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Mütter besonders benachteiligt

Kitas bleiben wegen Coronavirus zu und viele Eltern verzweifeln

Zigtausend Eltern in Deutschland haben wohl leise oder auch laut geseufzt, als sie erfuhren: Die deutschen Kitas bleiben vorerst weiter zu. Wann sie wieder öffnen: ungewiss. Eine Nervenprobe für viele Väter – und vor allem Mütter, denn an ihnen bleibt häufig die meiste Erziehungsarbeit hängen. (mit Kommentar)

Ruhe im Homeoffice? Wer kleine Kinder hat, weiß, dass dieses Bild nur eine Momentaufnahme ist. Vor allem für berufstätige Eltern stellt die Corona-Krise eine echte Nervenprobe dar – mit wenig Aussicht auf Besserung. Foto: Imago

„Arbeiten? Das ist quasi unmöglich“, sagt Peter Barth. Seit Wochen ist der Softwareentwickler aus Ettlingen wegen des Coronavirus im angeordneten Homeoffice. Mit dabei: Seine Frau, der dreijährige Sohn und ein Neugeborenes. „Das Baby schläft schlecht, der Dreijährige ist mangels Spielplätzen nicht ausgelastet und dementsprechend anstrengend. Meine Frau verzweifelt langsam.“

Ein Arbeitszimmer hat die Familie in der Wohnung nicht. Und selbst wenn Barth ins Büro gehen könnte: „Ich kann meine Frau nicht tagelang alleine mit zwei Kindern mit völlig unterschiedlichen Bedürfnisse sitzenlassen“, sagt er

Peter Barth gehört zu den zigtausend Eltern in Deutschland, die wohl leise oder auch laut geseufzt haben, als sie erfuhren: Die deutschen Kitas bleiben erst mal zu. Bis zum Sommer, hatten die Experten der Nationalakademie Leopoldina empfohlen.

Und während das öffentliche Leben schrittweise wieder anlaufen soll und Schulen und kleinere Geschäfte nach und nach wieder öffnen, tun es die Kitas nicht. Eine echte Nervenprobe für viele Eltern.

Corona-Krise: Notbetreuung für Kinder soll ausgeweitet werden

Immerhin einen Lichtblick gibt es: Die Corona-Notbetreuung für Kinder wird bis mindestens 3. Mai ausgeweitet, das entlastet manche Eltern. Welche genau? Da müssen Betroffene sich bei ihren Landesregierungen informieren – denn eine bundesweit einheitliche Linie kam bei Beratungen von Familienministerin Franziska Giffey mit ihren Länderkollegen nicht heraus.

Einige Länder haben schon Neuerungen angekündigt. Nordrhein-Westfalen bezieht Mitarbeiter etwa von Tankstellen, des Lebensmittelhandels, Drogerien und Hausmeister ein. Unter anderem Schleswig-Holstein, Hamburg, Hessen und Bayern weiten die Betreuung auf Kinder berufstätiger Alleinerziehender aus. In manchen Bundesländern soll es auch reichen, wenn ein Elternteil in einem sogenannten systemrelevanten Beruf arbeitet.

Notbetreuung wegen Coronavirus: Alleinerziehende sollen in Baden-Württemberg berücksichtigt werden

Wie die Erweiterung in Baden-Württemberg aussehen soll, soll in der kommenden Woche festgesetzt und so rasch wie möglich kommuniziert werden, heißt es aus dem Kultusministerium. Klar ist nach Beschluss des Landeskabinetts, dass Kinder nicht mehr nur bis zur sechsten Klasse, sondern auch Siebtklässler notbetreut werden dürfen.

„Wir wollen die Notbetreuung für Eltern in allen Berufen ausweiten, die eine Präsenzpflicht im Job haben und die Betreuung nicht anders regeln können. Dabei sollen auch Alleinerziehende berücksichtigt werden, wie beispielsweise Verkäufer im Einzelhandel“, sagt Kultusministeriums-Sprecherin Christine Sattler.

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Über die konkrete Ausgestaltung sei man in intensiven Gesprächen mit Schul- und Kitaträgern sowie den Kommunen.“ Es müsse laut Sattler trotz allem strikt verfahren werden: „Es darf nicht passieren, dass man durch die Neuerungen durch die Hintertür einen geregelten Kitabetrieb aufnimmt.“

Eltern brauchen dringend eine Lösung

In letzterer Angelegenheit hat zumindest Frank Johannes Lemke, Caritas-Direktor in Pforzheim, wenig Bedenken: „Bisher haben sich alle Eltern kooperativ verhalten und es gab keine unbilligen Anfragen.“ In vier der sieben Pforzheimer Einrichtungen der Caritas werden derzeit zwischen je sechs bis acht Kinder betreut. „Wir haben in den vergangenen Tagen vermehrt Anfragen bekommen, können allerdings erst reagieren, wenn alle Parameter feststehen. Das Betreuungspersonal ist jedenfalls da und auf eine Erweiterung eingestellt.“

Auch Elke König, die in der Karlsruher Sozial- und Jugendbehörde den Fachbereich Kindertagesbetreuung leitet, beobachtet eine „sehr verantwortungsvolle Inanspruchnahme der Betreuung“. Trotzdem: „Es zeigt sich zunehmend eine Tendenz, dass die Eltern ihren Bedarf deutlicher kommunizieren und vehementer um Betreuung anfragen, weil sie dringend eine Lösung benötigen.“

Müssen weiter warten: Für Kinder ändert sich in der Corona-Krise vorerst nichts. Sowohl Spielplätze als auch Kitas bleiben zu. Foto: Stratenschulte/dpa

Wie viele Kinder aktuell notbetreut werden, variiert nach Angaben des Familienministeriums zwischen den Bundesländern, aber auch zwischen Städten und ländlichen Räumen. In Karlsruhe sind es laut Elke König derzeit 480 Kinder. In Normalzeiten ohne Corona stünden weit über 10.000 Betreuungsplätze zur Verfügung.

