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Umfrage gestartet

Initiative gegen Rassismus will Ettlinger Mohrenstraße umbenennen

Ist der Name „Mohrenstraße” rassistisch oder nicht? Das Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis hält die Bezeichnung nicht mehr für zeitgemäß. Aktivisten halten sie für rassistisch. Ettlinger Bürger sehen das teilweise anders.

Den Namen Mohrenstraße in Ettlingen kritisiert eine Initiative in Ettlingen als rassistisch. Aktivisten wollen einen Umbenennung. Foto: Werner Bentz

Der Sarotti-Mohr ist dem Sarotti-Magier gewichen, den Mohrenkopf ersetzte bei vielen Herstellern der Schaumkuss. Auslöser waren Diskussionen, dass Wortverbindungen mit „Mohr“ diskriminierend seien. Seit vielen Jahren wehren sich Berliner gegen eine Umbenennung ihrer Mohrenstraße, in der einst Karl Marx wohnte.

Jetzt fordert in Ettlingen eine lokale Initiative, den Namen Mohrenstraße in der Stadt Ettlingen zu streichen. Er sei rassistisch und nicht nicht mehr zeitgemäß, spätestens nach dem Tod von George Floyd am 25. Mai bei einem brutalen Polizeieinsatz in der US-Großstadt Minneapolis.

Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis fühlt sich von Bundestag bestätigt

Das Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis sieht Diskriminierung, soziale und ökonomische Ausgrenzung sowie körperliche Angriffe bis hin zum Mord von Menschen mit schwarzer Hautfarbe als ein globales Problem, wie der Gruppierung informiert.

Sie fühlt sich in ihrer Haltung bestätigt, da mehrere Fraktionen im Deutschen Bundestag das Wort „Rasse” aus dem Grundgesetz streichen wollen. In Ettlingen will das Bündnis die Umbenennung von Straßen in den Blickpunkt nehmen, deren Namen Ausdruck von Rassismus seien.

Erinnert an das frühere Hotel "Drei Mohren" in Ettlingen: die neue Wohnanlage in der Rheinstraße. Foto: Bentz

Umfrage-Aktion in Ettlingen gestartet

Die Aktivisten haben sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Sie möchten bis 17. Juli die Meinung der Bürger Ettlingens zu einer Umbenennung der Mohrenstraße einholen: „Schreiben Sie uns eine E-Mail an ettlinger-buendnis@gmx.de und teilen Sie uns mit, wie Sie darüber denken“.

Straßenumbenennungen haben in Ettlingen ihre eigene Geschichte. Sie sind Ausdruck von geschichtlichen Wenden. Sie drücken Machtverhältnisse aus. Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, widmete der Ettlinger Gemeinderat nicht nur ihm, sondern auch gleich noch weiteren „Kampfgefährten“ Hitlers eine Straße: Horst Wessel (Komponist der gleichnamigen braunen Hymne), Gauleiter Robert Wagner, Leo Schlageter („Erster Soldat des Dritten Reichs“), „Hitler-Entdecker“ Dietrich Eckart sowie dem „lokalen Helden“ der braunen Bewegung, dem jungen Ettlinger SA-Mann Kreitmayr.

In Barockzeit Gerbergässchen

Laut David Depenau, Autor des Buches „Die Ettlinger Straßennamen“, trägt die kurze Verbindungsstraße von der Mühlenstraße zur Rheinstraße den Namen seit 1894. Benannt sei sie nach dem Gasthaus „Drei Mohren“, auf das sie zuführte. Früher hätte sie Papiergässle, benannt nach einer dortigen Papiermühle, und vor 1695 Gerbergässchen geheißen.

Die Umbenennung fiel in die deutsche Kolonialzeit.
David Depenau, Autor des Buches "Ettlinger Straßennamen"

„Die Umbenennung in Mohrenstraße fiel also in die Zeit, als das Deutsche Kaiserreich in Afrika im Besitz einiger Kolonien war“, folgern Monika Engelhardt-Behringer und Dieter Behringer vom Bündnis gegen Rassismus und Neonazis aus Depenaus Buch. Es sei die Zeit der Kolonien Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia), Kamerun, Togo und Deutsch-Ostafrika (heute: Tansania, Burundi, Uganda) gewesen.

Bei der ersten Stadtratssitzung nach dem Zweiten Weltkrieg einigten sich die von den französischen Machthabern bestellten Stadträte unter Vorsitz von Bürgermeister Fritz Strauss auf neue Namen. Die Adolf-Hitler-Straße wurde in Heinrich-Heine-Straße umgetauft, die Horst Wessel-Straße erhielt den Namen Georg-Lechleiter-Straße. Die Dietrich-Eckert-Straße wurde zur Thomas-Mann-Straße, die Albert-Leo-Schlageter-Straße zur Martin-Niemöller-Straße. Die Kreitmayr-Straße wurde nach Ludwig Albert, der die Herz-Jesu-Kirche erbaut hatte, benannt. Augustin-Kast-Straße hieß die Robert-Wagner-Straße.

„In weiten Teilen der Bevölkerung des Kaiserreichs – und nicht nur im konservativen Parteienspektrum – herrschte damals die Auffassung, Deutschland brauche Kolonien und habe das Recht, minderwertige Rassen zu unterjochen und gegebenenfalls auch auszurotten“, meinen die beiden.

Mangelndes Feingefühl gegenüber Schwarzen?

