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Dieter Behringer hat nachgeforscht

Vom Schicksal der Sinti-Kinder Reinhardt aus Ettlingen

Engagiert gegen Rassismus ist Dieter Behringer schon lange, jetzt hat er Erschütterndes über Kinder von Sinti und Roma während der Nazizeit in Ettlingen herausgefunden.

Dieter Behringer hat ein Buch unter dem Titel „Weil sie „Zigeuner“ waren“ geschrieben. Hier steht er am Mahnmal für die Ettlinger Zwangsarbeiter. Foto: Monika Engelhardt-Behringer

Mit dem Namen Dieter Behringer ist in Ettlingen so manches verbunden: Die Stolpersteine im Stadtzentrum, das Mahnmal für die Zwangsarbeiter auf dem Friedhof, das Bündnis gegen Rassismus und Neonazis. Jetzt hat der vormalige Lehrer zur Feder gegriffen und eine 76 Seiten starke Dokumentation erstellt.

„Weil sie ,Zigeuner’ waren“ heißt sie, und aus ihrem Untertitel „Ettlinger Kinder deportiert und ermordet“ wird klar, um was es dem 69-Jährigen geht.

Er will ein wenig lokales Licht in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte bringen: die Verschleppung von Sinti und Roma, die dann in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Vom Schicksal der Kinder Georg und Karl Johannes Reinhardt

„Ich will diesen Menschen ein Gesicht geben, denn nur so bekommen sie ein Stück ihrer Würde zurück“, sagt der Autor über sein Motiv. Behringer berichtet vom Schicksal der beiden Kinder Georg und Karl Johannes Reinhardt und von ihrem kurzen Leben. Die beiden nachweislich in Ettlingen geborenen Jungen wurden in Auschwitz von den Nazis ermordet. Sie stehen stellvertretend für zig tausende Sinti und Roma, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

Georg Reinhardt, hat Dieter Behringer bei seinen monatelangen Nachforschungen herausgefunden, ließ am 13. Mai 1943 sein Leben; der Junge wurde nur acht Jahre alt. Karl Johannes Reinhardt wurde am 5. November 1943 als Siebenjähriger im Vernichtungslager umgebracht. Seiner Mutter und seiner nicht in Ettlingen geborenen Schwester Anna widerfuhr das gleiche Schicksal.

Warenverkauf an der Haustür

Behringer schreibt über die Sinti und Roma in Ettlingen allgemein, es sei nicht feststellbar, wie viele genau in Ettlingen lebten und wo sie wohnten. Bekannt sei aber, dass sie immer wieder mit ihren Wagen Halt in der Stadt machten und sich den Lebensunterhalt durch Warenverkauf an der Haustür verdienten.

Einer der Plätze, an dem die Wohnwangen standen, soll an der heutigen Goethestraße hinter dem Jugendzentrum Specht gewesen sein. Ende 1932, so Behringers Recherche, wurde von der Gemeindeverwaltung ein so genannter „Zigeuner-Aufenthaltsplatz“ an der Bulacher Straße auf einer städtischen Wiese genehmigt mit einem Brunnen zum Kochen und Waschen.

Ob die besagten Familien Reinhardt in Ettlingen gemeldet waren oder hier auf der Durchreise, also auf einem „Zigeuner-Lagerplatz“ ihren Nachwuchs zur Welt brachten, „das ist für das Schicksal dieser Kinder ohne Bedeutung“, so Dieter Behringer.

Mein Besuch in Auschwitz war ein Anstoß für das Werk.
Dieter Behringer, Autor

Die Kapitel um die beiden Jungen ordnet der Autor in einen allgemeinen historischen Kontext ein. Er beschreibt, wie Sinti und Roma in den Jahren ab 1940 systematisch verfolgt, deportiert und ermordet wurden, wirft zudem einen Blick auf die Nachkriegszeit, auf Gerichtsprozesse, Wiedergutmachung und die Situation von Sinti und Roma in der Gegenwart.

Anstoß für das Werk sei ein Besuch in Auschwitz gewesen sowie im Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, erzählt Behringer. „Beides hat mich sehr betroffen gemacht.“ Als Quellen nutzte er Dokumente und Fotos aus dem Generallandesarchiv und dem Ettlinger Stadtarchiv, recherchierte zudem bei Standesämtern.

Geleitwort von Bürgerrechtlerin Anita Awosusi

Besonders freut den Autor ein Geleitwort zu „Weil sie „Zigeuner“ waren“ der Bürgerrechtlerin Anita Awosusi. Sie schreibt: „…In einer Zeit, in der Rassismus, Antiziganismus, Antisemitismus in der Mitte unserer Gesellschaft bei vielen Menschen stillschweigend akzeptiert werden, ist es umso wichtiger, dass wir nicht vergessen dürfen, wie schnell es zum Zivilisationsbruch kommen kann…“

Service

Dieter Behringers Dokumentation ist erhältlich per Mail ettlinger-buendnis@gmx.de; die Schutzgebühr beträgt sechs Euro.

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