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Guide Michelin in der Pfalz

Drei Frauen und ein Stern machen das "Urgestein" in Neustadt an der Weinstraße zur Ausnahmeerscheinung

298 Männer erhielten im Jahr 2019 einen, zwei oder drei der begehrten Michelin-Sterne. Weibliche Sterneköche gibt es genau elf. Hedi Rink aus Neustadt an der Weinstraße ist eine von ihnen. Ihr prämiertes Restaurant "Urgestein" ist auch sonst eine Besonderheit: In der Küche arbeiten nur Frauen.

Weiberwirtschaft: Sterneköchin Hedi Rink (links) und ihre Beiköchin Aura Carstea (rechts) mit der Auszubildenden Liv Casutt in ihrer Mitte. Foto: Markus Scheuermann

Große Wirtschaftsunternehmen sind seit 2015 gesetzlich dazu verpflichtet, 30 Prozent der Sitze im Aufsichtsrat mit Frauen zu besetzen. In der Spitzengastronomie steht eine solche Quote noch weit in den Sternen.

In gerade mal elf der insgesamt 309 Michelin-besternten Küchen in Deutschland führt eine Frau das Regiment. Zehn Köchinnen waren im Guide Michelin für 2019  mit einem Stern ausgezeichnet, eine – Douce Steiner vom Restaurant Hirschen im südbadischen Sulzburg - erhielt sogar zwei. In der Spitzengastronomie ergibt sich damit eine Frauenquote von 3,56 Prozent.

Kaum weibliche Sterneköche

Ziemlich wenig, oder? Hedi Rink, Küchenchefin im Restaurant Urgestein in Neustadt an der Weinstraße lacht. „Ja, das ist wirklich nicht sehr viel“, sagt die Köchin mit der Kochjacke, so kurz, frech und schwarz wie ihre Haare.

In der von Männern dominierten Welt der Spitzengastronomie behauptet sie sich fröhlich schon seit mehreren Jahren. Weitere Besonderheit: Hedi Rinks Küchenbrigade besteht nur aus Frauen.

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Drei Frauen am Herd

Drei Frauen am Herd. Da geht es sicher oft heiß her? „Ja, ja, ich weiß“, sagt Hedi Rink und wiegelt ab, „das denken immer alle und reden vom Zickenkrieg oder so. Aber das Gegenteil ist der Fall“, sagt sie. „Unter uns Frauen geht es sehr, sehr harmonisch zu. Dagegen empfand ich das Arbeiten mit Männern oft als mega-anstrengend.“ Mit der Chefin stehen Abend für Abend die Beiköchin Aura Cârstea und die Auszubildende Liv Casutt am Herd.

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Die Entscheidung für eine rein weibliche Küchenbrigade war aber keine bewusste. „Das hat sich eher so ergeben.“ Aber jetzt, da es so geworden ist, genieße sie ihre Weiberwirtschaft. „Die Stimmung in der Küche ist sehr ruhig und konzentriert“, beschreibt sie das Teamwork. „Wir sagen ’bitte’ und ’danke’ und selbst wenn es gerade mal hektisch zugeht, verliert keiner ein böses Wort.“

rink2 Foto: None

Atmosphäre der Wertschätzung

Diese Atmosphäre aus Wertschätzung und Wohlwollen gefällt auch Azubi Liv sehr gut. Obwohl sie erst 17 Jahre alt ist, konnte sie sich bei verschiedenen Praktika schon einen guten Eindruck von den Sitten in anderen Küchen machen. „Der gute Umgangston, der hier herrscht, war schon ein sehr starkes Argument dafür, meine Ausbildung hier zu machen“, sagt die junge Frau.

Ihre Kochkünste schlummerten lange

Die Spielregeln der Gastronomie kennt Hedi Rink, die in der Eifel geboren wurde, in- und auswendig. Ganz jung schon begann sie ihre Ausbildung zur Köchin und Restaurantfachfrau. „Das Kochen habe ich dann lange ruhen lassen, weil mir die Arbeit im Service mehr Spaß gemacht hat.“

Jahrelang war sie auf der ganzen Welt unterwegs. Im Sommer auf dem Schiff, im Winter auf dem Berg. Als ihr Mann Hanno und sie sich dann entschlossen, der Schwiegermutter im Hotel in Neustadt unter die Arme zu greifen, ging Hedi in die Küche. Dabei entdeckte sie das Kochen wieder.

Jeden Abend bevor es losgeht bin ich nervös
Hedi Rink, Sterneköchin

Doch die Lust an der Kunst weckte erst der junge Sternekoch Benjamin Pfeifle. Ihn heuerten die Rinks an, um die gut-bürgerliche und „leckere Mama-Küche“ des Restaurants im Steinhäuser Hof durch eine moderne und anspruchsvolle Gourmetküche zu ersetzen.

Rinks Ehrgeiz: Den Stern behalten

Als Pfeifle das Restaurant wieder verließ, blieb der Stern zurück und der Kochlöffel ging an die mutige Hedi über. Kein leichter Start: „Ich hatte große Sorge, dass ich den Stern wegkochen würde“, sagt sie.

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Doch zwei Jahre später funkelt der Stern noch immer über dem Urgestein. Die Michelin-Testesser bescheinigen dem Restaurant eine „aufwändige Küche“ und wer Hedi Rink zuhört und zusieht, der versteht, was gemeint ist. Ihre Gerichte sind Kreationen, an denen mit viel Liebe zum Detail wochenlang herumgefeilt wurde, bevor sie schließlich auf die Karte kommen.

Hedi Rinks Speisen sind Kunstwerke, die mit Pinzette und Feinwerkzeug angerichtet werden. Das passt zum feinen, leisen und eleganten Ton, der in ihrer Küche herrscht.

Hedi Rink wirkt cool, aber nicht abgebrüht. „Jeden Abend bevor es losgeht bin ich nervös.“ Die Ansprüche, die der Gast an ein Sternerestaurant stellt, seien zurecht sehr hoch, sagt Hedi. Und als Frau müsse man sich auch immer noch ein bisschen mehr anstrengen.

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