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Kranke mussten sich Grab selbst schaufeln

Auf den Spuren von Pandemien und Seuchen in Ettlingen

Die Einhaltung von Hygieneregeln in Pandemie-Zeiten war in früheren Jahrhunderten in Ettlingen auch ein Thema. So verlegte man die Begräbnisstätte im 16. Jahrhundert aus der eng besiedelten Stadt.

Der erste Friedhof außerhalb der Stadtmauern: Aus Hygienegründen ließ der Ettlinger Rat schon im 16. Jahrhundert die Begräbnisstätte an der Durlacher Straße, bei der heutigen Herz-Jesu-Kirche, anlegen. Foto: Werner Bentz

Die Zahlen der Covid-19-Toten im südlichen Landkreis steigt aktuell nicht weiter. Das ist auf Nachfrage bei den Bestattungsinstituten zwischen Rheinstetten, Ettlingen und Karlsbad herauszuhören.

„Wir hatten die gleiche Sterblichkeitsrate 2020 wie 2019 in Karlsbad“, sagt Uwe Stadler vom gleichnamigen Beerdigungsinstitut in der Gemeinde. Ähnliches war auch von der Bestattungsfirma Gartner in Ettlingen zu hören und einem Rheinstettener Beerdigungsinstitut. Allerdings heißt es aus letztgenanntem: Ausreißer gebe es, in erster Linie durch plötzliche Infektionsausbrüche in Heimen.

Natürlich weiß ich, dass der Schutzanzug wichtig ist.
Lorenzo Saladino, Bestatter

Wie unterschiedlich selbst die Bestatter die Corona-Zeit erleben, ergibt sich schon aus einer Beobachtung von Stadler in verschiedenen Kliniken in der Region.

Die einen übergäben die im Krankenhaus Verstorbenen in sterilen Hüllen, während andere die Übergabe so handhabten wie vor Eintritt der Pandemie. Und auch bei der Bekleidung der Bestatter gibt es ein komplett unterschiedliches Gefühl. „Natürlich weiß ich, dass der Schutzanzug wichtig ist.“, sagt Lorenzo Saladino von der Firma Gartner.

Er komme sich manchmal aber vor wie ein Astronaut bei einer Mond-Expedition. Am liebsten wolle er den Schutzanzug ausziehen, das fühle sich so unmenschlich an. Stadler wiederum, auch wenn er in Waldbronn und Karlsbad 2020 „nur“ vier Menschen, die an oder mit Covid 19 gestorben sind, zu begraben hatte, schätzt die Sicherheit durch die Schutzkleidung.

Schwieriger Umgang mit Pandemien

Wie schwierig der Umgang mit Pandemien ist, zeigt auch ein Blick in die Ettlinger Geschichte. Die Spur führt von der Ettlinger Martinskirche, in und um ihr wurden die ersten Bürger begraben, zum „alten“ Friedhof hinter der Herz-Jesu Kirche bis zur Alexiuskapelle, wo einst bis 1850 das „Gutleuthaus“ stand.

Heimatforscher Hans-Leopold Zollner schrieb 1958 über die in hiesigen Landen jahrhundertelang grassierende Leprakrankheit eine Abhandlung. Das Ettlinger Siechenhaus sei im 14. Jahrhundert entstanden, als Ausdruck christlichen Erbarmens mit den „armen Siechen“.

Das Heim enthielt für die Leprakranken zehn kleine Zimmer, eine Küche und eine Scheuer für Vorräte. Hin und wieder durften die Aussätzigen in die Stadt kommen, um milde Gaben abzuholen.

Die Bürger legten sie schnell vor die Türe, wenn die Leprapatienten sich näherten. Diese mussten eine laute Klapper tragen, die schon von weitem zu hören war. Im wesentlichen waren die Betroffenen auf sich selbst gestellt. Sie mussten sich gegenseitig helfen, die Geschwüre und Wunden verbinden und die Gräber selbst schaufeln, wenn der Tod einer der ihren vom Leiden erlöste.

Schutz vor Infektion: Nur in solchen Anzügen dürfen Bestatter zu ihren Toten. Foto: Johannes Christoph Weis

Kein Siechenhaus für Pestkranke

Falsch ist jedoch die Annahme, dass in dem Siechenhaus weit draußen vor der Stadt Pestkranke lebten. Die Krankheit ist so ansteckend, dass zwischen Ostern und November 1519 rund 1.500 Menschen aus Ettlingen und Umgebung vor dem „Schwarzen Tod“ flohen.

In der Zeit der Reformation, manche meinen, das geht auf den damaligen Ettlinger Pfarrer oder den Reformator Irenicus zurück, legte man außerhalb der Stadt, rund 200 Meter hinter dem Pforzheimer Tor, 1527 wegen der Infektionsgefahren einen neuen Friedhof an der Durlacher Straße an. Bis dahin waren die verstorbenen Ettlinger rund um die Martinskirche beerdigt worden.

Begräbnisplatz außerhalb der Stadt

„Die Erkenntnis, dass in der immer dichter besiedelten Stadt ein Begräbnisplatz Folgen für die allgemeine Hygiene haben könnte, brach sich ihre Bahn“, schreibt Professor Rüdiger Stenzel in seinem Buch „Ettlingen von 14. bis 17. Jahrhundert“. Dies beschlossen damals an Mariä Himmelfahrt Vogt, Schultheißen Gericht und Rat einhellig.

Sie entschieden, dass kein Mensch mehr in der Stadt begraben werden sollte. Doch während des Dreißigjährigen Krieges war es mit den guten Vorsätzen vorbei. Es gab wieder Massenbestattungen im Bereich der Martinskirche. Der Markgraf drückte noch später, wie Ende des 17. und 18. Jahrhunderts in den Archiven zu lesen ist, kräftig die Augen zu: Gegen Geld konnten sich einflussreiche Bürger in der Martinskirche bestatten lassen.

Auch 18. Jahrhundert eine Seuchenjahrhundert

Stark wütete Infektionen in Ettlingen gab es auch 1734 und den Kriegsjahren 1761 bis 1764. Die Ettlinger Jesuitenpatres betreuten Lazarette in Ettlingen und Wolfartsweier. Drei junge Geistliche mussten bei der Versorgung ihrer Patienten wegen „bösen Fiebers“, eine Krankheit, die die Soldaten in den Kriegsjahren eingeschleppt hatten, ihr Leben lassen.

Und die Zahl der Toten in Ettlingen selbst ging wegen dieses Fiebers steil nach oben. Statt der üblichen 60 Sterbefälle im ganzen Jahr, verzeichnete das Totenbuch die gleiche Zahl in einem Vierteljahr.

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