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Suchbegriffe unter der Lupe

Werden in Rheinland-Pfalz die Haare zu lang? Was wir in Zeiten von Corona googlen

Was eben noch wichtig war, gilt plötzlich nichts mehr: Seit sich das Coronavirus ausbreitet, dreht sich plötzlich alles um Kurzarbeit und Klopapier. Eine Auswertung von Google-Suchbegriffen zeigt, wie und mit welcher Dynamik sich die Krise angebahnt hat. Und legt den Verdacht nahe, dass es auf den Köpfen der Rheinland-Pfälzer schlimm aussehen muss.

ARCHIV - 24.09.2019, USA, Mountain View: Eine Frau steht vor einem Bürogebäude von Google. Google will 20 Faktencheck-Organisationen weltweit finanziell unterstützen, die sich dem Kampf gegen Desinformation, insbesondere im Zusammenhang mit dem Coronavirus, verschrieben haben. Foto: Jeff Chiu/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ - Foto: None

Seit sich das Coronavirus ausbreitet, hat sich vieles verändert. Das zeigt auch der Blick in die Suchtrends von Google: Hände waschen ist so wichtig geworden wie nie - und erstmals wollen mehr Menschen Flüge stornieren statt zu buchen. Wo die Leute jetzt nach guten Büchern suchen - und warum es auf den Köpfen der Rheinland-Pfälzer wohl schlimm aussehen muss.

Zur Bildsprache der Coronakrise zählen unbestreitbar schon heute: Toilettenpapier und Atemschutzmasken. Oder besser: Klopapier und Mundschutz? Interessanterweise haben die Menschen in Deutschland hier offenbar unterschiedliche Sprech- und Suchgewohnheiten.

Die Begriffe "Klopapier" und "Toilettenpapier" erleben auf Google zwar ab Anfang März einen fast parallelen Anstieg - allerdings verteilt sich dieser in den einzelnen Bundesländern durchaus unterschiedlich.

Bei "Mundschutz","Atemschutzmaske" und "Schutzmaske" indes ist die regionale Verteilung eindeutig. In allen Bundesländern suchen die Menschen in großer Mehrheit nach dem "Mundschutz". Entsprechend liegt der Begriff auch im Ranking insgesamt klar an der Spitze.

Eine Tätigkeit, die möglicherweise lange mit dem Coronavirus in Verbindung gebracht wird, ist das Hände waschen. Eigentlich eine relativ alltägliche Angelegenheit, sollte man meinen. Tatsächlich allerdings stieg auch hier der Informationsbedarf der Google-Nutzer mit der Ausbreitung des Virus massiv an. Ab der letzten Februar-Woche schoss der Suchbegriff "Hände waschen" durch die Decke.

Eine Minderheit der Nutzer ging sogar noch etwas weiter und suchte gleich nach "richtig Hände waschen".

Corona – oder Coronavirus? Üblicherweise suchen Menschen bei Google nach dem kürzesten Begriff.

Das Coronavirus bricht mit dieser Gewohnheit. Tatsächlich dokumentiert die Suchmaschine für das längere Wort eine deutlich höhere Abfrage - zumindest im globalen Kontext.

Auf Ebene einzelner Staaten gibt es Unterschiede: In englischsprachigen Ländern sowie in solchen mit einer romanischen Sprache - also etwa französisch und spanisch -  suchen die Menschen nach dem Coronavirus.

In Deutschland etwa, in den Niederlanden und in Skandinavien (Ausnahme: Finnland) tippen die Nutzer bevorzugt „Corona“ ein.

Als "Corona" das "Coronavirus" schlug

Interessant am Suchverhalten der deutschen Nutzer: Bis Anfang März suchten auch sie mehrheitlich nach dem vollständigen Wort. Erst dann löste „Corona“ das „Coronavirus“ ab – und ließ es in der Folge deutlich hinter sich.

Vielleicht auch deswegen, weil das Wort „Corona“ sich zu diesem Zeitpunkt vom Virus ablöste und auch in anderen Kombinationen auftrat, etwa als „Coronakrise“ beziehungsweise „Corona-Krise“.

