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Nicht nur ein Virus

Generalpause und Seuchen-Schutzpatronin: Corona hat vielsagende Namensvetter

Innehalten und dann bloß nicht den Einsatz verpassen: Corona ist nicht nur ein Schock, sondern in der Musik auch der italienische Name für das, was wir momentan alle erleben: die Generalpause. Und dann gibt es auch noch die Schutzpatronin für Geldangelegenheiten und Seuchen.

Das entsprechende Symbol für die Pause in Noten und Partituren ist ein Punkt mit einem Bogen darüber. Foto: Isabel Steppeler

Innehalten und dann bloß nicht den Einsatz verpassen. Corona ist nicht nur ein Schock, sondern in der Musik auch der italienische Name für das, was wir momentan alle erleben: die Generalpause. Und dann gibt es auch noch die Schutzpatronin für Geldangelegenheiten und Seuchen. Auch sie heißt Corona.

Die Angst vor Corona ist älter als das Virus, das die Gesellschaft dieser Tage in Atem hält und zugleich zur Entschleunigung zwingt. Sie ist zwar nicht lebensbedrohlich, spannt aber die Nerven an: die Angst unter Musikern, den Einsatz zu vermasseln.

Kranzförmiges Virus

Corona ist das lateinische Wort für die Krone oder den Kranz. Auch deshalb ist Corona der Name für jene Viren, deren Fortsätze auf der kugelförmigen Hülle unter dem Elektronenmikroskop an einen Sonnenkranz erinnern. Corona ist schon viel länger aber der Name für das, was derzeit weltweit in vielen Bereichen geschieht: die Generalpause.

Spannungsgeladen und älter als das Virus: „Corona“ ist gleichbedeutend mit "Fermate" und damit in der Musik die Generalpause. Also solche definierte sie 1732 auch der Komponist und Musikwissenschaftler Johann Gottfried Walther in seinem „Musikalischen Lexikon“. Foto: Bayerische Staatsbibliothek

„Corona, oder Coronata, also wird von den Italianern dieses Zeichen genennet, welches, wenn es über gewissen Noten in allen Stimmen zugleich vorkommt, ein allgemeines Stillschweigen, oder eine Pausam generalem bedeutet“, definiert der Komponist und Musikwissenschaftler Johann Gottfried Walther 1732 in seinem „Musikalischen Lexikon“. Weitaus geläufiger ist der Begriff „Fermate“. Das entsprechende Symbol in Noten und Partituren ist ein Punkt mit einem Bogen darüber.

Coronavirus lässt Kultur wortwörtlich stillstehen

Ob Klassik oder Pop – wo immer sie verwendet wird, verursacht sie Spannung. Unter Musikern und Komponisten ist sie oftmals bedeutender als die Klänge selbst. Ludwig van Beethoven zum Beispiel baut in seiner neunten Sinfonie per Pause im ganzen Orchester mit ihr ein Knistern auf vor der ersten gesungenen „Freude“ des Tenors.

Bachs Brandenburgische Konzerte sind voll von ihnen. Ein wahrer Meister der Generalpause war Joseph Haydn, was in der 90. Sinfonie zur Unsicherheit im Publikum und verfrühtem Applaus führen kann. Aber auch im musikalischen Pop erfreut sich die Generalpause größter Beliebtheit. Bewusst wird das nicht zuletzt denen, die zu Musik joggen. Und im Erfolg, rhythmisch Schritt zu halten bis die Musik wieder einsetzt, einen kleinen Kick spüren. Oder auch nicht.

Ein Ruhepunkt, der die Bewegung des Taktes auf einige Zeit unterbricht
Musikbibliothekar Arrey von Dommer

Bedenkt man die aktuelle Situation, so gewinnt eine Definition aus dem Jahr 1865 des Musikbibliothekars Arrey von Dommer sogar esoterischen Charakter. Nach ihm ist die Corona „ein Ruhepunkt, der im Verlauf eines Tonstückes entweder auf eine Note oder auf eine Pause fällt und die Bewegung des Taktes auf einige Zeit unterbricht“, schreibt er. Noch etwas passt beklemmend gut zur weltweiten Verunsicherung: „Die Zeitdauer der Unterbrechung ist durch keine feste Regel bestimmt.“

Die Krone wird herausgeputzt: Luke Jonathan Koeppe, Student der Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft, reinigt und konserviert den Schrein der Heiligen Corona. Das Aachener Münster birgt viele Schätze - einen davon hat die Domschatzkammer aus gegebenem Anlass jetzt früher hervorgeholt als eigentlich geplant: Den Schrein mit den angeblichen Überresten der Heiligen Corona. Foto: Ralf Roeger/dpa

Italiener verehren die Heilige Corona

Älter noch als Virus und Generalpause ist die Heilige Corona, deren angebliche Überreste in Aachen liegen. Sie gilt unter anderem als Schutzpatronin gegen Seuchen. Laut Legende soll Corona nur etwa 16 Jahre alt gewesen sein. Sie starb vor rund 1.800 Jahren den frühchristlichen Märtyrertod. Ein römischer Statthalter habe die junge Christin mit Seilen zwischen zwei herabgebogene Palmen spannen lassen. Durch das Zurückschnellen sei ihr Leib in Stücke gerissen worden.

Ihr Name „Krone“ als Geldzeichen hat Corona in Bayern und Österreich auch zur Helferin in Geldangelegenheiten werden lassen, schreibt das Heiligenlexikon. Eine Verehrung in Nord- und Mittelitalien sei schon im 6. Jahrhundert belegt. Kaiser Otto III. soll dann im Jahr 997 Überreste der Heiligen von Rom nach Aachen gebracht und im Münster beigesetzt haben. Die Grabplatten sind bis heute im Dom zu sehen.

Einen vor über 100 Jahren gefertigten Schrein hat die Domschatzkammer jetzt aus dem Depot geholt, um ihn zu entstauben und zu konservieren – auch das geschieht im Zeichen von Corona.

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