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Starke Einbrüche

Frachten gehen zurück und Fahrer nicht mehr aufs Klo: Wie das Coronavirus Speditionen zusetzt

Die Corona-Krise stellt Logistiker und den Gütertransport vor große Herausforderungen. Weil ganze Industriezweige ruhen, sinkt das Frachtaufkommen. Um Infektionsketten in Warenlagern vorzubeugen, wird dort zu Abschottungsmaßnahmen gegriffen. Lkw-Fahrer können daher dort bisweilen nicht mal mehr aufs Klo.

15.03.2020, Hessen, Offenbach: Ein Lastwagen ist am Vormittag auf der Autobahn A3 am Offenbacher Kreuz unterwegs. Um die Versorgung mit haltbaren Lebensmitteln und Hygieneartikeln sicherzustellen, können Lastwagen in Hessen nun auch an Sonn- und Feiertagen unterwegs sein. Der Einzelhandel spüre die Unsicherheit der Bürger wegen der zunehmenden Verbreitung des Coronavirus, hatte der hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister Al-Wazir in einem Erlass erklärt. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ - Verwendung weltweit Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Die Corona-Krise stellt Logistiker und den Gütertransport vor große Herausforderungen. Weil ganze Industriezweige ruhen, sinkt das Frachtaufkommen. Um Infektionsketten in Warenlagern vorzubeugen, wird dort zu Abschottungsmaßnahmen gegriffen. Lkw-Fahrer können dort bisweilen nicht mal mehr aufs Klo.

Die gute Nachricht dieser Tage lautet: Es gibt in Deutschland genug Transportkapazitäten, um die Versorgung im Lebensmittelhandel zu sichern. Mehr als genug sogar. Andere Bereiche der Wirtschaft laufen derzeit nur auf Sparflamme oder sind völlig zum erliegen gekommen.

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Auf den Parkplätzen der Speditionen stehen daher unzählige Lkw ungenutzt herum. Wie hoch genau die Rückgänge der Frachten landesweit sind, ist derzeit noch unklar.

In manchen Bereichen Einbrüche von rund 80 Prozent wegen Covid-19

Der Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) schätzt, dass etwa im Messe- und Eventbereich der Auftragsrückgang bei 80 Prozent liegen dürfte. Der Transport von Überseecontainern und für Industriebetriebe sei derzeit um etwa 30 Prozent eingebrochen. Ein Zuwachs könnten die Branchenunternehmen lediglich im Bereich des Einzelhandels verzeichnen, erklärt ein Sprecher des BGL. Das reiche nicht, um alle Betriebe ausreichend zu beschäftigen.

Dieses Lagebild bestätigen auch Spediteure aus der Region. "Wir haben seit Mitte März Rückgänge von 25 bis 30 Prozent", erklärt etwa Alexander Benzinger von der Spedition Benzinger aus Friolzheim. Das Unternehmen hat einen Teil seiner Belegschaft daher in Kurzarbeit geschickt.

Besonders zu schaffen mache der Stillstand der Automobilbranche. Zwar habe das Unternehmen derzeit noch ein Polster von Aufträgen im Industriebereich - und perspektivisch zeichne sich ein Wiederanstieg des Handels mit China und Japan ab. Weder das noch die höhere Nachfrage von Frachten durch Einzelhandelsketten könne indes den Einbruch kompensieren. "Da wird für uns insgesamt nicht viel mehr zusammenkommen", erklärt Benzinger.

Nächster Stop: Dixie-Häuschen

Ähnliche Töne trifft Christian Rothermel von der gleichnamigen Spedition aus Östringen. "Die Wirtschaft ist dermaßen zum Erliegen gekommen, das wird schwer für uns, im gleichen Umfang neue Aufträge zu kriegen." In für das Unternehmen wichtigen Bereichen - etwa Stahl, Reifen und Kraftstoff - sei das Volumen bislang um 30 Prozent zurückgegangen.

