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Umdenken in der Innenstadt

"Dem Auto die Fläche wegnehmen": Stadtbauforum in Karlsruhe diskutiert Verkehrswende

Für Fußgänger und Radfahrer bleibt in Karlsruhe oft schlicht zu wenig Platz. Was aus ihrer Sicht in der Stadt anders werden muss, gaben rund 80 Vielradler und andere engagierte Bürger beim Stadtbauforum „Neue Wege zu Fuß und Rad“ den Verantwortlichen mit.

Am Durlacher Tor in Karlsruhe ist die Fläche neu geordnet. Für Fußgänger und Radfahrer bleibt es dennoch eng, zumal an der Durlacher Allee weiter Bahnen im Minutentakt halten, bis die U-Strab da ist. Sie macht dann zusätzlichen Raum frei – aber wie wird der verteilt? Foto: jodo

Für Fußgänger und Radfahrer bleibt in Karlsruhe oft schlicht zu wenig Platz. Und an ihre Bedürfnisse wird vielfach erst in zweiter oder gar dritter Reihe gedacht. Was  in der Stadt anders werden muss, damit die Menschen mehr Wege mit dem Rad oder zu Fuß zurücklegen, gaben rund 80 Teilnehmer eines Stadtbauforums mit dem Titel „Neue Wege zu Fuß und Rad“ den Verantwortlichen mit.

So viele tropfnasse Regenhosen hat die Garderobiere im Haus der Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe am Friedrichsplatz noch nie entgegengenommen. „Schön, hier bin ich mal nicht die Einzige“, sagt eine Radlerin, die als Besucherin des Stadtbauforums „Neue Wege für Fuß und Rad“ aus der Schutzkleidung steigt.

Es sind die Eisernen der stetig wachsenden städtischen Radfahrer-Schar, die dem strömenden Regen am Donnerstagabend trotzen. „Karlsruhes Radler sind schon Avantgarde, Sie hier sind die engagierte Spitze in diesem Themenfeld“, betont Baubürgermeister Daniel Fluhrer.

Die Stadt will eine Verkehrswende

Rund 80 Vielradler – mehr Männer als Frauen, Eltern mit Säugling ebenso wie etliche Silberhaarige – und ein paar Fußgänger mit Handicap sammeln, was aus ihrer Sicht passieren muss, damit mehr Menschen ihre Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. So arbeiten die Bürger mit an einem Konzept, von dem sich die Stadt nicht weniger als eine Verkehrswende verspricht.

Ich bin absolut dafür, dass wir dem Auto Fläche wegnehmen.
Daniel Fluhrer, Karlsruhes Baubürgermeister

15 Jahre nach dem Start des 20-Punkte-Plans, mit dem Karlsruhe zur fahrradfreundlichsten Großstadt Deutschlands wurde, stoßen die Einwohner, Kommunalpolitiker und Stadtplaner inzwischen von unten an eine „gläserne Decke“.

Ohne Umsteuern ginge es nicht weiter, erklärt Bürgermeister Fluhrer. „Ich bin absolut dafür, dass wir dem Auto Fläche wegnehmen, um mehr Aufenthaltsqualität in der Stadt zu gewinnen“, erklärt er. Gerade in der Innenstadt sei der öffentliche Raum zu kostbar, um ihn schlicht zum Abstellen oder Durchfahren zu nutzen.

Freie Zufahrt zum Beispiel für Pflegekräfte

Autoverkehr ganz aussperren? So absolut handeln will der Baubürgermeister nicht. Freie Zufahrt für eine Pflegekraft nennt er als Beispiel, „da muss man vorsichtig agieren“. Aber Umwege und Verbote seien Autofahrern eher zumutbar als denen, die sich ungeschützt und unmotorisiert bewegen: „Wer mit Klimaanlage und Konzertklang unterwegs ist, für den muss es auch in Ordnung sein, wenn es einmal ums Karree geht.“

Bisher verlangt die Aufteilung der Stadt oft Radfahrern und Fußgängern Umwege und Wartezeiten ab. Mehrere Ampelphasen an nur einer Kreuzung, rechtwinklige Wege statt natürlicher Kurven oder direkter Linien, schlecht zu überquerende Straßen: Die Wünsche purzeln nur so in zehn Diskussionsgruppen. Bald quellen die Stellwände über.

Zorn über "Bettelampeln"

Auf den Zetteln festgehalten sind auch eine Klage über zugewachsene Gehwege, der Vorschlag, Fahrradkurse anzubieten, und der Zorn über „Bettelampeln“, die nur auf Knopfdruck Grün bringen. Sie zwingen Passanten und Radler stets zum Stopp – Hauptsache, der Autoverkehr rollt.

So eine Querungshilfe hilft nicht.
Detlef Maurel, Rad fahrender Vater aus Hagsfeld

Viel zu kurz für Fahrräder mit Kinderanhänger sind die meisten Mittelinseln auf viel befahrenen Straßen. Das fällt Katharina Stehr und Detlef Maurel aus Hagsfeld besonders auf, seit ihr drei Monate altes Söhnchen Felix da ist. „So eine Querungshilfe hilft nicht“, sagt der junge Vater.

Autos, die in der Zähringer Straße zwischen Adlerstraße und Marktplatz herumfahren, als sei dort keine Fußgängerzone, fallen Konrad Scheffel negativ auf. „Die Polizei schaut zu“, moniert er.

Spannende Debatte um den öffentlichen Raum

Viel per Fahrrad in der Stadt unterwegs ist auch ein Pensionär aus der Nordstadt. Wie der weit überwiegenden Mehrzahl beim Forum treibt ihn kein brennendes eigenes Anliegen um. Er interessiert sich aber für die Zukunft der Mobilität und verfolgt die Debatte um den öffentlichen Raum gespannt.

Mit dem Forum ist die Bürgerbeteiligung nicht zu Ende. Bis einschließlich Sonntag, 15. März 2020, nimmt die Stadt Anregungen zu Rad- und Fußweggestaltung der Zukunft per Internet entgegen. Alle Anregungen fließen ein in die nächste Expertenrunde am 1. April 2020.

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