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Stricken, Nähen und Co.

Yoga für die Hände, Meditation für den Kopf: Im Lockdown haben Handarbeiten Hochsaison

Handarbeiten erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Doch besonders die Coronazeit sorgt für die Rückbesinnung aufs Nähen, Häkeln oder Stricken - und für klingelnde Kassen in den Woll- und Kurzwarengeschäften.

„Tankstelle für die Seele“: In Corona-Zeiten stehen Woll- und Kurzwarengeschäfte hoch im Kurs. Foto: Martha Steinfeld

Langsam und bedächtig tastet Alexander Oehlers Hand durch den großen Korb voller gelb und orangefarben leuchtender Wollknäuel vor dem Wollparadies Ettlingen. „Ich suche Stoff für eine Kissenhülle“, erklärt er, während er eines der bunten Knäuel heraushebt, prüfend untersucht und dann mit einem leichten Nicken auf das Federkissen legt, das er sich als Anschauungsobjekt für seinen Einkauf mitgebracht hat.

Es wird sein drittes Häkelprojekt. „Die ersten beiden waren Schals - einer für mich, einer für meine Frau“, sagt er. Davor hatte er sich am Weben versucht. „Aber dieser Webrahmen braucht so viel Platz, das hat mich irgendwann gestört“, erzählt er, „also habe ich gewechselt“.

Lange frönt Alexander Oehler seinem Hobby noch nicht. „Als im Frühjahr der erste Lockdown kam, wollte ich nicht einfach daheim vor dem Fernseher sitzen, sondern etwas sinnvolles tun“, sagt der Inhaber eines Ladengeschäfts. Oehler googelte „Männer Handarbeit“ und fand Blogs, viele Gleichgesinnte und das Weben, das ihn schließlich zum Häkeln führte.

Anstehen wie beim Metzger

So wie Alexander Oehler geht es in diesem Pandemie-Jahr vielen Menschen. Besonders zu spüren bekommt das Konstanze Wiederroth. „Seit Corona kommen immer mehr Menschen zu uns und auch das Einzugsgebiet wurde deutlich größer“, sagt die Chefin des Wollparadieses Ettlingen. Fünf Leute dürfen das schnuckelige Ladengeschäft, das versteckt in einer kleinen Seitengasse der Ettlinger Altstadt liegt, derzeit gleichzeitig betreten. „Vergangenes Wochenende standen die Menschen hier an wie beim Metzger“, erzählt Konstanze Wiederroth.

Dass sich die Menschen in einer Zeit wie jetzt auf die Dinge zurückbesinnen, die sie kennen und vielleicht früher auch einmal gelernt haben, wundert sie wiederum überhaupt nicht. „Stricken ist Yoga für die Hände, heißt es nicht umsonst“, erklärt sie. In der angespannten Stimmung hätten Handarbeiten eine meditative Wirkung. „Das gilt nicht nur fürs Stricken, Nähen und Häkeln, sondern genauso fürs Backen oder Heimwerkern.“

Ein Trend nicht erst seit Corona

„Handarbeiten sind groß im Kommen“, kann auch Silvia Braunsdorf berichten. Die Filialleiterin des „idee. Creativmarkts“ und des Traditionsgeschäfts Wolle Rödel, die seit drei Jahren unter einem Dach in der Waldstraße firmieren, sieht einen deutlichen Trend - der allerdings schon vor Corona-Zeiten begonnen hat. „Es ist entspannend und man kann was für seine Lieben kreieren“, so Silvia Braunsdorf. Corona habe das eben nur noch verstärkt.

Ähnlich sieht das Fikri Senci, der im Nähzentrum Senci in Karlsruhe angestellt ist. „Vor allem unsere Nähkurse - die wir zur Zeit natürlich nicht anbieten können - sind schon seit langem immer gut ausgebucht“, sagt der Verkäufer. Ein Eindruck, den die Zahlen der „Nadelwelt“-Messe bestätigen: Die internationale Messe für Handarbeiten startete im Jahr 2011 mit 95 Ausstellern und 6.000 Besuchern im Karlsruher Kongresszentrum.

„Dann folgte eine stetige Weiterentwicklung“, berichtet Heiko Christensen, Verlagsleiter bei der Partner Medien GmbH, dem Veranstalter der Messe. 2014 wurde die „Nadelwelt“ so groß, dass sie in die großen Hallen der Messe Karlsruhe musste. Im Jahr 2019 sahen sich rund 13.400 Besucher an den Ständen der rund 200 Aussteller um. 2020 musste die „Nadelwelt“ - wie so vieles - ausfallen. „Wir hoffen auf 2021“, so Christensen.

„Wer strickt, strickt jetzt noch mehr“

Für viele, die den Handarbeiten ohnehin schon zugeneigt waren, hat die viele Zeit zu Hause ihr Hobby zurückgebracht. „Wer strickt, strickt jetzt noch mehr“, sagt Konstanze Wiederroth vom Wollparadies. Das gilt zum Beispiel für Julia Seitz: „Der Lockdown hat bewirkt, dass ich wieder mehr mache“, erzählt die Ettlingerin, die leidenschaftlich gerne näht und strickt, „seit ich denken kann“.

„Und das, obwohl ich beim ersten Lockdown durch drei Kinder und Homeschooling stark eingeschränkt war“, fügt sie hinzu. Auch Iwona Braun aus Karlsruhe hat sich dieses Jahr wieder verstärkt ihrem Näh-Hobby zugewandt. „Es ist einfach eine sehr entspannende Sache“, so die zweifache Mutter.

Im Wollparadies betritt indessen ein Kunde nach dem anderen den Laden. „Ich glaube, so ein Wollgeschäft ist wie eine Tankstelle für die Seele“, erklärt Konstanze Wiederroth. Die vielen Farben, das Haptische, das Weiche - „das tut einfach gut.“ Und trotz klingelnder Kassen ist Konstanze Wiederroth auch ganz froh, wenn das ganze wieder etwas abflaut.

„Ich freue mich natürlich über die Umsätze, doch das, was uns ausmacht - die Gespräche, der kreative Austausch, die Beratung und Ideengebung - das bleibt gerade ein bisschen auf der Strecke“, sagt sie. Mittwochnachmittag hat der Wollladen deshalb jetzt erstmal zu. Eintritt gibt es nur für Kunden mit Termin.

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