Mancherorts ist dann vielleicht alternativ ein Dixie-Häuschen aufgebaut. Da ist es mit Hände waschen und Hygiene natürlich auch nicht besonders weit her.
Christian Rothermel von der gleichnamigen Spedition aus Östringen

Rothermel wie Benzinger beklagen indes nicht nur wirtschaftliche Einbußen. Auch die Schutzmaßnahmen, die an vielen Verladestationen gegen mögliche Corona-Infektionen ergriffen worden sind, sorgen bei den Spediteuren für Unbehagen. "Es ist so, das unsere Fahrer oft nicht mal mehr aufs Klo dürfen, wenn sie irgendwo Ware abliefern oder annehmen", sagt Benzinger. Auch Tankstellen ließen die Fahrer teils nicht mehr zur Toilette.

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Gleiche Rückmeldungen bekommt Rothermel von seinen Mitarbeitern. "Mancherorts ist dann vielleicht alternativ ein Dixie-Häuschen aufgebaut. Da ist es mit Hände waschen und Hygiene natürlich auch nicht besonders weit her."

Tatsächlich hat das Coronavirus die Abläufe auch in den großen Warenlagern erheblich durcheinander gebracht. Das den Fahrern während der oft langen Wartezeiten der Zugang untersagt werde, sei ärgerlich - aber eben auch aus der Not geboren, glaubt Jochen Graeff.

Fahrerinnen kann man schlecht an den nächsten Baum schicken

Graeff ist selbst Spediteur und zudem im Vorstand beim Verband des Verkehrsgewerbes Baden. "Aktuell wird in den Lagern der Kontakt zwischen Fahrern und Mitarbeitern nach Möglichkeit unterbunden. Einfach deswegen, um das Risiko einer Infektion auf diesem Wege auszuschließen."

Teils werden unsere Leute da schon wie Aussätzige behandelt.
Jochen Graeff, Spediteur und Vorstandsmitglied im Verband des Verkehrsgewerbes Baden

Auch die Kontakte der Mitarbeiter untereinander würden in vielen Logistikzentren eingeschränkt. "Es gibt in vielen Betrieben mittlerweile verschiedene Zellen, die isoliert voneinander arbeiten", beobachtet Graeff.

Der Hintergrund: Wird ein Mitarbeiter aus Zelle A positiv getestet, falle diese aus - Zelle B bleibe aber weiterhin einsatzfähig. "Die Maßnahmen zielen am Ende darauf ab, dass die Umschlagsplätze überhaupt weiter funktionieren können", sagt Graeff. Der Umgang mit den Fahrern sei dennoch problematisch - zumal die Maßnahmen oft kaum kommuniziert würden. "Teils werden unsere Leute da schon wie Aussätzige behandelt."

Das Problem scheint in Deutschland ein flächendeckendes zu sein, denn auch der BGL verweist darauf. "Zumal es ja auch Fahrerinnen gibt. Die kann man ja schlecht an den nächsten Baum schicken", erklärt ein Sprecher. Wegen geschlossener Kitas und Schulen hätten manche Fahrer zudem derzeit keine andere Möglichkeit, als ihre Kinder auf Tagestouren mitzunehmen. "Auch denen kann man ja jetzt nicht unbedingt die grüne Wiese oder ein Aufstell-Klo zumuten."

Der Mittelstand ächzt unter Coronavirus

Die erschwerte Alltagsroutine, aber auch die wirtschaftliche Lage der Branche könnten weitere Probleme nach sich ziehen, fürchtet man beim BGL. "Der Job wird für die Fahrer ja aktuell nicht attraktiver. Wenn da jetzt welche die Brocken hinschmeißen, haben wir vielleicht schneller ein echtes Problem in der Versorgungslage, als wir uns vorstellen können", sagt ein Sprecher des Verbandes. Zudem drücke das Überangebot an Transportkapazitäten die Preise, wodurch der Markt in Schieflage geraten könnte.

Aus Sicht der mittelständischen Betriebe sei in jedem Falle eine schnelles Hochfahren der Wirtschaft unbedingt wünschenswert, sagt Christian Rothermel aus Östringen. "Die gegenwärtige Lage ist eine riesige finanzielle Herausforderung für den Mittelstand. Den wird eine Wirtschaft nach der Krise aber dringend benötigen."

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