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75 Jahre Kriegsende

Langensteinbacherin erinnert sich, wie sie die Leichen von Hitlers letztem Aufgebot einsammelte

30 Männer starben am 8. April 1945 auf einem Feld zwischen Langensteinbach und Reichenbach durch französische Panzer. Viele von ihnen waren noch nicht einmal volljährig. Hilde Huber, damals 17 Jahre alt, musste die jungen Gefallenen drei Tage später einsammeln und zum Friedhof bringen.

Mit Panzern rücken Besatzungskräfte im Albtal vor. Das Foto ist auf der Titelseite des Buchs „Die Karlsbader Orte im Krieg“ zu sehen, das die Heimatforscherin Hildegard Ried 2001 veröffentlicht hat. Am 8. April erreichten französische Truppen Karlsbad. Foto: pr

Fast drei Tage lang lagen die jungen Soldaten schon auf dem Schlachtfeld bei Langensteinbach, als Hilde Huber ihren Auftrag bekam. Weil sie aus einer Bauernfamilie kam, die ein Pferd und ein Fuhrwerk besaß, sollte sie helfen, die Gefallenen einzusammeln.

17 Jahre war sie damals alt, der Vater war 1944 bei einem Arbeitsunfall gestorben, der ältere Bruder im Krieg gefallen, der zweite Bruder kämpfte an der Front. Hilde Huber hatte die Versorgung des Pferdes übernommen – somit blieb nur sie für die grausame Aufgabe, für die auch andere Landwirte herangezogen wurden.

Mit Pferd und Fuhrwerk machten sie sich auf den Weg

Ein Buch der Heimatforscherin Hildegard Ried, selbst Zeitzeugin, zum Kriegsgeschehen in Karlsbad hatte sie veranlasst, ihre Geschichte zu erzählen. Es war der 10. oder der 11. April 1945, erinnerte sich Huber im Gespräch mit Hildegard Ried, als sie mit ihrem Fuhrwerk und „einigen älteren Männern“ rausfuhr, um die Gefallenen auf Langensteinbacher Gemarkung einzusammeln und sie auf den Friedhof zu bringen.

Das Einsammeln und Aufladen besorgten die Männer.
Hilde Huber, Zeitzeugin

Ungefähr 30 habe man gefunden. Mehr als die Hälfte von ihnen waren wie Huber noch fast Kinder, 17 Jahre alt. „Ich selbst hatte nur zu fahren, beziehungsweise das Pferd zu lenken“, schilderte die inzwischen verstorbene Zeitzeugin das Geschehen. „Das Einsammeln und Aufladen besorgten die Männer.“

Die Erinnerung an diese Minuten ließ die Langensteinbacherin ihr Leben lang nicht los. Vor allem der Geruch der Toten, die fast drei Tage in der in diesem Jahr äußerst warmen Frühlingssonne gelegen hatten, schien an ihr haften geblieben zu sein.

Junge Männer zogen mit Panzerfäusten durch das Dorf

Hildegard Ried, die damals elf Jahre alt war, erinnert sich, wie die jungen Soldaten wenige Tage zuvor durch die Straßen gezogen waren. „Die Panzerfäuste, die sie tragen mussten, haben diese Buben fast zu Boden gezogen.“

Auf einer Anhöhe in der Nähe von Reichenbach hätten sie Löcher graben müssen, in denen sie sich mit ihren Geschützen versteckten und aus denen sie auf die anrückenden französischen Panzer feuern sollten. „Den jungen Soldaten und Volkssturmleuten wurde befohlen, in Schützenlöchern die ankommenden feindlichen Panzer abzufangen und abzuwehren. Wenn die Panzer kommen, müsst ihr sie abschießen, hat man zu ihnen gesagt.“

Die Panzerfaust, erzählte Hilde Huber, habe für die Männer den sicheren Tod bedeutet. „Es war eine von den Panzerbesatzungen äußerst gefürchtete Waffe. Diese Waffe musste unschädlich gemacht werden, und dabei starben auch die vielen jungen Soldaten und Volkssturmleute.“

Bei einem der jungen Gefallenen fand Huber einen Brief: „Er schrieb in kindlicher Schrift an seine Angehörigen, dass er tags zuvor in der Kirche war und eine Kerze angezündet habe. Ich gab den Brief ab, weiß jedoch nicht, ob er an die Familie weitergeleitet werden konnte.“

Im Lazarett trafen Deutsche auf Franzosen

Diejenigen, die verwundet waren, wurden im Lazarett verarztet, das in ihrem Elternhaus eingerichtet wurde, erinnert sich Hildegard Ried. „Meine Mutter kochte für sie, machte ihnen Tee.“ Der französische Militärarzt habe keinen Unterschied gemacht zwischen Deutschen und Franzosen: „Der hat nur Verwundete gesehen.“ Ein „guter Mensch“ sei der Offizier gewesen, sagt Ried.

Eine weitere Szene hat sich in das Gedächtnis der heute 86-Jährigen eingebrannt: Die vom brennenden Sägewerk und den Schindeln, die durch den Himmel flogen und einige Dächer zerstörten.

Lange habe sie geglaubt, dass die Franzosen den Brand gelegt hätten, so Ried – ein Zeitzeuge habe ihr allerdings erklärt, dass es ein deutscher Offizier gewesen sei, der von Ittersbach schoss: „Er musste Feuer nachweisen. Der Befehl war, Langensteinbach in Brand zu setzen. Und da hat er auf das Sägewerk gezielt.“

In ihrem Buch "Die Karlsbader Orte im Krieg - Zeitzeugen erinnern sich" (veröffentlicht 2001) hat die Heimatforscherin Hildegard Ried weitere Zeitzeugenberichte und Fotos zusammengetragen. Auf 125 Seiten erzählen Menschen aus Auerbach, Ittersbach, Langensteinbach, Mutschelbach und Spielberg ihre Geschichten. ISBN 3-9800857-5-9

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