Die Wahrnehmung der Situation als Krise jedenfalls hat sich offenbar in der zweiten Märzwoche verfestigt. Zumindest dokumentiert Google ab diesem Zeitraum einen rasant ansteigenden Suchverlauf nach beiden Begriffen.

Ebenfalls auffällig: Die durch das Virus ausgelöste Erkrankung „Covid-19“ steht auf Google klar im Schatten des Erregers. Im Vergleich zu Corona ist auch das Interesse nach den Symptomen der Lungenkrankheit praktisch minimal.

Die ersten Corona-Infektionen in der chinesischen Provinz Wuhan wurden Ende Dezember bekannt – in der ersten Januarhälfte mehrten sich dann im deutschsprachigen Internet Berichte darüber.

Der erste Fall in Karlsruhe

Damit stieg hierzulande auch das Suchinteresse: Ab dem 21. Januar verzeichnet Google-Trends einen zunächst moderaten Anstieg von Suchen. Sie erreichen am 28. Januar einen ersten Höhepunkt. An dem Tag vermeldete Bayern den ersten Corona-Patienten auf deutschem Boden.

In Karlsruhe vermeldeten die Behörden den ersten Corona-Fall am 28. Februar. Das Suchinteresse an dem Tag ging massiv nach oben. Es übertrumpft auch deutlich das Suchinteresse nach dem ersten Corona-Fall in Pforzheim. Er wurde am 10. März aktenkundig.

Bereits zuvor allerdings, am 30. Januar nämlich, hatte es in Pforzheim drei Verdachtsfälle gegeben - was der Suchverlauf von Google auch entsprechend abbildet.

Immer aktuell: Karten zeigen alle Coronavirus-Fälle in Deutschland und Baden-Württemberg

Das Wetter bleibt dran

Generell stellen Suchen, die mit dem Coronavirus zusammenhängen, seit Ende Februar praktisch alle anderen Themen in den Schatten. Dieser Trend gilt im Prinzip bis heute – weder „Zeitumstellung“ am letzten Märzwochenende noch das „Schaltjahr“ Ende Februar stießen auf größeres Interesse.

Eine Ausnahme bildet aber das Wetter: Bis Ende Februar war der Begriff zumindest in ganz Deutschland stärker gefragt als „Corona“ und „Coronavirus“. Und mittlerweile schickt sich das Wetter an, zumindest den Suchbegriff „Coronavirus“ wieder zu überholen.

Das Ergebnis, das "Corona" und "Coronavirus" in den Google Trends derzeit Spitzenreiter sind, ist wenig überraschend. Interessanter ist, wie das Suchverhalten die Folgen der Pandemie dokumentiert.

So hat sich erstmals seit Beginn der Messungen durch Google im Jahr 2004 das Verhältnis der Suchbegriffe „Flug buchen“ und „Flug stornieren“ umgekehrt. Als sich Anfang März die erhebliche Tragweite der Pandemie abzuzeichnen begann, legten viele Menschen offenbar ihre Reisepläne auf Eis.

Ab dem 9. März schossen die Anfragen in die Höhe, wie ein Flug zu stornieren sei. Den restlichen Monat erlebte der Suchbegriff seinerseits gewissermaßen einen Höhenflug, ehe sich beide Anfragen zum Ende März wieder halbwegs die Waage hielten.

Fast parallel entwickeln sich übrigens auch die Suchpaare „Hotel buchen“ und „Hotel stornieren“ sowie „Reise buchen“ und „Reise stornieren.“

Trotz des Absturzes der Finanzmärkte erlebten die Begriffspaare „Aktien kaufen“ und „Aktien verkaufen“ übrigens keine Umkehr. Ganz im Gegenteil.

Riesen-Interesse an Aktienkäufen

Der Dax etwa verzeichnete ab dem 20. Februar starke Rückgänge, der Dow Jones begann seinen Fall einen Tag später. Zwar stieg an diesen Tagen offenbar der Informationsbedarf nach Wertpapierverkäufen – der nach Investments stieg aber deutlich stärker- und erreichte zwischenzeitlich gar seinen bislang höchsten Stand seit Beginn der Messungen 2004.