„Der Begriff ,Mohr‘ ist wie das N-Wort zunächst einmal rassistisch, für schwarze Menschen, für Menschen afrikanischer Herkunft“, sagen sie. Der Straßenname diskriminiere schwarze Menschen. Das seien Argumente für die Umbenennung.

Der Name „Mohrenstraße“ komme als harmlose, historisch gewachsene Bezeichnung daher, sei aber ein kolonialrassistisches Zeichen mangelnden Feingefühls gegenüber schwarzen Menschen. „Alltagsrassismus eben“, schlussfolgern sie.

Schließlich war den Franzosen noch der aus der Kaiserzeit stammende Name Sedan-Straße ein Dorn im Auge. Der Name „Sedan“ erinnerte an den Ort der Kapitulation Frankreichs 1870. Der Sedantag war im Kaiserreich auf Anregung des evangelischen Pastors Friedrich Bodelschwingh jeweils am 2. September als Deutscher Reichseinheits- und Friedenstag gefeiert worden. Die Feiern an dem Tag hatten aber eine äußerst militärische Ausrichtung. Die Sedanstraße ließ Strauss in Friedensstraße umbenennen.

Begriff „Mohr” hat unterschiedliche Ursprünge

Das Bündnis verschweigt aber, dass der Begriff „Mohr“ nicht mit dem „N-Wort“ gleichzusetzen ist. Es hat unterschiedlichste Ursprünge. So bezeichneten sich Bewohner Nordafrikas und der iberischen Halbinsel im Mittelalter als Mauren, woraus sich der Begriff „Mohr“ ableitete. Bürger südlich von Marokko bezeichnen sich selbst bis heute als Mauretanier.

„Ich empfehle, die Kirche doch lieber im Dorf zu lassen“, sagt CDU-Stadtrat Lorenzo Saladino zu dem Ansinnen, die Straße umzubenennen. Er denke bei der Mohrenstraße und dem ehemaligen Hotel „Drei Mohren“ eher an die Weisen aus dem Morgenland und die klugen Sterndeuter als an unterdrückte Slaven. Wenn die direkt Betroffenen, die Bewohner den Namen ihrer Straße ändern wollten, könne man darüber reden.

Die Diskussion über den Namen der Straße halte ich für unverzichtbar.
Reinhard Schrieber, Grünen-Stadtrat

„Die Diskussion über den Namen der Straße halte ich für unverzichtbar“, sagt Reinhard Schrieber (Grüne). Allerdings gehe es zunächst einmal darum, sich unvoreingenommen und angemessen im Gemeinderat zu unterhalten. Es seien ja während der Kolonialzeit in Sachen Sklaverei richtig schlimme Dinge geschehen. Dies sei ein globales Thema.

„Wenn Sie nicht mehr Mohrenkopf sagen dürfen, dann gilt dies ebenso für den Namen Mohrenstraße“, meint Stadtrat René Asché (SPD). Der Namen Mohrenstraße passe nicht mehr in die heutige Welt. „Der Namen ist obsolet“.

Passanten in Ettlingens Innenstadt geteilter Meinung

Auch Passanten in der Ettlinger Innenstadt sind geteilter Meinung: „Es macht Sinn, solche Sachen umzubenennen, weil es für viele eine negative Bedeutung hat“, sagt die 42-jährige Anna-Maria Sommermann.

Sie selbst verbinde mit dem Begriff „Mohren“ nichts Negatives. „Das Tam-Tam“ um Begriffe wie Mohr oder auch jüngst um das Wort „Rasse“ im Grundgesetz könne sie nicht verstehen, sagt eine Bürgerin aus Ettlingen, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Ich habe heute noch zu Hause einen Sarotti-Mohr.
Ettlingerin

„Die meisten Schwarzen haben damit wahrscheinlich kein Problem“ sagt die 72-Jährige und ergänzt: „Für mich war Mohr als Kind positiv besetzt, ich habe heute noch zu Hause einen Sarotti-Mohr.“

Der Name „Mohrenstraße“ sei nicht mehr zeitgemäß, meint Peter (63) aus Karlsruhe. Eine Umbenennung hält er dennoch nicht für sinnvoll: „Man beschäftigt sich mit Dingen, die eigentlich kein Problem sind.“

Die erst 1945 in Lechleiter-Straße umbenannte Horst-Wessel-Straße erhielt bald wieder einen neuen Namen. Ab 17. Mai 1951 hieß sie Karl-Springer-Straße. Der Weinhändler Springer, der im Bereich der Marktstraße wohnte, war wegen seiner Publikationen zur Heimatgeschichte zum Ehrenbürger ernannt worden. Seine Tagebücher über die zwölfjährige Herrschaft der Nationalsozialisten in Ettlingen und die Beschreibung des Einmarsches der Alliierten im April 1945 sind wichtige Quellen der Heimatforschung.

Dass der Name Leichleiter wegfiel, war kein Wunder: Der Kalte Krieg war aufgezogen. Ein Mann, der dem kommunistischen Widerstand während der braunen Diktatur angehörte und im Landtag von Baden während der Weimarer Republik den Fraktionsvorsitz der KPD führte, passte nicht mehr in die Zeit. Zumal im fernen Amerika in der McCarthy-Ära (1950 – 1955) die Verfolgung vermeintlicher oder echter Kommunisten gerade auf ihren Höhepunkt zusteuerte.

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