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Horste gut besetzt

Woher kommen die vielen Störche in Ettlingen und im Albtal?

Seit einigen Wochen beobachten in Ettlingen und dem Albtal Bürger größere Ansammlungen von Störchen. Wo kommen all diese Tiere her?

Eine fantastische Flugschau bereiten die Störche Tierfreunden im Albtal Foto: Bettina Haßler

Von Stefan Lumpp

Es klappert wieder auf den Feldern und den Flussniederungen in der Region. Sie sind alleine, aber auch in Gesellschaft unterwegs und wer Glück hat, kann über den Sommer hinweg Gruppen mit bis zu 25 Weißstörchen beobachten. Die reichhaltige Landschaft mit vielen Streuobstwiesen am Fuße der Hangkante zwischen Ettlingen und Malsch, sowie die Höhenzüge sind seit vielen Jahren Habitat der Störche.

Die Adebare – so werden die Tiere poetisch genannt – kommen als Nahrungsgäste und finden in dem Gebiet optimale Brut- und Rastmöglichkeiten.

„Für mich ist das ein riesiges Biotop und wunderbares Refugium für Vögel. Sie nutzen an der Hangkante die Thermik, wo sie getragen werden“, sagt die engagierte Naturschützerin Bettina Haßler aus Schluttenbach, die sich schon seit 20 Jahren mit den Tieren beschäftigt. Als 2012 das Thema Windkraft aufkam, habe die Kartierung des Landes keine Artenvielfalt feststellen können. „Wir haben uns eine Kamera gekauft, um das Gegenteil zu beweisen“, so Haßler.

Ortsvorsteher freut sich über Flugshows am Himmel

Auf ihren ornithologischen Rundgängen entstanden Aufnahmen von Störchen, Rot- und Schwarzmilanen, Mäusebussarden und Turmfalken. Selbst Tiere, die man nicht in der Region vermutet, wie Wanderfalken und Wespenbussarde, sind ihr regelmäßig vor die Linse geflogen.

Auch Schluttenbachs Ortsvorsteher Heiko Becker freut sich über die Flugshows am Himmel: „Es ist ein Schauspiel die Störche zu beobachten, wir haben eine unvorstellbare Artenvielfalt. Leider gibt es nur wenige Engagierte, die sich dem widmen. Zum Glück werden die Arten von Bürgern wie Bettina Haßler, ermittelt und dokumentiert.”

In Rheinstetten sind momentan vier der fünf Horste belegt. Für sie zuständig ist Stefan Eisenbarth, der für die Vogelwarte Radolfszell in den Landkreisen Karlsruhe und Rastatt über 50 Horste betreut. „Der Weißstorch ist der Naturschützer schlechthin.

Der Schutz seines Lebensraumes kommt auch unzähligen anderen Arten zugute, die sonst weniger Beachtung finden“, so der ehrenamtliche Storchenexperte, der sich noch gut an das Jahr 1975 erinnern kann, als die Storchenpopulation einbrach. Damals gab es in Baden-Württemberg nur noch 15 Brutpaare.

Wiederansiedelungsprojekt zeigte Wirkung

Im Rahmen des Wiederansiedlungsprojektes wurden 1980 die Tiere zuerst in Gehegen gehalten, verpaart und nach einem Jahr freigelassen. Der Bestand erholte sich stetig; heute sind es landesweit wieder über 1.200 Brutpaare. Jedoch dürfe man sich auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen und den Storchenschutz vernachlässigen, denn jederzeit könne wieder ein Rückgang eintreten, beispielsweise durch eine Dürreperiode, warnt Eisenbarth.

Etwa die Hälfte der Jungvögel sind in diesem Jahr eingegangen. Durch die niedrigen Temperaturen und den Dauerregen an den Eisheiligen im Mai, konnten die Alttiere die bereits größer gewordenen Jungen nicht mehr ausreichend wärmen.

Ende August werden die Nester von Unrat befreit

Wenn Ende August die Vögel Richtung Süden in ihre Winterquartiere ziehen, ist für Eisenbarth und andere Vogelfreunde die Zeit gekommen, um die Nester von Unrat zu befreien. „Der Müll ist ein großes Problem. Wir finden Unterwäsche, Arbeitshandschuhe, Plastikfolien, Absperrband und vieles mehr.

Regelmäßig verheddern sich die Jungtiere an Plastikschnüren, oder verhungern wegen eines Gummiteils im Kropf. In diesem Jahr hatten wir einen Storch mit einem Luftballon im Magen“, bedauert Eisenbarth. Vermutlich wollen die Störche mit diesen Utensilien ihr Nest polstern.

Maßstab ist die EU-Volgelschutzrichtlinie

Aus Sorge um die Rückgänge der wildlebenden Vögel, sind die Weißstörche und einige Greifvogelarten in besonderem Maße geschützt. Die EG-Vogelschutzrichtlinie verpflichtet die Regierungen, aktiv für den Schutz, die Pflege oder Wiederherstellung einer ausreichenden Vielfalt und Flächengröße der Lebensräume Sorge zu tragen. Es ist generell verboten, wildlebende Vogelarten vor allem bei der Brut zu stören, einzufangen oder gar zu töten.

„Die Störche gehen dahin, wo die Menschen sie schätzen. Wir müssen ihnen Lebensraum geben“, betont Bettina Haßler. Daher sollten Streuobstwiesen gepflegt und nicht so viele Flächen verdichtet werden.

„Störche suchen nach einer Baugenehmigung“, meint Ewald Wunderlich aus Karlsbad-Auerbach, der ein Storchenpaar auf einem Starkstrommasten im dortigen Neubaugebiet beobachtete. Er und andere Bürger sprechen sich für Alternativen und den Bau zusätzlicher Horste aus – hier müsse man mehr tun.

Auch in Malsch kümmern sich Ehrenamtliche

Auf der Gemarkung Malsch betreut der Umweltverein die Adebare. Die vier Horste werden geprüft, erneuert und durch den Erhalt und das Vernässen von Wiesen wird Lebensraum für die Tiere geschaffen. „Allerdings gibt es bereits besorgte Stimmen, die eine Beeinträchtigung der Amphibien- und Reptilienpopulation durch die Zunahme der Störche in der Raumschaft befürchten“, so die Umweltbeauftragte Isa Weinerth.

Ettlingen legt den Fokus auf Mehlschwalben

Und was macht Ettlingen? Die Stadt hat zwar kein Storchenschutzprogramm, dafür gibt es andere Schwerpunkte. Seit drei Jahren investiert die Stadt in ein Mehlschwalbenprojekt, so Umweltkoordinator Peter Zapf. Bei einer Populationsuntersuchung stellte man Handlungsbedarf fest und errichtete viele Nisthilfen.

Seit 2017 gibt es ein Förderprogramm für Reptilien (Zaun- und Mauereidechsen). Etwa 350 Quadratmeter Trockenmauern am Robberg konnten saniert werden. Das Projekt läuft noch auf unbestimmte Zeit. Für laufende Bauprojekte, z.B. der Festplatzbebauung oder der Tribüne des Albgaustadions, wurden Ausgleichsflächen für Eidechsen errichtet, wohin man die Tiere umgesiedelte.

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