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I hätt do mol e Frog

Was hat es mit den „Ettlinger Linien” auf sich?

Was sind die „Ettlinger Linien”? Warum wurden sie gebaut und haben sie noch eine Bedeutung? Das wollte Leser Rüdiger Zoller von den BNN wissen. Ein Ortstermin dazu in Spessart.

Spurensuche im Wald: Dieter Stöcklin (links) traf sich mit BNN-Leser Rüdiger Zoller in der Nähe des Funkturms in Spessart, um ihm dort eine kleine Lehrstunde in Sachen „Ettlingen Linien” zu geben. Foto: Heidi Schulte-Walter

Mit „I hätt do mol e Frog” und einer schnellen Antwort ist es bei Rüdiger Zoller nicht getan. Der Ruheständler aus Ettlingen hat gleich eine Fülle von Fragen an die Redaktion geschickt. Alle drehen sie sich um die „Ettlinger Linien”.

Zoller sagt über sich, er interessiere sich seit jeher für Geschichte vor der Haustür, wiewohl er beruflich damit nichts zu tun hatte, sondern sich um organisatorische Fragen in einem Pharmaunternehmen kümmerte. Anders Dieter Stöcklin, der an dem heißen Nachmittag auf BNN-Bitte zum Funkturm nach Spessart gekommen ist, um dort eine kleine Lehrstunde in Sachen „Ettlinger Linien” zu geben.

Die „Ettlinger Linien” haben mit den Franzosen zu tun

Der pensionierte Lehrer hat früher am Eichendorff-Gymnasium Latein, Französisch und Geschichte unterrichtet, er engagierte sich zudem viele Jahre lang für die Städtepartnerschaft Ettlingen-Épernay. Dass die „Ettlinger Linien” etwas mit Frankreich und den Franzosen zu tun haben, das macht Stöcklin, der am Sonntag 80. Geburtstag feiert, im Gespräch mit Zoller und den BNN gleich klar: „Sie sind eine Verteidigungslinie, wurden ab 1707 gebaut und sollten die Franzosen auf ihrem Vormarsch aufhalten.”

Wann der denn war und um was es da ging, will Rüdiger Zoller wissen. Stöcklin erzählt: Während des Spanischen Erbfolgekriegs 1701 bis 1713/14 wollte eine Große Allianz unter dem Stichwort „Gleichgewicht der Kräfte in Europa” einer Übermacht der Franzosen, die ihrerseits von Bayern unterstützt wurden, entgegenwirken.

Hintergrund für die Auseinandersetzung war der Tod des spanischen Königs Karl II 1701. Er war kinderlos geblieben, gehörte der spanischen Linie der Habsburger an. Habsburger-Kaiser Leopold I. sah seinen Sohn Erzherzog Karl auf dem spanischen Thron, was dem französischen König Ludwig XIV (dem „Sonnenkönig”) gar nicht passte. Er war der Ansicht, der spanische Thron stehe seinem Enkel Herzog Philipp von Anjou zu.

Dafür mussten zahllose Menschen tagein tagaus schuften.
Dieter Stöcklin, Historiker

Bei den folgenden Kriegshandlungen gelang es den Franzosen, die eigentlich als uneinnehmbar geltende Bühl-Stollhofen-Linie 1707 zu durchbrechen. Kurfürst Ernst Georg von Hannover, bis 1710 Oberbefehlshaber der Reichsarmee, ließ als Ersatz für die verlorene Stollhofener Linie die Ettlinger Linie anlegen. Stöcklin: „Dafür mussten zahllose Menschen tagein tagaus schuften.” Wo genau befanden sich die „Ettlinger Linien?”, hakt BNN-Leser Zoller nach.

Teil eines komplexeren Verteidigungssystems

Sie reichten von Daxlanden im Westen (die Stadt Karlsruhe existierte damals noch gar nicht), über Ettlingenweier, Spessart und das Albtal bis nach Dobel und in Eyachtal, waren aber nur Teil eines komplexeren Verteidigungssystems im Südwesten, das sich von Neckargmünd bis zum Hochrhein erstreckte.

Bedeutung erlangten die „Ettlinger Linien” ein zweites Mal im Polnischen Erbfolgekrieg 1734. Auch an ihm waren die Franzosen beteiligt. In einer Gewitternacht im Mai 1734 durchbrachen sie die „Ettlinger Linien” und gaben den Auftrag, diese abzutragen. So verloren sie nach Ende des Krieges ihre Bedeutung und erlangten sie nie wieder.

Heute erinnert nur noch wenig an diese Befestigungsanlage, Relikte in Form von Gräben und Hügeln sind beispielsweise in Spessart, im Waldstück bei der Ettlinger Rudolf-Plank-Straße und in Dobel zu sehen. „Das liegt daran, dass die „Ettlinger Linien” nicht aus Steinen gebaut waren, sondern nur aus Gräben bestanden mit Holzverhau, um den militärischen Gegner fernzuhalten.” 100 Meter vor den Linien standen in regelmäßigen Abständen so genannte Redouten. Dabei handelt es sich um eine Art Wachtürme, von denen aus man das freie Feld überblicken und schießen konnte. Sie waren etwa zehn Meter hoch.

Man braucht schon ein bisschen Vorstellungskraft.
Rüdiger Zoller, BNN-Leser

Eine solche Redoute, von der heute nur noch eine große Vertiefung im Wald Zeugnis abliefert, zeigt Dieter Stöcklin seinem aufmerksamen Zuhörer Zoller. Der meint, man brauche schon ein bisschen Vorstellungskraft für das Geschilderte.

Er fragt dann, was denn die großen Baumstämme zu bedeuten haben, die an einigen Stellen über das Grabensystem in Spessart gelegt sind. Das habe der Forst veranlasst, denn die Reste der „Ettlinger Linien” seien zu Beginn des Corona-Lockdowns von Mountainbikern nur zu gerne als Schanzen benutzt worden. „Ich habe den Forst informiert, denn die Redoute und die Linien wären ansonsten unwiederbringlich zerstört”, sagt der Historiker. Und es könne ja nicht sein, dass 300 Jahre Geschichte binnen weniger Wochen verloren gingen. Rüdiger Zoller ist beeindruckt vom Wissen Stöcklins und von seinem Engagement. Nur zu gerne nimmt er ein paar Unterlagen mit, als Erinnerung an einen „spannenden Nachmittag”. Und natürlich zum Nachlesen.

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