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Corona-Regeln verunsichern

Public Viewing in Karlsruhe und Ettlingen: Wirte sind noch nicht im EM-Fieber

Fußball Europameisterschaft und keiner geht hin? Zumindest scheint das EM-Fieber in Karlsruhe und Ettlingen noch nicht ausgebrochen zu sein. Obwohl Public Viewing - unter bestimmten Corona-Bedingungen in der Gastronomie - erlaubt wäre. Wo EM-Fans doch auf ihre Kosten kommen könnten.

Einschränkung: So eng wie hier beim Public Viewing während der WM 2014 darf es beim öffentlichen Fußballschauen in Corona-Zeiten nicht zugehen. Foto: Klaus Müller

Die Antwort aus den Gemeindeverwaltungen fällt kurz und knapp aus: „Derzeit gibt es bei uns so gut wie keine Anmeldungen oder Anfragen für Public Viewing.“ Kurzum, von EM-Fieber, davon, dass die an diesem Freitag beginnende Fußball-Europameisterschaft das beherrschende Seh- und Kommunikationsthema ist, spürt man derzeit kaum etwas in und um Ettlingen.

Was sind das für Erinnerungen – an die WM 2006 in Deutschland und an die folgenden Welt- und Europameisterschaften, als viele Vereine zum Public Viewing einluden. Und dann kam Corona und mit dem Virus eine Flut von Verordnungen, bei denen kaum noch jemand durchblickt. „Das Risiko ist einfach zu groß, Public Viewing zu organisieren“, ist aus den Vereinen zu hören.

Wäre es nur das. Aber dann gibt es ja noch die zuständigen Ministerien, allen voran das baden-württembergische Gesundheitsministerium. Bis vor kurzem wurde den Gemeindeverwaltungen eröffnet, dass Sportübertragungen nicht mit Kulturveranstaltungen gleichzusetzen seien: „Der Begriff der Kulturveranstaltung in den oben genannten Regelungen ist jedoch nicht derart weit zu verstehen, dass hiervon auch die Live-Übertragung von Sportveranstaltungen umfasst ist.“

Widersprüchliche Aussagen: Ist Public Viewing Kultur oder nicht?

Diese Antwort erhielt der Landkreistag auf Anfrage beim Gesundheitsministerium. Darüber wurden die Landkreise in einem Rundschreiben, datiert vom 27. Mai, informiert. Nicht nur Jürgen Augenstein, stellvertretender Hauptamtsleiter in Karlsbad, folgerte daraus, dass man somit keine Genehmigungen für reine Public-Viewing-Veranstaltungen erteilen könne. Allein schon das hätte alle Bemühungen eines Vereins nach so einer Genehmigung zunichte gemacht.

Zwischenzeitlich vermeldete das Ministerium von Minister Manne Lucha (Grüne), dass öffentliche TV-Übertragungen, zum Beispiel in einem Biergarten, anlog zu Kulturveranstaltungen behandelt werden. Was lässt sich daraus folgern? Konsequenterweise dürften dann auch Vereine Public Viewing als Kulturveranstaltung mit den entsprechenden Auflagen anbieten.

Denkbar sind laut Ministerium Übertragungen im Kino oder im Freiluftkino. Davon nimmt derzeit Marcus Neumann, Betreiber des Ettlinger Kinos Kulisse, lieber Abstand: „Wir haben uns diesmal gegen Public Viewing entschieden. Es kann ja niemand vorhersagen, welche neue Regeln vielleicht schon in einigen Tagen gelten.“

Welche Corona-Regeln gelten beim Torjubel?

Auf der relativ sicheren Public-Viewing-Seite sind momentan gastronomische Betriebe. Sie können „unter Beachtung der geltenden Corona-Regeln“ öffentliches Fußballschauen anbieten. Veranstaltungen im Freien, zum Beispiel im Bereich der Außenbewirtschaftung, müssten angemeldet werden, wenn sie länger als 22 Uhr gehen sollten, erklärt Kristian Sitzler, Chef des Ettlinger Ordnungsamtes.

Public Viewing wird es im Ettlinger Vogelbräu geben. „Die Leute wollen wieder raus. Und die EM-Euphorie wird kommen“, zeigt sich Vogelbräu-Chef Rudi Vogel zuversichtlich. Aufs Public-Viewing-Pferd setzt ebenfalls Zeljko Jurcevic vom Restaurant Himmelsstern auf dem Waldbronner Rathausmarkt. Sein Angebot gilt innen wie außen.

