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Turm ist sanierungsbedürftig

Spektakulärer Kraneinsatz: Kreuz der Ettlinger Martinskirche und goldene Kugel entfernt

Mit der Entfernung des Kreuzes und der Kugel wurde der erste Schritt gemacht für die Sanierung des maroden Turms. Mit Spannung erwartet wurde die Öffnung der Kugel, in der sich historische Dokumente von vergangenen Renovierungen befinden.

Durfte als Erster in die goldene Kugel greifen: Pfarrer Martin Heringklee förderte drei Kassetten mit historischen Dokumenten zutage. Foto: Julia Trauden

Als das Kreuz der Ettlinger Martinskirche am Freitagvormittag endlich auf dem sicheren Boden ankommt, fühlt sich das für Gertrud Vater fast an wie eine gelungene Flugzeuglandung: „Eigentlich müsste man jetzt klatschen“, sagt sie.

Vater verbindet viel mit dieser Kirche. Hier wurde sie getauft, hat die erste heilige Kommunion empfangen und den Bund der Ehe geschlossen.

Abgesehen davon, sieht sie sie jeden Tag, wenn sie aus der Haustür tritt, denn sie wohnt nur einige Meter entfernt.

Rund 200 Kilogramm hängen am Kran

Mit Gertrud Vater haben sich rund ein Dutzend Schaulustige vor der eingerüsteten Kirche an der Alb eingefunden, um dabei zuzuschauen, wie ein Kran das Kreuz mit dem goldenen Wetterhahn aus dem Turm hebt und es langsam zur Erde schweben lässt.

Es ist Maßarbeit, was die Männer auf der Plattform in über 50 Metern Höhe und der Kranführer am Boden da leisten.

Rund 200 Kilogramm wiegt das Kreuz, schätzt Eduard Stern, der Projektleiter von der Firma Scholpp. Nur ein Teil schaut aus dem Baugerüst raus, der Rest verbirgt sich in der Spitze des Turms, der wie berichtet dringend saniert werden muss und deshalb Stück für Stück abgetragen und wieder neu aufgebaut wird.

Damit der Turm beim Ausschwenken des Kreuzes nicht beschädigt wird, sprechen Kranführer und die Arbeiter oben auf der Plattform jede kleinste Bewegung per Funk ab. „Erst wird es vier Meter in die Höhe gehoben“, erklärt Stern, dann erst zur Seite und schließlich zum Boden.

Historische Dokumente in goldener Kugel

Gut eine halbe Stunde dauert es, bis das Kreuz unten in Empfang genommen und vorsichtig auf dem Pflaster abgelegt werden kann. Doch damit ist die Arbeit noch nicht getan. Ganz im Gegenteil: Jetzt kommt erst der wirklich spannende Part.

Denn unter dem Kreuz befindet sich eine große goldene Kugel, in der sich zeithistorische Dokumente verbergen, die bei vergangenen Renovierungen hineingelegt wurden. Das können beispielsweise Münzen sein, alte Zeitungen oder Urkunden, erklärt Architekt Matthias Buchmüller.

Maßarbeit: Mit einem 60 Meter hohen Kran wurde das Kreuz der Martinskirche am Freitagvormittag in Ettlingen entfernt. Foto: Julia Trauden

Um die Kugel zu leeren, wird auch sie zunächst mit dem Kran aus dem Turm gehoben. Unten legen die Zuschauer den Kopf in den Nacken, zücken ihre Smartphones, um den Moment festzuhalten.

Stadtpfarrer Heringklee darf als Erster in die Kugel greifen

Auch der Ettlinger Stadtpfarrer Martin Heringklee, der in gelber Warnweste und mit Bauhelm auf dem Kopf ganz nah dran ist an der Aktion, fotografiert fleißig.

Nachdem die Kugel wohlbehalten am Boden angekommen ist und die Absperrungen für die Zuschauer entfernt wurden, darf er als Erster reingreifen.

Eine Kunststoff- und eine Stahlkassette sowie ein mit zwei Schnüren zusammengehaltenes Bündel aus rotem Wachspapier zieht er aus der Öffnung in der Kugel.

Am ältesten ist das Wachspapierbündel, vermutet er, am jüngsten die Kunststoffrolle. Sie könnte von der letzten Renovation in den 1980er Jahren stammen.

1980 war die letzte Renovierung

Das Geheimnis lüften wird Heringklee an diesem Tag allerdings noch nicht. Die Gefahr, dass die gut verpackten Dokumente durch die überstürzte Öffnung bei feuchter Witterung beschädigt werden, ist zu groß. Das müssen Fachleute unter den passenden Bedingungen machen.

Zumindest ein Teil der Inhalte ist aber bereits bekannt, weiß der ehemalige Pfarrer Engelbert Baader. Bei der letzten Kirchensanierung 1980 sei die Kugel geöffnet und Kopien von den darin enthaltenen Dokumenten gemacht worden.

Das Korn u(nd) Dinkel ist der Preiss 2fl und das Fuder Wein 50fl.
Auszug aus einer Urkunde von 1715

Dabei habe es sich um Schriftstücke aus den Jahren 1855, 1864 und 1949 gehandelt sowie um eine Kopie von einer Urkunde aus dem Jahr 1715, wie in einem 1994 veröffentlichten Buch über die Martinskirche dokumentiert ist. Das Original der Urkunde befindet sich im Stadtarchiv.

„Anno 1715 den 15. Oktober ist dieser Knopf auf den Kirchthurm dahier gesetzt worden unter der Regierung der Durchlauchtigsten Fürsten und Frauen Franziska Sibylla Markgräfin zu Baden und Hachberg ....“, heißt es darin etwa.

Es wurde auch Bezug genommen auf damalige Lebensmittelpreise – laut Baader war dies früher bei Urkunden so üblich. „Das Korn u(nd) Dinkel ist der Preiss 2fl und das Fuder Wein 50fl.“ Die Abkürzung fl steht dabei für Gulden, das Fuder ist ein damaliges Flüssigkeitsmaß.

Wiederaufbau des Turms beginnt voraussichtlich im Sommer 2022

Wie geht es jetzt an der Martinskirche weiter? Voraussichtlich bis Weihnachten werde man die marode Turmhaube abbauen, blickt Architekt Buchmüller voraus. Eine Schreinerei entferne nun zunächst die Holzbalken und schaue, was von dem Material noch brauchbar ist.

In mehreren Segmenten wird mithilfe eines Krans dann der komplette Turm abgebaut. Im Sommer 2022 könne man voraussichtlich mit dem Wiederaufbau beginnen.

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