Bundesweit sei man Ende März von etwa 160.000 Kindern ausgegangen, sagt eine Sprecherin – im Vergleich zu rund 3,7 Millionen Kindern, die regulär in Kitas, Kindertagespflege und Horten betreut werden.

Betreuung der Kinder bleibt in der Covid-19-Krise oft an den Müttern hängen

Das heißt umgekehrt: Mehr als 3,5 Millionen jüngere Kinder waren zu Hause, und das ohne Spielplätze oder Treffen mit Nachbarskindern, jedenfalls, wenn die Familien sich an die Regeln hielten. Schwierig für Eltern – schwierig vor allem für Mütter?

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Darauf gibt es Hinweise. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat über eine Online-Umfrage Daten erhoben. Repräsentativ sind sie nicht – aber es deuten sich Tendenzen an. „Eltern haben im Moment zwei Jobs gleichzeitig auszuführen – ich glaube nicht, dass man das noch ein halbes Jahr lang aufrecht erhalten kann, sagt Mareike Bünning, die an der Befragung beteiligt war. Die große Sorge sei, dass es „wieder die Frauen sind, die beruflich kürzer treten“.

Rolle rückwärts in die Fünfzigerjahre
Lobby-Verband Deutscher Frauenrat

Der Umfrage zufolge arbeiten Mütter seltener als Väter weiterhin im selben Stundenumfang wie vor der Krise, sie arbeiten auch häufiger gar nicht mehr. Auch der Lobby-Verband Deutscher Frauenrat warnt vor einer „Rolle rückwärts in die Fünfzigerjahre“.

Frauen verdienten oft weniger als ihr Mann und arbeiteten viel öfter in Teilzeit – und verzichteten daher eher auf den Job, wenn einer zurückstecken müsse. „Indem sie Familien mit der Betreuungsfrage alleine lassen, konterkarieren die Verantwortlichen alle Bemühungen der vergangenen Jahre zu besserer Vereinbarkeit von Familie mit Beruf und höherer Müttererwerbstätigkeit“, sagt die Vorsitzende Mona Küppers.

mit Material von dpa

Kommentar

Es sollte eingangs gesagt sein: Leicht hat es in dieser Corona-Krise wahrlich keiner. Nicht die Alten, nicht die Kranken, nicht das medizinische Personal, die Berufstätigen, die plötzlich nicht mehr Berufstätigen, die Künstler, nicht die Abiturienten und Grundschüler und nicht die Verliebten, die sich über Grenzzäune hinweg nicht mehr küssen dürfen.

Trotzdem dürfte es auch den geduldigsten und vorsichtigsten Müttern und Vätern bitter aufgestoßen sein, wie beiläufig die Fortsetzung der Kitaschließungen verkündet wurde – erst als Empfehlung der überwiegend männlichen Vertreter der Leopoldina, dann durch die Bundesregierung und schließlich durch die Landesregierung. Perspektiven? Fehlanzeige.

Verkündet wurde weder ein auch nur voraussichtliches Enddatum – die Formulierung „bis zum Sommer“ kann schließlich alles von neun bis 19 Wochen bedeuten, noch die Aussicht auf Beihilfen wie ein Corona-Elterngeld, noch andere Erleichterungen. Die Notbetreuung soll zwar in den kommenden Tagen auf einige Elterngruppen ausgeweitet werden. Doch welche das sind, wird erst nächste Woche feststehen.

Und selbst dann ist nicht klar, ob in den Kitas nach Einbeziehen aller Abstands- und Hygieneregeln, die nun zu unserem Leben gehören, genug Kapazitäten für den zu erwartenden Bedarf vorhanden sein werden. Den meisten Eltern bleibt damit nur die Perspektive auf weitere lange Wochen mit ungeduldigem Nachwuchs, der weder Freunde treffen, noch auf den Spielplatz, ins Schwimmbad oder auf öffentliche Grünflächen darf. Wer dazu noch von zuhause arbeitet, oder eher: versucht zu arbeiten, der hat es mit zwei waschechten Vollzeitjobs zu tun; und legt für seinen eigentlichen Job oft Nachtschichten ein, um sich mal länger als in 15-Minuten-Happen konzentrieren zu können.

Dass gerade die Eltern betreuungsbedürftiger Kinder so stiefmütterlich behandelt werden, riecht ein wenig nach einem Denken, das der heutigen Zeit nicht mehr entspricht. Betreuungsbedürftige Kinder? Gar Kleinkinder? Na, das wird sich doch irgendwie von selbst regeln. Es gibt doch in ordentlichen Familien schließlich fast immer einen, der weniger arbeitet und sich zuvorderst um die Kinder kümmert – oder eher: Eine. Man könnte auch sagen: Mutti wird’s schon wuppen.

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