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Polizei erwischt immer mehr Autofahrer

30 Meter Blindflug: ADAC-Kampagne soll Karlsruher dazu bringen, die Finger vom Handy zu lassen

„Kurz mal nicht aufgepasst“ kann schwere Folgen im Verkehr haben. Polizei und ADAC versuchen, Menschen im Landkreis Karlsruhe dafür zu sensibilisieren, die Finger während der Autofahrt vom Handy zu lassen.

Nur kurz mal telefoniert: 2017 wurde die Straßenverkehrsordnung dahingehend geändert, dass das In-der-Hand-Halten elektronischer Geräte komplett verboten wurde. So fallen nun neben dem Handy auch weitere Geräte wie Tablets klar unter das Verbot. Nur ein kurzer Blick zu fest eingebauten Geräten wie dem Navigationsgerät ist noch erlaubt. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Reset-Taste aus dem Videospiel gibt es im normalen Leben nicht. Hat man im Auto einen Moment nicht aufgepasst, können die Konsequenzen eines Unfalls bitter sein. Das versucht Polizeioberkommissar Jürgen Ell vom Polizeipräsidium Karlsruhe den Jugendlichen klarzumachen, wenn er im Rahmen des Präventionsprojekts „No Game“ die zehnten Klassen im Landkreis Karlsruhe besucht.

Die Hauptunfallursachen bei Fahranfängern seien zu hohe Geschwindigkeit, fehlender Abstand, Alkohol, Drogen und eben Ablenkung. „Das kann das Handy sein oder der Beifahrer“, erklärt Ell. Mit Unfallbildern möchte er den jungen Menschen verdeutlichen, welche Konsequenzen ein kurzer Moment der Unachtsamkeit nach sich ziehen kann — dafür reiche eine kurze Nachricht bei WhatsApp.

Ell lässt die Schüler immer eine kurze Nachricht schreiben und misst die Zeit. Fünf bis sieben Sekunden ist der Blick dadurch aufs Handy gerichtet. „Das absolute Highlight waren drei Sekunden“, staunt der Präventionsbeauftragte, wie selbstverständlich der Umgang mit dem Gerät zwischenzeitlich ist.

„Da liegt 90 Prozent der Aufmerksamkeit auf dem Handy“, erklärt er. Als „Künstler“ bezeichnet er Leute, die gleichzeitig Rad fahren und eine Nachricht auf dem Handy schreiben können. Scheint fast unmöglich, ist aber trotzdem täglich im Verkehr zu sehen.

„Wenn wir ein oder zwei überzeugen, haben wir einen riesigen Gewinn“, meint Ell. Er geht davon aus, dass es täglich zahlreiche Beinahe-Unfälle durch Ablenkung gibt. Einzige Möglichkeit der Vorsorge sei, die Menschen zu sensibilisieren. Nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene. „Die sind kein Haar besser“, sagt er.

Unfallstatistik verzerrt die Realität

Die Statistik weist für den Landkreis Karlsruhe seit 2008 nur einen Unfall pro Jahr auf, der nachweislich durch ein Handy am Steuer verursacht wurde. „Das stimmt aber nicht“, stellt Ell klar. Denn für die Unfallstatistik sei es schwer, den Vorwurf „Ablenkung durch Handy“ nachzuweisen. „Es gibt kaum jemand, der das zugibt“, erklärt Ell. Aussagen von Zeugen gebe es auch selten.

Deutlicher fällt die Statistik bei den Ordnungswidrigkeiten aus: Im Jahr 2019 wurden bei der Bußgeldstelle der Stadt Karlsruhe 3.159 Verfahren „wegen verbotswidriger Benutzung eines elektronischen Gerätes“ geführt, gegen Fahrradfahrer 538 entsprechende Verfahren. Im Landkreis Karlsruhe waren es im gleichen Zeitraum 651 Verfahren.

Was viele nicht wissen: Allein das Handy in die Hand zu nehmen, ist ein Tatbestand. Aber nicht nur das Handy. Auch vom Navi oder anderen elektronischen Geräten muss man im Auto die Finger lassen.

Und das ist gar nicht so einfach. „Das Handy hat sich in unseren Alltag gefressen“, sagt Ell. Nicht nur im Auto oder auf dem Rad, sondern auch als Fußgänger müsse man sich darüber im Klaren sein, dass das Handy ablenkt. Mit Kopfhörern in den Ohren hört man zudem eine herannahende Bahn eventuell nicht. Und durch eine Baustelle auf der Autobahn fahren und gleichzeitig via Freisprechanlage telefonieren — laut Ell kann diese Art von Multitasking niemand leisten.

Zwei Sekunden Blick aufs Handy sind 30 Meter Fahren im Blindflug

Auch der ADAC Nordbaden macht verstärkt auf das Thema „Handy am Steuer“ aufmerksam. „Gerade Jugendliche wollen ständig erreichbar sein und haben oft Angst, etwas zu verpassen. Das verleitet dazu, sich auch im Auto mit dem Handy zu beschäftigen“, sagt Karin Birthelmer, Verkehrsreferentin im Vorstand des ADAC Nordbaden.

Vielen sei nicht bewusst, dass sie bei einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern fast 30 Meter im totalen Blindflug zurücklegen, wenn sie nur zwei Sekunden auf den Bildschirm schauen.

Gemeinsam mit dem Fahrlehrerverband will auch der Verkehrsclub junge Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren sensibilisieren. In Zusammenarbeit mit der Influencerin Kati Karenina ist so ein Video entstanden, das zeigt, wie schnell der kurze Blick auf das Handy in einem schwerwiegenden Unfall enden kann.

Die Influencerin erhält in dem Video während der Autofahrt eine Nachricht und nimmt das Smartphone in die Hand. Plötzlich knallt es, Glasscherben fliegen durch das Auto, der Airbag explodiert und sie schleudert Richtung Beifahrersitz.

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