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„Officer Down Memorial Ride“

Europapremiere in Karlsruhe: Polizei ehrt im Dienst getötete Kollegen mit Motorrad-Gedenkfahrt

Mit einer Gedenkfahrt nach Bruchsal haben rund 200 Polizisten an im Dienst verletzte oder getötete Kollegen erinnert. Die Idee kam einer Karlsruher Hauptkommissarin nach einer besonders verabscheuenswürdigen Tat Ende Januar.

Holk Opitz aus Münster ist Europa-Präsident der Blue Knights und hält eine Flagge für die Ausfahrt.
Flagge zeigen: Holk Opitz aus Münster ist Europa-Präsident der Blue Knights. Foto: © Peter Sandbiller Peter Sandbiller

Um 13.37 Uhr am Samstagmittag ist es vorbei mit der Ruhe rund um Schloss Gottesaue. Frauen und Männer in Motorradkluft setzen ihre Helme auf und starten ihre Maschinen.

Ein benzinhaltiges Spektakel für Augen, Ohren und Nasen – aber mit sehr ernstem Hintergrund. Die nach Veranstalterangaben rund 200 teilnehmenden Polizisten verschaffen sich mit ihrem lauten Auftritt Gehör: für im Dienst verletzte und getötete Kolleginnen und Kollegen.

Von Schloss Gottesaue kurven sie im Konvoi bis nach Bruchsal. Eine von ihnen ist Corinna Deibrich, Hauptkommissarin bei der Polizei Karlsruhe. Sie ist nicht nur eine von vielen, sondern an diesem Tag vielleicht die wichtigste Person.

Karlsruher Polizistin hatte Idee für „Officer Down Memorial Ride“

Sie nämlich hatte die Idee für den „Officer Down Memorial Ride“, also eine Gedenkfahrt für getötete Polizisten. Ausschlaggebend war ein trauriges Ereignis in der Nacht zum 31. Januar dieses Jahres. Damals wurden eine Polizeikommissaranwärterin und ihr Ausbilder in der Nähe von Kusel in Rheinland-Pfalz erschossen, vermutlich von einem Wilderer.

Hauptkommissarin Corinna Deibrich bei der Rede vor Schloss Gottesaue.
Ideengeberin: Hauptkommissarin Corinna Deibrich hat die Gedenkfahrt initiiert. Foto: Foto: Peter Sandbiller

„Es kann nicht sein, dass Polizisten im Dienst getötet werden.“ Das habe sie sich nach der Tat immer wieder gesagt, erinnert sich Corinna Deibrich. Und dann hat sie einen Einfall: Als Vorsitzende der Blue Knights Nordbaden begeistert sie ihre Kollegin Nicole Urschel-Schröder von den Blue Knights Saar-Mosel für eine große Gedenkfahrt mit Startpunkt Karlsruhe.

Blue Knights sind weltweit Clubs von motorradfahrenden Polizisten

Blue Knights (Blaue Ritter) gibt es weltweit. In den Clubs haben sich motorradfahrende Polizisten organisiert, um Spaß zu haben – aber vor allem, um Gutes zu tun. So kamen nach der Tat von Kusel viele Spenden aus den Chapter genannten Klubs zusammen. Mit der großen Gedenkfahrt am Samstag fand der edle Einsatz der Ritter seinen vorläufigen Höhepunkt.

Schließlich war die Veranstaltung eine echte Europapremiere. Darauf weist Holk Opitz aus Münster hin. Der Vorsitzende der Blue Knights Europe erzählt, dass solche Fahrten in den USA schon lange Tradition sind. Nun will er diese Veranstaltungen nach dem Auftakt in Karlsruhe in ganz Europa etablieren.

In jeder Sekunde kann sich unser Leben verändern
Polizeipräsidentin Caren Denner

Hoher Besuch adelt den „Memorial Ride“ von Karlsruhe nach Bruchsal: Am Schloss Gottesaue spricht Polizeipräsidentin Caren Denner zu den Rittern in ihren blauen, mit vielen Abzeichen behangenen Lederwesten. Das hohe Risiko gehöre für die rund 300.000 Polizisten in Deutschland zum Beruf. „In jeder Sekunde kann sich unser Leben verändern“, sagt Denner. Auch Ausbildung, beste Eigensicherung und die Schutzausrüstung könne das nicht verhindern.

Sie richtet einen Appell an die gesamte Gesellschaft: Sie müsse der Polizei den Rücken stärken, solche Taten laut verurteilen und sich der immer schlimmer werdenden Gewaltbereitschaft entschieden entgegenstellen. Den Einsatz der Blue Knights lobt sie als „großartiges Engagement über den Dienst hinaus“.

Taten wie in Kusel geraten zu schnell in Vergessenheit.
Polizeipräsidentin Caren Denner

Corinna Deibrichs Idee sei ebenso großartig, sagt sie im Gespräch mit den BNN. „Taten wie in Kusel geraten zu schnell in Vergessenheit. Dabei kann so etwas jede Minute wieder passieren.“ „Passiert“ ist das auch hier schon: So verloren im heutigen und früheren Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe, also dem Stadt- und Landkreis Karlsruhe, der Stadt Pforzheim und dem Enzkreis sowie dem Landkreis Calw zwölf Beamte im Dienst ihr Leben.

Passanten filmen die Gedenkfahrt mit Handys

Allein im Jahr 2021 wurden 179 Beamtinnen und Beamte verletzt, sagt Polizeisprecher Ralf Minet. In die Zahl fließen auch Beleidigungen ein, aber oft komme es beispielsweise bei Festnahmen zu Brüchen, Prellungen, Blutergüssen und Schürfwunden. Dass die Welt nicht so ist wie im Kinderzimmer, wo Polizeieinsätze mit Spielfiguren oder in Hörspielen immer gut ausgingen, damit beginnt der evangelische Polizeiseelsorger Daniel Paulus seine Rede an die Teilnehmer.

Die Welt draußen könne grausam sein, sagt der Diakon mit Verweis auf Kusel. Mit einem Segen verabschiedet er die Motorradfahrer in Richtung Bruchsal. Auch er ist ab 13.37 Uhr einer der vielen Menschen am Wegesrand, die das Handy zücken, um die Abfahrt der modernen Ritter zu filmen.

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