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Verzicht auf Pflanzenschutzmittel

Getreide fürs bessere Brot? „Kraichgau Korn“ seit 30 Jahren auf Wachstumskurs

Seit mittlerweile 30 Jahren vermarktet „Kraichgau Korn“ regional erzeugtes Getreide. Für den Anbau verzichten die Mitglieder der Erzeugergemeinschaft auf den Einsatz von Chemie. Es gibt Bäcker, die sagen, das mache das Korn besser.

Aus dem Dinkel von Kraichgau-Korn-Landwirt Tobias Holstein wird später Mehl. Foto: Klaus Müller

Von Klaus Müller

„Wir sind Kraichgau Korn“, sagt der Brettener Landwirt Tobias Holstein. Mit „wir“ meint er die derzeit insgesamt 47 Bauern aus der Kurpfalz, der Hardt, dem Kraichgau, dem Enzkreis und dem Strohgäu Main-Tauber, die sich dem Anbau von „Kraichgau Korn“ verschrieben haben.

Seit nun 30 Jahren gibt es die gleichnamige Marktgemeinschaft mit Sitz in Nußloch. Und seit drei Jahrzehnten schwört die Gemeinschaft darauf, beim (Brot-)Getreideanbau gänzlich auf Pflanzenschutzmittel, auf Wachstumsregulatoren und auf gentechnisch veränderte Pflanzen zu verzichten. Lange bevor Themen wie Insektensterben, Glyphosat oder Klimawandel und Klimaschutz in der Öffentlichkeit aufschlugen, begannen die Kraichgau-Korn-Bauern ihren eigenen Weg zu gehen.

Kraichgau Korn entsteht ohne Spritzmittel

Ob damals, bei der Gründung der Marktgemeinschaft, allein altruistische Gründe ausschlaggebend waren, mag dahingestellt sein. Mit entscheidend sei für viele Landwirte sicherlich gewesen, selbst bei der Vermarktung ihres Produktes mitzuwirken – mitreden zu können, meint Landwirt Tobias Holstein.

In zweiter Generation hat der Juniorchef das „Erbe“ Kraichgau Korn übernommen. Sein Vater Friedrich gehört zu den Gründungsmitgliedern der Marktgemeinschaft.

Im Mittelpunkt, und das gilt bis zum heutigen Tag, stehen für Landwirtschaftsbetriebe der Gemeinschaft, wie der Familienbetrieb der Holsteins, der Anbau eines durch und durch regionalen Produktes – verbunden mit der entsprechenden Vermarktung. Kraichgau Korn sei schon ein exklusives Produkt, eines mit einem Alleinstellungsmerkmal, so Holstein.

Der Anbau selbst ist aufwendiger als beim konventionellen Ackerbau. „Vor allem zeitaufwendiger.“ Im Kampf gegen Unkräuter kommen keine Spritzmittel zum Einsatz, sondern es wird gestriegelt. Die Unkrautbekämpfung erfolgt mechanisch – wenn man so will durch großflächiges „Jäten“.

Eine gewichtige Rolle beim Anbau fällt laut Holstein ebenso der Sortenwahl zu. „Darüber lässt sich einiges steuern.“ Auf zwei Versuchsbetriebe der Kraichgau-Korn-Bauern werden entsprechende Sortenzüchtungen vorangetrieben. Das Gesamtpaket Kraichgau Korn unterliegt nach Auskunft der Marktgemeinschaft einer „lückenlosen Kontrollkette“ durch öffentlich bestellte Sachverständige.

Anbau richtet sich nach Nachfrage

Neben dem Verzicht auf Pflanzenschutzmittel sieht Holstein beim Kraichgau Korn noch einen entscheidenden Vorteil: nämlich „Blühfelder“. Dadurch, dass die Unkräuter bei dieser Art des Anbaus nie zur Gänze abgetragen werden könnten, blühe es in den Kraichgau-Korn-Feldern gleich hektarweise. „Wahnsinn, was da los ist. Wie viele Insekten davon profitieren.“

Getreideanbau, einschließlich der Weg der Körner in eine der zwei Kraichgau-Korn-Mühlen, um dort zu Mehl gemahlen zu werden, ist eine Sache; eine andere ist die Vermarktung des Endproduktes, des Mehls.

Die Marktgemeinschaft braucht die Bäcker. „Wir bauen aber nur so viel Getreide an – und als Reserve etwas mehr – wie die uns angeschlossenen Bäckereien benötigen“, klärt Holstein auf. Zurzeit setzen nach Auskunft von Roland Waldi, Vorsitzender der Marktgemeinschaft, 40 Bäcker mit 150 Verkaufsstellen auf die „Kraichgau Körner“ wie Weizen, Roggen, Dinkel oder Emmer. Gebe es noch mehr Bäcker, könnte noch mehr Kraichgau Korn angebaut werden.

Einer dieser Bäcker ist Martin Meier aus Karlsruhe. 2018 entschied er sich dafür, ausschließlich Mehl aus Kraichgau Korn in seiner Backstube zu verwenden. Betonung auf „ausschließlich“. Die beteiligten Bäcker verpflichteten sich dazu, kein anderes Mehl mehr zu benutzen.

Ein Bäcker findet das Brot einfach besser

„Für mich war der Umstieg ein sehr bewusster Schritt“, erzählt Meier. „Und ein Schritt gegen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.“ Das dürfte durchaus auch vermehrten Nachfragen der Kundschaft zum Thema Glyphosat und Co geschuldet gewesen sein. Jetzt kann Bäcker Meier in seinen Filialen – die sechste wird demnächst in der Heidenstückersiedlung eröffnet – die Kunden beruhigen: Es findet sich kein Pflanzenschutzmittel in seinem Mehl.

Allerdings bedurfte die Umstellung einiges an Zeit. Teig aus unbehandelten Kraichgau-Korn-Mehlen müsse anders bearbeitet werden, so Meier. Der Aufwand sei etwas größer. Längst habe die Kundschaft die Umstellung angenommen. Mehr noch: „Wir haben viele neue Kunden dadurch gewonnen.“ Weil die Landwirte für ihr Produkt etwas mehr Geld bekommen, weil dadurch auch das Mehl etwas teurer wird, kosten die Bäckereiprodukte am Ende etwas mehr. Die Preiserhöhungen, beruhigt Meier, liegen im Centbereich. Und dann soll es noch einen Unterschied geben, darauf jedenfalls schwört er: „Backwaren aus Kraichgau Korn schmecken anders – und zwar besser.“ Das freilich dürfte dann doch „Geschmackssache“ sein.

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