Da könnte es aber ein wenig kompliziert werden. Im Innenbereich einer Gaststätte gelten die „3Gs“, getestet, geimpft, genesen. Im Außenbereich nicht. Dort müssen aber genauso die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden. Mal schauen, was passiert, wenn die Löw-Truppe ein Tor schießen sollte. Ob dann womöglich ein nicht-konformer Corona-Jubel um sich greift? Dazu, zum Torjubel beim Public Viewing, steht übrigens nichts in den einschlägigen Corona-Verordnungen.

Corona-Tristesse in der Karlsruher Südstadt

Italien gegen die Türkei: Das erste Spiel der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft an diesem Freitag (21 Uhr) ist eigentlich wie gemacht für den stimmungsvollen Auftakt eines vierwöchigen Fußballfestes in der Karlsruhe Südstadt. Seit der Weltmeisterschaft 1998 werden im Multikulti-Viertel bei jedem Großereignis rauschende Fußballfeste gefeiert, und gerade die italienischen und türkischen Fans geben dort erfahrungsgemäß den Ton an.

Drei Tage vor dem Beginn der Europameisterschaft deutet rund um den stadtteilprägenden Werderplatz in Karlsruhe allerdings noch nicht viel auf das nahende Fußball-Großereignis hin. Zwischen den hohen Häuserzeilen an der Marien- und Wilhelmstraße, wo normalerweise die Flaggen der teilnehmenden Länder gehisst werden, herrscht ausgerechnet vor dem Auftaktspiel noch spürbare Corona-Tristesse. Bunte Fahnen oder Werbebanner sucht man ebenso noch ebenso vergebens wie vorfreudige Tifosi oder junge türkische Männer im Nationaltrikot.

An den Außentischen von Fußballkneipen wie der Bar Milano oder dem Wirtshaus Wolfbräu sitzen die Menschen an den Tagen vor dem Auftaktspiel mit Abstand. Über Fußball redet hier noch fast niemand. „Richtige EM-Stimmung kommt hier frühestens nach dem Auftaktspiel auf“, sagt Südstädter Dario.

Kein EM-Fanfest auf dem Werderplatz

Auch sonst sucht man die üblichen Vorboten einer Europameisterschaft in Karlsruhe bislang weitgehend vergebens. In Landesfarben bemalte Autos oder Kinder in Fußballtrikots auf den Bolzplätzen sind noch nicht in Sicht. Auch die Fantrikots der deutschen Nationalmannschaft sind in Sportgeschäften fünf Tage vor dem ersten Spiel von Jogis Jungs am Dienstag gegen Frankreich noch echte Ladenhüter.

Große Fußballfeiern auf den Straßen und öffentlichen Plätzen wird es in diesem Jahr in Karlsruhe definitiv nicht geben. Public Viewing ist bei der Euro 2021 nämlich nicht erlaubt und deshalb wird zum Finale am 11. Juli auch kein buntes Fan-Fest auf dem Werderplatz stattfinden.

„Nach der aktuellen Corona Verordnung des Landes Baden-Württemberg sind dezidierte Public-Viewing-Veranstaltungen zur Übertragung der Fußball-Europameisterschaft 2021 nicht möglich“, teilt Matthias Tröndle vom Presseamt der Stadt Karlsruhe mit. Diese Veranstaltungen fielen nämlich nicht unter die Rubrik der Kulturveranstaltungen und seien deshalb von den vor Kurzem eingetretenen Lockerungen ausgenommen.

Für die Gastronomie bestehe allerdings die Möglichkeit, Fußballspiele via Großbildfernseher auf der konzessionierten Außenfläche zu übertragen. „Dazu müssen die Gastronomen beim Ordnungs- und Bürgeramt aber einen entsprechenden Antrag stellen“, betont Tröndle.

Die späten Anstoßzeiten stehen in diesem Fall nicht im Widerspruch zu den üblichen Biergartenschließzeiten: Fußballspiele können laut den Vorgaben der Stadtverwaltung nämlich auch nach 22 Uhr im Außenbereich übertragen werden, prinzipiell sind die Übertragungen bis 30 Minuten nach Spielende zulässig. Die dafür notwendigen Sperrzeitverkürzungen werden ebenfalls auf Antrag durch die Gaststättenbehörde geprüft.

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