten eigentlich alle erwachsenen Männer Ettlingens und der katholischen Umgebung an.

Die Mitgliedschaft verpflichtete zu einem sonntäglichen Treffen in und nach dem Gottesdienst, zu täglichen Gebeten zur Morgen-, Mittag- und Abendstunde. Wer konnte, sollte samstags zu Fuß zur Mutter Gottes nach Bickesheim wallfahren. Wenn jemand aus der Sodalität krank wurde, hatten die Sodalen einen Besuchsdienst. Beim Tod eines Mitglieds besuchten alle Sodalen die Beerdigung und die Seelenämter.

Heirat begründete automatisch Mitgliedschaft

„Mit der Heirat in Ettlingen wurde man automatisch Mitglied der Sodalität“, vermutet Engelbert Baader. Er studierte in den vergangenen Jahren die Kirchenbücher in Ettlingen und Umgebung, in denen Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle bis Anfang des 19. Jahrhunderts in lateinischer Sprache verzeichnet sind. Hier kommt jetzt dieses Gebetbuch ins Spiel. Bei jeder Heirat musste ein Exemplar des Ettlinger Gebetbuches als Leitfaden für das künftige Seelenleben erworben werden. Daraus ergibt sich, dass es in Ettlinger Haushalten noch jede Menge dieser alten Gebetsbücher in vielen unterschiedlichen Ausgaben geben muss.

Tino Bussalb sah sein Exemplar allerdings das erste Mal in einem Karlsruher Antiquariat in der Herrenstraße. Da er alte historische Bücher aus der Region sammelt, kaufte er es mit einigen wenigen Deutschen Mark sofort. Vermutlich war das Buch bei einer Haushaltsauflösung in Ettlingen an das Antiquariat weitergegeben worden. Eine der letzten Besitzerinnen war vermutlich eine Frau Helene Holzschuh. Zumindest ist im Buchinnenband ihre Signatur.

Nicht die erste Auflage

Doch die Überraschung geht noch weiter: Die Exemplare von 1794 sind auch noch zweimal im Pfarrarchiv Sankt Martin vorhanden. Nicht nur das: Es sind Nachdrucke früher in Ettlingen erschienener Gebets- und Gesangbücher der Sodalität. Das belegt ein 1771 erschienenes Exemplar, das eine Ur-Etlingerin, geborene Geisert, besitzt. Sie hat es von ihrem Schwiegervater erhalten, der einst fleißig alte Ettlinger Bücher sammelte und Mitglied in der 1961 mit dem Tod von Joseph Schmidt aufgelösten Sodalität war. Das Buch der Ur-Ettlingerin hat einen kostbaren Einwand mit Messingschnalle. Es erschien zum 100. Jubiläum der Sodalität.

Dreimal zu Fuß von Ettlingen nach Einsiedeln

Zurück zum Buch von Joseph Schmidt: In einem handschriftlichen Eintrag ist zu lesen, dass der Urururgroßvater von Hans-Georg Schmidt 1671 Gründungsmitglied der Sodalität war. Dessen Urenkel Carl Schmidt lebte von 1758 bis 1840, für damalige Zeit ein langes Leben. Er muss von robuster Gesundheit gewesen sei, wallfahrtete er doch dreimal von Ettlingen zu Fuß in das schweizerische Maria Einsiedeln.

Ältestes Exemplar stammt aus dem Jahr 1755

Das älteste erhaltene Exemplar des Gebetsbuchs stammt aus dem Jahre 1755. Es steht im Ettlinger Stadtarchiv. Es ist restauriert, aber es fehlen einige Seiten. Auffälig darin ist ein Marienlied, das in einer Strophe Worte zur Bannung der Türkengefahr verwendet, die heute mit Sicherheit auf dem Index von Gesellschaftskritikern stehen würden. Es ist aus heutiger Sicht nicht der einzige anstößige Text in dem Buch. Ein Vergleich mit heutigen Gebets- und Gesangstexten macht das Buch der Sodalität ausgesprochen wertvoll, weil es den Horizont dahin gehend öffnet, wie stark Inhalte vom jeweiligen Zeitgeist abhängig sind.

Viele Gebete und Lieder wie „Seele Christi heilige mich“ und „Mein Testament soll sein am End Jesus, Maria und Josef“ kommen älteren regelmäßigen Kirchgängern immer noch leicht über die Lippen. Interessant in dem Buch sind die Bezeichnungen für die Monate im Jahreslauf: Auf Seite 13 steht Jenner, Hornung, Mertz, April, May, Brachmonat, Heumonat, Augustmonat, Herbstmonat, Weinmonat, Wintermonat und Christmonat.

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