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Karlsruher Oberbürgermeister

Frank Mentrup zum Coronavirus: "Wir müssen uns auf eine neue Volkskrankheit einstellen"

Das Coronavirus beschäftigt Bürger und Entscheidungsträger in der Stadt – erst recht, seit das benachbarte Elsass zum Risikogebiet erklärt worden ist. "Wir müssen uns auf eine neue Volkskrankheit einstellen", sagt der Karlsruher Oberbürgermeister und Arzt Frank Mentrup (SPD). BNN-Redakteur Wolfgang Voigt hat mit ihm gesprochen.

Frank Mentrup (SPD), Oberbürgermeister von Karlsruhe. Foto: Uli Deck/Archivbild

Das Coronavirus beschäftigt Bürger und Entscheidungsträger in der Stadt – erst recht, seit das benachbarte Elsass zum Risikogebiet erklärt worden ist. Über die Lage sprach Oberbürgermeister und Arzt Frank Mentrup (SPD) mit BNN-Redakteur Wolfgang Voigt.

Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen fallen wegen Corona aus. Was bedeutet das für das Leben in Karlsruhe?

Frank Mentrup: Es ist eine merkliche Einschränkung. Denken Sie an Fußballspiele, an Konzerte im Konzerthaus, Veranstaltungen im Tollhaus und an das Badische Staatstheater. Die Gesamtzahl der betroffenen Veranstaltungen mag überschaubar sein, für die Bürger hat das Thema aber eine erhebliche Bedeutung.

Wir müssen uns auf eine neue Volkskrankheit einstellen, die in regelmäßigen Abständen und immer neuen Mutationen auftreten könnte
Frank Mentrup (SPD), Oberbürgermeister von Karlsruhe

Man könnte angesichts der Grenze von 1.000 auf die Idee kommen, dass es keine Gefahr gibt, wenn nur 999 Personen beieinander sind...

... in der Tat ist das ein Problem. Jeder spürt, dass 1.000 Personen eine gegriffene Zahl ist. So schafft sie auch Unsicherheiten für Veranstaltungen von geringerer Größe. Denn theoretisch kann es auch dort zu Ansteckungen kommen, wie überall anderswo auch.

Wie sollten wir damit umgehen?

Wir müssen uns auf eine neue Volkskrankheit einstellen, die in regelmäßigen Abständen und immer neuen Mutationen auftreten könnte – wie wir das auch von der Grippe kennen. Da wir erstmals mit dieser Krankheit konfrontiert sind, ist sie noch schwer zu handhaben.

Deshalb müssen wir die Ausbreitung möglichst verlangsamen. Die Bürger sollten verstehen, dass die öffentliche Hand sie nicht davor schützen kann. Jeder und jede kann aber ganz persönlich durch eigenes Verhalten mitentscheiden, welches Risiko er oder sie persönlich eingehen will.

Jetzt alles abzusagen und nur zu hoffen, dass in wenigen Monaten alles ist wie vorher, das halte ich für illusorisch.
Frank Mentrup (SPD), Oberbürgermeister von Karlsruhe

Wie geht es weiter?

Mir ist wichtig, dass wir die jetzige Phase, in der bestimmte Veranstaltungen nicht mehr zugelassen werden, nutzen, indem wir überlegen, wie in drei Monaten oder einem halben Jahr solche Veranstaltungen wieder stattfinden können. Etwa, weil es mehr Erfahrungen im Umgang mit der Infektion gibt. Oder auch, weil wir die Hallen so bestuhlen, dass wir mehr Abstand haben und enger Kontakt in Eingangsbereichen vermieden wird.

Jetzt alles abzusagen und nur zu hoffen, dass in wenigen Monaten alles ist wie vorher, das halte ich für illusorisch.

Wäre es nicht sicherer, die von der Landesregierung für verbindlich erklärte Obergrenze von 1.000 Personen in Karlsruhe abzusenken – zum Beispiel auf 500?

Es gibt für mich keinen Grund, an dieser Stelle noch eine Schippe draufzulegen und in eine Überbietungslogik einzusteigen. Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, Risikogruppen besser zu identifizieren und zu schützen.

Und wir haben eine höhere Verantwortung etwa für Schülerinnen und Schüler, die nicht immer freiwillig eine staatliche Institution aufsuchen. Das ist ein wichtiger Unterschied etwa zum freiwilligen Besuch einer Kultur- oder Sportveranstaltung. Diesem Personenkreis sollten wir mehr Eigenverantwortung zubilligen.

Muss die Stadt mit Regressforderungen rechnen, wenn sie Großveranstaltungen absagt?

Wir vollziehen Anordnungen und Erlasse, die vom Staatlichen Gesundheitsamt kommen und damit letztlich auf der Landesebene entschieden worden sind. Wir gehen deshalb davon aus, dass entsprechend auch Regressforderungen an diese Ebene zu richten wären. Bei der Inventa etwa sehen wir derzeit keine Grundlage für Schadenersatzansprüche an die lokal verordnende Behörde.

