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Herausforderung in Malsch

Jugendamt rechnet mit mehr häuslicher Gewalt wegen Coronavirus – Quarantäne in Jugendheim

Schulen und Kitas haben geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. In Jugendheimen muss der Betrieb derweil weiterlaufen. In der Jugendhilfe Waldhaus in Malsch wurde eine Quarantäne-Gruppe eingerichtet. Das Jugendamt rechnet zudem damit, dass die häusliche Gewalt zunimmt.

Ihre Lernpakete müssen sich die Waldhausschüler in Malsch abholen. Weil zwei Lehrerinnen positiv auf das Coronavirus getestet wurden, ist das gesamte Lehrerkollegium in Quarantäne zuhause. Foto: René Suck

Schulen und Kitas haben geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. In Jugendheimen muss der Betrieb derweil weiterlaufen. In der Jugendhilfe Waldhaus in Malsch wurde eine Quarantäne-Gruppe eingerichtet, nachdem zwei Mitarbeiterinnen positiv auf das Coronavirus getestet worden waren.

Bei den beiden infizierten Frauen handelt es sich um eine Referendarin und eine Lehrerin der in die Einrichtung integrierten Schule. Das gesamte Lehrpersonal sowie eine ganze Schulklasse sind noch bis Ende dieser Woche in häuslicher Isolation. Weitere Mitarbeiter mussten nach Hause geschickt werden, weil sie sich in einem Corona-Risikogebiet aufgehalten hatten oder zur Risikogruppe zählten.

Quarantäne-Gruppe in Malsch

Vier Jungen kamen in eine Quarantänegruppe im Waldhaus, „da sie mangels Elternhaus nicht nach Hause geschickt werden konnten“, schreibt die Schulrektorin Ursula Grass per E-Mail an die BNN-Redaktion. Drei Erzieherinnen hätten sich bereit erklärt, sie zu betreuen.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Insgesamt kümmerten sich die Pädagogen im Waldhaus aktuell um 38 Kinder und Jugendliche: 31 in den Wohngruppen und sieben Kinder in der Tagesgruppe.

„Die Heimgruppen agieren wie im Familiensystem“, erklärt Grass: Fünf bis sechs Jungs seien jeweils einem Lehrer zugeteilt, der sie getrennt von den anderen unterrichtet. Normalerweise würden 54 Heranwachsende stationär betreut, so Grass. Einige wurden von ihren Eltern bereits heim geholt.

Zweimal Happy Birthday singen müssen die Jungs im Waldhaus Malsch jetzt beim Händewaschen. 20 Sekunden dauert das ungefähr – laut Gesundheitsamt die ideale Dauer, um Viren wegzuwaschen. Foto: René Suck

Ausgangsbeschränkungen wegen Coronavirus verschärfen Konflikte

Jede Verlegung der Kinder geschehe in Abstimmung mit den jeweils zuständigen Jugendämtern. Die coronabedingten Ausgangsbeschränkungen schafften ein zusätzliches Konfliktpotenzial in vielen ohnehin schon schwierigen familiären Beziehungen.

Daher müsse man umso sorgfältiger abwägen. „Wenn man sieht, dass sich in China die Fälle der häuslichen Gewalt verdreifacht haben, können wir unsere Jugendlichen nicht einfach nach Hause schicken“, sagt sie.

Auch im Augustinusheim in Ettlingen will man „so lange wie möglich vermeiden, die Jungs heimzuschicken“, sagt die pädagogische Leiterin Jana Geßner. Dabei geht es Geßner auch um die Angehörigen. „Wir müssen die Großeltern schützen.“ Den Jungs den Ernst der Lage zu vermitteln, ihnen klarzumachen, dass es nicht um sie geht, sondern um den Schutz anderer, sei schwierig gewesen.

Ausgangssperre im Augustinusheim Ettlingen

Um die eigenen Mitarbeiter und die 40 Jungen zu schützen, die im Heim leben, hat die Einrichtung vergangene Woche eine Ausgangssperre verhängt. Auf dem Gelände könnten die Jungs sich auf dem Basketball-, dem Fußballplatz oder im Kletterpark austoben. Dennoch: „Sie sind hier sehr abgeschottet.“

Wir müssen um jeden Schutzanzug kämpfen.
Jana Geßner, Pädagogische Leitung Augustinusheim

Einen Coronafall gab es noch nicht. Trotzdem bereitet Geßner die knapp verfügbare Schutzkleidung Sorgen: „Wir müssen um jeden Schutzanzug kämpfen.“ Zehn Mitarbeiter kämen nicht mehr, weil sie zur Risikogruppe zählten. „Es ist eine belastende Situation“, sagt Geßner, „aber wir halten die Fahne hoch.“

Covid-19-Pandemie: Jugendamt rechnet mit Zunahme häuslicher Gewalt

Das Jugendamt für den Landkreis Karlsruhe sieht sich durch das Coronavirus ebenfalls vor Herausforderungen gestellt. Amtsleiter Dominik Weiskopf rechnet damit, dass durch die Ausgangsbeschränkungen Fälle von häuslicher Gewalt zunehmen werden und eine Krisenintervention häufiger nötig sein wird. Verweigert eine Familie den Mitarbeitern den Zutritt zur Wohnung , könne auch die Unterstützung der Polizei herbeigezogen werden.

In den Fällen, in denen keine Gefährdung des Kindeswohles vorliegt, verzichte man derzeit auf Hausbesuche und kommuniziere stattdessen telefonisch. Die 220 Mitarbeiter des Jugendamtes arbeiten im Schichtbetrieb, einer im Homeoffice, einer im Büro. Ein Coronafall in einer der betreuten Familien ist Weiskopf noch nicht bekannt. Man sei aber „für den Ernstfall“ mit Schutzausrüstung gewappnet.

Häufig gestellte Fragen zum Thema Jugendhilfe und Coronavirus beantwortet das Deutsche Institut für Jugendhilfe auf seiner Internetseite .

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