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Wohnungsmarkt

In der Karlsruher Südstadt geht die Angst vor Gentrifizierung um

Als das Traditionslokal Walhalla Anfang des vergangenen Jahres endgültig seine Pforten schloss, schrillten bei Martina Hillesheimer die Alarmglocken. „Wir haben befürchtet, dass jemand drastische Veränderungen im Herz der Südstadt plant. Und nun werden unsere schlimmsten Befürchtungen wahrscheinlich bestätigt“, sagt die Vorsitzende der Bürger-Gesellschaft der Südstadt.

Das Tradtionslokal Walhalla wurde von einem Investor gekauft Foto: jodo

In der Karlsruher Südstadt regt sich Widerstand gegen die Pläne einer Investorengemeinschaft. Hinter der Augarten Immobilien KG, die dort mehrere Häuser gekauft hat, steckt angeblich ein russischer Geldgeber - was für allerhand Gerüchte sorgt. Offenbar fordert die Gesellschaft von den Bewohnern aller aufgekauften Häuser bereits höhere Mieten.

Das Gebäude mit der Walhalla wurde nach Hillesheimers Recherchen nämlich ebenso wie zahlreiche weitere Häuser in der Augartenstraße sowie ein Haus in der Morgenstraße von einer Augarten Immobilien KG gekauft.

Mieter wurden zum Auszug gedrängt

Laut Hillesheimer wurden für alle darin befindlichen Wohnungen Mieterhöhungen gefordert und einige Mieter bereits zum Auszug gedrängt.

„Dabei wird sehr subtil Druck ausgeübt und teilweise gedroht“, sagt die Bürgervereins-Vorsitzende. Selbst wenn von den betroffenen Mietern aus Angst vor Repressalien niemand an die Öffentlichkeit gehen will, machen im Wohnviertel zwischen Ettlinger Straße und Rüppurrer Straße Gerüchte von Geldwäsche und Luxus-Sanierungen die Runde. Der Grund: Komplementär der Augarten AG ist der Chef eines Rheinstettener Sanierungsunternehmens. Als Kommanditist fungiert ein russischer Investor. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, hat die Bürger-Gesellschaft extra eine Umfrage gestartet.

Exorbitante Mieterhöhungen

Die Rückmeldungen waren ernüchternd: Mehrere Mieter berichteten, dass sie nach dem Verkauf der Häuser von den neuen Besitzern durch die Androhung exorbitanter Mieterhöhungen oder das Abstellen vom Strom und Wasser unter Druck gesetzt wurden.

In einer Wohnung baute ein Eigentümer sogar die Küchenschränke einer Mieterin aus.

Was Hillesheimer zusätzlich Sorgen bereitet, sind mindestens 14 leer stehende Häuser.

Diese würden aller Wahrscheinlichkeit nach zur Wertsteigerung in Eigentumswohnungen umgewandelt und verkauft oder kleinteilig an Studenten vermietet. „Natürlich wurden in der Südstadt schon vorher Häuser aufgekauft und aufwändig saniert. Aber in dieser Größenordnung hat es das bislang nicht gegeben. Irgendwann können sich Südstädter ihren eigenen Stadtteil nicht mehr leisten“, sagt Hillesheimer.

Zum Thema:

Südstadt ist  begehrt bei Investoren

Dass die Südstadt wegen ihrer zentralen Lage zwischen Innenstadt und Hauptbahnhof begehrt ist, sei nicht neu. Außerdem sei der Multikulti-Stadtteil spätestens seit dem Bau des Cityparks auch für eine besser verdienende Klientel interessant geworden.

„Niemand hier ist gegen die Modernisierung von Bestandsbauten. Aber derzeit weiß noch nicht einmal die Stadt, was in den leer stehenden Häusern alles gemacht wird“, sagt Hillesheimer.

Bei einigen Gemeinderatsfraktionen fand die Bürger-Gesellschaft mit ihrem Anliegen Gehör. Bereits im Mai 2019 wurden im Gemeinderat nach Anträgen von SPD, Grünen, Kult, FDP und Linke die Forderungen nach einer Erhaltungssatzung sowie Milieu-Schutz für die Südstadt behandelt. Wegen der vielen offenen Fragen wurde das Thema in die Fachausschüsse verwiesen. Passiert ist seither nichts.

Planungsausschuss berät über Erhaltungssatzung

Am 12. März soll der Schutz der Südstadt im Planungsausschuss neu debattiert werden. „Vor den Wahlen sprangen viele Parteien auf den Zug auf. Nun wird sich zeigen, ob diesen Versprechen auch Taten folgen“, sagt Hillesheimer.

Die Stadtverwaltung reagiert bislang noch zurückhaltend und verweist auf den hohen Abstimmungsbedarf. Die soziale Durchmischung sei aber eine besondere Stärke der Südstadt, teilt die Stadt auf Anfrage der BNN mit. Für den Mieterschutz ist die Stadt nach eigenen Angaben allerdings nicht zuständig.

Solche Streitigkeiten müssten auf zivilrechtlicher Ebene geklärt werden. Bislang habe sich auch keiner der betroffenen Mieter direkt an die Stadt gewandt.

Bürgerverein nimmt Stadt in die Pflicht

Hillesheimer sieht die Stadt beim Mieterschutz dagegen sehr wohl in der Pflicht. Bekommt die Südstadt eine Erhaltungssatzung, müssen Sanierungsvorhaben von der Stadtverwaltung genehmigt werden.

„Es ist ein Kontrollinstrument und kann mit Sicherheit auch auf andere Stadtteile angewandt werden“, sagt Hillesheimer. Doch auch anderen Vorschlägen zum Schutz von Mietern und Milieu steht die Bürger-Gesellschaft offen gegenüber.

Dabei lohnt sich laut Hillesheimer auch der Blick über die Stadtgrenzen. Andere Großstädte hätten das Problem schon längst erkannt und Kriterienkataloge zum Schutz von besonders erhaltenswerten Quartieren festgelegt. Nachahmen sei in diesem Fall also durchaus erlaubt.

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