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Zehntausende Euro verzockt

Im Quoten-Dschungel: Die Geschichte eines Sportwetten-Süchtigen

Experten zufolge ist die Zahl der Sportwetten-Süchtigen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Doch wie gerät man in die Abhängigkeit, wie fühlt diese sich an und wie schafft man den Absprung. Ein Betroffener erzählt.

Hohes Suchtpotenzial haben Experten zufolge sogenannte Live-Wetten. Den Fachleuten zufolge ist die Zahl der Süchtigen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Foto: dpa

Im Herbst 2019 ist Viktor M. dem Abgrund ganz nah. Der junge Mann, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist süchtig nach Sportwetten, hat über die Jahre mehrere Zehntausend Euro verzockt, seine Familie vor den Kopf gestoßen, sämtliche Freunde verloren und zuletzt auch die Lebensfreude. Doch die Rettung naht.

An einem Samstagnachmittag liegt Viktor M. zu Hause auf dem Sofa, taucht ab in seine eigene Welt, in der sich alles um die nächste Wette und die besten Quoten dreht, um jede noch so kleine Chance, das verlorene Geld wieder reinzuholen – auch wenn das längst nicht mehr geht. In diesem Augenblick krabbelt die Rettung direkt auf ihn zu: Sein zehn Monate alter Sohn stupst ihn an, möchte mit ihm spielen, doch sein Papa reagiert nicht. Also zieht der Knirps enttäuscht von dannen. Für M. ein Schlüsselmoment. „Da habe ich mir gesagt: So kann es nicht weitergehen“, erzählt der 32-Jährige rückblickend. Es ist der Augenblick, in dem er seiner Sucht den Kampf ansagt.

Mit zwei, drei Euro angefangen

Dabei hatte acht Jahre zuvor alles ganz harmlos angefangen. Zum Fußballschauen trifft sich Viktor M. regelmäßig mit Kumpels in einem Wettbüro, spielt einen Schein pro Woche. Der Einsatz: zwei, drei Euro, höchstens mal zehn.

Doch dann wird M. mutiger, spielt häufiger, erhöht die Einsätze, bis er einen kritischen Punkt überschreitet. „Zum Problem wurde es, als ich gedacht habe, ich muss mir das Geld zurückholen, das ich vertippt habe“, erklärt er. Ab da hat ihn die Sucht fest im Griff.

„Am Anfang sind sie happy, wenn sie 50 Euro gewinnen, später reichen 500 nicht mehr aus.“
Daniel Nakhla vom Therapiezentrum Münzesheim

Daniel Nakhla kennt solche Geschichten zur Genüge. Im Therapiezentrum Münzesheim bei Bruchsal, in dem Nakhla die therapeutische Leitung innehat, werden pro Jahr rund 200 pathologische Glücksspieler behandelt, darunter immer mehr Sportwetten-Süchtige.

Der Boom, den die Branche in den vergangenen Jahren erlebt hat, produziert nicht nur Gewinner. „Vor acht Jahren hatten wir das hier noch so gut wie gar nicht. Heute sind von zehn Patienten zwei bis drei dabei, die Sportwetten-abhängig sind, und noch sehr viel mehr, die am Rande damit zu tun haben“, berichtet Nakhla. Analog zu stoffgebundenen Süchten würden die Betroffenen die Dosis stetig steigern: „Am Anfang sind sie happy, wenn sie 50 Euro gewinnen, später reichen 500 nicht mehr aus.“

Wasserball, Baseball, Cricket - Wetten ohne Grenzen

Von der Sucht gepackt, verabschiedet sich Viktor M. von der klassischen Ergebniswette beim Fußball. Wasserball, Baseball, Cricket – der junge Mann setzt auf fast alles. „Von Cricket weiß ich noch nicht einmal genau, wie das funktioniert“, gibt er zu. Der Glaube an die eigene Expertise spielt da schon lange keine Rolle mehr. Hauptsache er ist weiter im Spiel. „Letztlich geht’s dann gar nicht mehr ums Geld“, weiß Therapeut Nakhla.

Risikogruppe: männlich, jünger als 25, häufig mit Migrationshintergrund, sportbegeistert

Die Risikogruppe lässt sich Experten zufolge ziemlich genau eingrenzen: männlich, jünger als 25, häufig mit Migrationshintergrund, sportbegeistert, nicht selten in Sportvereinen aktiv. Deren Problem laut Nakhla: „Sie haben den Eindruck, dass sie eine Expertise mitbringen.“ Tatsächlich liegen diejenigen, die sich wirklich gut auskennen, häufiger richtig, aber: „Das heißt noch nicht, dass sie das in einen monetären Gewinn umsetzen können.“ Bei den Quoten sitzen nun mal die Buchmacher am längeren Hebel.

Das Handy auch bei der Arbeit stets griffbereit

Viktor M. will das nicht wahrhaben. Sein Handy hat er stets griffbereit, seine Gedanken kreisen nur noch um die nächste Wette. Sind spät abends in Europa die letzten Wettbewerbe durch, geht sein Blick über den großen Teich nach Amerika. Irgendwo wird immer gespielt.

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Das Wetten nimmt M.‘s komplette Freizeit in Beschlag: Seine Fußballschuhe lässt der frühere Amateurkicker im Schrank, Freundschaften zerbrechen, die Ehe bröckelt. Selbst bei seiner Arbeit als Industriemechaniker hat er die Wett-App immer im Blick. Misstrauischen Kollegen erzählt er etwa, er erwarte wichtige Nachrichten von seiner Frau.

Geld der Familie ist tabu

Seine Frau duldet zähneknirschend seine Sucht, auch weil er nur sein eigenes Einkommen verzockt. Die Familie ist K. heilig, deren Geld tabu. Und doch sagt er mit Blick auf seine Frau, seine Mutter, seine drei Schwestern: „Irgendwann wären die auch weg gewesen.“

In zwei Tagen 3.000 Euro verzockt

Das Leben von M. spielt sich fast nur noch am Handy ab und im Wettbüro, wo er täglich seine Kundenkarte auflädt – mit 200, 300 Euro. Tauchen Probleme auf, spielt er sich in einen Rausch. Als im Sommer 2019 sein sechsjähriger Neffe bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt, verzockt M. in zwei Tagen 3.000 Euro. „Ein richtiger Absturz“, sagt der junge Mann, der da aber bereits mit dem Gedanken spielt, sich Hilfe zu holen – auch seinem Sohn zuliebe.

Die Angst vor dem Rückfall bleibt

Im Dezember 2019 beginnt M. eine Therapie und lernt wie das gehen kann, ein Leben ohne Wetten. Ein geregelter Tagesablauf mit viel Sport helfen ihm dabei, die einschlägigen Handy-Apps muss M. löschen. Und er erkennt, was ihn womöglich besonders anfällig gemacht hat für die Sucht. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste M. schon als Kind Verantwortung für die Familie übernehmen, den kindlichen Spieltrieb unterdrücken. Heute wettet M. nicht mehr – und fühlt sich dadurch wie ein anderer Mensch. Doch die Angst vor einem Rückfall begleitet ihn. „Wettbüros an jeder Straßenecke, überall Werbung – wie soll ich das ignorieren?“

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