Aber es macht natürlich Sinn, sich mit den Ausstellern so zu einigen, dass die Auswirkungen minimiert werden können. Wir haben ja ein Interesse daran, dass die Aussteller an der nächsten Inventa wieder teilnehmen können.

Die Zusammenarbeit mit Landratsamt und Gesundheitsamt läuft hervorragend.
Frank Mentrup (SPD), Oberbürgermeister von Karlsruhe

Es gibt eine städtische Corona-Hotline. Wie reagieren die Karlsruher auf das Thema?

Sehr sensibel, aber nicht panisch. Gute Kommunikation ist absolut nötig. Unser Verwaltungsstab macht jeden Morgen eine Telefonkonferenz und trifft sich zwei Mal pro Woche. Die Zusammenarbeit mit Landratsamt und Gesundheitsamt läuft hervorragend. Das Gesundheitsamt kümmert sich mehr um die medizinischen Fragen, wir als Stadt übernehmen die Kommunikation nach außen. Bis auf wenige Einzelfälle konnten wir die Erreichbarkeit gewährleisten.

In Kürze wird es einen weiteren digitalen Informationskanal geben, der täglich aktualisierte Meldungen verbreitet und auch kleine Erklär-Filme bietet. Machen wir uns nichts vor: Es wird auch in unserer Stadt zu Ansteckungen kommen. Umso wichtiger ist eine klare und ehrliche Kommunikation. Die kann ich versprechen.

Das neue multimediale Online-Portal www.karlsruhe.de/corona von Stadt und Landkreis Karlsruhe startet am Freitag, 13. März. Laut einer Mitteilung der Stadt informiert es über Verhalten im Alltag, Krankheitsfälle, Hygiene sowie Risikogebiete.

Das Elsass ist als Risikogebiet eingestuft. Kommt das auch auf Karlsruhe zu?

Als Risikogebiet gilt eine Region, in der es nachgewiesenermaßen zu Virus-Übertragungen kommt. So weit sind wir noch nicht. Für uns stellt sich zunächst die Frage, wie wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen, die täglich aus dem Elsass einpendeln. Hier machen wir die Erfahrung, dass viele betroffene Firmen diese zunächst bitten, zuhause zu bleiben. Letztlich sollte aber jede Arbeitsstelle individuell betrachtet werden.

Ich habe im Moment nicht den Eindruck, dass das Virus unsere Stadtgesellschaft erschüttert.
Frank Mentrup (SPD), Oberbürgermeister von Karlsruhe

Was macht das Coronavirus mit der Stadtgesellschaft?

Die Badenerinnen und Badener bleiben erst einmal gelassen. Ich habe im Moment nicht den Eindruck, dass das Virus unsere Stadtgesellschaft erschüttert. Aber wenn die Infektionszahlen ansteigen sollten, kann sich das ändern. Wichtig ist mir, dass wir das gesellschaftliche Leben nicht abschaffen. Menschen leben auch von menschlicher Begegnung.

Für politisch Verantwortliche sind Zeiten wie diese vor allem Zeiten der Bewährung. Richten sich die Menschen an Ihnen aus?

Ich bin erst einmal froh, dass wir es nicht mit einer Erkrankung wie Ebola zu tun haben, sondern eher einer Art verschärfter Grippe gegenüberstehen – mit dem Problem, dass es bislang weder Grundimmunisierung in der Bevölkerung noch Impfung gibt. Als politisch Verantwortlicher sollte ich durch die Art, wie ich mit dem Thema umgehe, Orientierung geben. Das versuche ich bestmöglich.

Wie wir über die Auswirkungen des Coronavirus berichten

Auf bnn.de berichten wir zurzeit verstärkt über die wichtigsten Entwicklungen rund um Corona in der Region rund um Karlsruhe, Bretten, Pforzheim, Rastatt und Bühl. Jeden Tag schränken Kliniken die Besuchszeiten ein, Schulen schließen, Firmen schicken Mitarbeiter nach Hause. Es ist selbst für unsere Redaktion zeitweise schwierig, den Überblick zu behalten. Deshalb filtern wir für unsere Leser aus der Flut an Informationen, welche der vielen Corona-Meldungen wichtig sind – unter anderem in dieser Übersicht .

Alle Informationen prüfen wir, um keine Falschinformationen zu verbreiten. Viele Menschen, auch in unserer Redaktion, machen sich ohnehin Sorgen. Wir möchten sie informieren und nicht verunsichern.

Zwei unserer Kollegen befassen sich ausschließlich mit dem Thema Corona – als unsere internen Experten. Viele weitere BNN-Redakteure recherchieren täglich zu den Auswirkungen von Covid-19 in den Städten und Gemeinden der Region. Unsere Autoren sprechen mit Entscheidern in den Landratsämtern, Krankenhäusern und in Firmen. Gleichzeitig telefonieren sie (Betroffene treffen wir derzeit nicht persönlich) mit Menschen, die Cafés schließen, Veranstaltungen absagen oder zu Hause bleiben müssen.

So möchten wir dazu beitragen, dass Menschen in der Region sich auf dem aktuellsten Stand halten können, um die richtigen Entscheidungen für ihren Alltag und ihre Gesundheit zu treffen.

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