Die fallenden Kurse haben also wohl eher das Kaufinteresse angeregt als zu Panikverkäufen verleitet.

Auch die Zuspitzung der Maßnahmen in Deutschland lässt sich anhand der Suchanfragen darstellen. Als einer der ersten drastischen Schritte untersagten die Bundesländer in der zweiten Märzwoche nach und nach den Betrieb von Schulen und Kitas.

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Das führte wohl erstmals ganz unmissverständlich vor Augen, auf welche Situation Deutschland zusteuerte.

Praktisch im Schatten des Suchbegriffes Kita stieg auch der Informationsbedarf zu "Kurzarbeit" und "Quarantäne." In der folgenden Woche wurde dann die Ausgehsperre diskutiert.

Am 20. März beschloss zunächst Bayern erhebliche Einschränkungen der Freiheitsrechte, am 22. März erklärte dann Angela Merkel, vergleichbare Maßnahmen auf ganz Deutschland auszuweiten.

Die in der Geschichte der Bundesrepublik einmaligen Ausgehbeschränkungen stellen auch in der Google-Auswertung einen bisherigen Gipfel dar.

In welchem Bundesland suchen die Leute gute Bücher?

Bei erneuter Betrachtung der Suchverläufe für "Corona" und "Coronavirus" fällt auf: Seit dem 22. März geht das Interesse an beiden Begriffen deutlich zurück.

Seit Angela Merkel an diesem Datum die Ausgangsbeschränkungen für Deutschland verkündet hat, ist eine weitere Zuspitzung der Lage ausgeblieben - wahrscheinlich arrangieren sich derzeit die meisten Google-Nutzer mit der Lage und warten ab.

Entsprechend verringert sich der Informationsbedarf hinsichtlich der Pandemie - bis sich neue Entwicklungen abzeichnen. Seitdem sind Netflix, Homeoffice und Gymnastik in den eigenen vier Wänden angesagt - oder?

Tatsächlich hat Google eine starke Zunahme etwa von Suchbegriffen wie "Gymnastik zu hause", "Kinderbetreuung" und "Homeoffice" verzeichnet.

Die großen Streaminganbieter allerdings legten bei den Suchanfragen nur eher kleinteilig zu - mit Ausnahme von Disney+. Kein Wunder allerdings, schließlich ging das Angebot am 24. März in Deutschland an den Start - entsprechend hoch war der Informationsbedarf.

Das klassische Fernsehprogramm stößt bei den Google-Nutzern übrigens ebenfalls nicht auf vermehrtes Interesse. Dafür suchen vermehrt Menschen nach "guten Büchern" - mit folgender regionaler Verteilung:

Die einen tun also möglicherweise derzeit mehr fürs Köpfchen - die anderen suchen nach Lösungen für das, was sich da auf ihren Köpfen abspielt.

...und Rheinland-Pfalz hat Probleme auf dem Kopf

Zu dieser Annahme zumindest könnte Google durchaus verleiten. Zur Eindämmung des Coronavirus sind in Deutschland die Friseursalons derzeit geschlossen. Der Suchbegriff "selbst Haare schneiden" hat davon massiv profitiert:

Besonders schlimme Formen scheint der Wildwuchs auf dem Kopf derzeit in Rheinland-Pfalz und dem Saarland anzunehmen - das entsprechende Suchinteresse ist dort viel höher als im restlichen Deutschland.

Warum das so ist, bleibt unklar.  Fakt ist: Wegen der Corona-Krise dürfte besonders der grenzüberschreitende Tourismus wohl für längere Zeit eingeschränkt sein.

Wenn in Deutschland die Ausgehbeschränkungen gelockert werden, böte sich ein Ausflug in den Pfälzer Wald an - um an der Haarpracht der dortigen Bevölkerung zu prüfen, ob Google-Suchen tatsächlich als Indikator für die Realität taugen.

Zum Hintergrund der Daten: Die Google-Suchtrends sind im Internet frei verfügbar . Abgebildet sind jeweils die relativen, nicht die absoluten Zugriffe. Sofern im Text nicht anders dargestellt, sind als Vergleichszeitraum immer die letzten 90 Tage festgelegt. Stand der Erhebungen ist der 31. März 2020.

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