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Vier Fragen

Initiative "Karlsruhe gegen Sexkauf": "Prostitution ist sexuelle Gewalt"

Ingeborg Kraus ist Gründerin der Initiative „Karlsruhe gegen Sexkauf“. Sie macht sich für ein Sexkaufverbot nach dem Nordischen Modell stark, das Freier bestraft. Im Interview hat sie erklärt, warum sie sich für ein Verbot von Prostitution stark macht und was die Arbeit als Prostituierte für die Betroffenen bedeutet.

Ingeborg Kraus, Gründerin der Initiative "Karlsruhe gegen Sexkauf". Foto: pr

Warum haben Sie die Initiative „Karlsruhe gegen Sexkauf“ gegründet?

Kraus: Prostitution ist eine schwere Form von sexueller Gewalt. Es ist kein Job wie jeder andere, wie der deutsche Staat seit Jahrzehnten versucht, es der Gesellschaft zu vermitteln. Es hat erschreckende Auswirkungen nicht nur auf die Frauen in der Prostitution, sondern auf die ganze Gesellschaft.

Was sind das für Auswirkungen?

Das Rotlichtmilieu ist ein System der Gewalt, die sich in diversen Formen abspielt. Der gesundheitliche Zustand der Frauen in der Prostitution ist desaströs. Die wenigen, die darüber sprechen, sagen, dass sie es nur unter Drogen und anderen Betäubungsmitteln aushalten können. Als Psychotraumatologin weiß ich, dass das Zur-Verfügung-Stellen des Körpers zur sexuellen Benutzung nur unter einem Zustand der Dissoziation machbar ist, das heißt, der Geist trennt sich vom Körper, Empfindungen werden geringer.

So kann man den Schmerz aushalten, der während der unerwünschten Penetration stattfindet. Dieser Überlebensmechanismus kann außer Kontrolle geraten. Dann entwickelt sich etwa eine Posttraumatische Belastungsstörung, worunter die meisten Frauen leiden, die in der Prostitution arbeiten. Das äußert sich meistens erst, wenn die Frauen nicht mehr können, sich schon im Prozess des Ausstiegs befinden, oder später, in Form von Panikattacken, Schmerzen am ganzen Körper, Albträumen oder schweren Depressionen.

Wie wollen Sie das Problem in Karlsruhe angehen?

Durch unsere Initiative wollen wir zuerst einmal aufklären . Wir wollen das wahre Gesicht des Systems Prostitution zeigen. Es ist zu weit gegangen. Es traumatisiert nicht mehr nur die vulnerabelsten Frauen, sondern die ganze Gesellschaft.

Weil es normal geworden ist, dass Geburtstage, Fußballfeiern oder Vertragsabschlüsse im Bordell gefeiert werden. Man schämt sich gar nicht mehr deswegen. Es ist normal geworden, dass Männer – und 99,9 Prozent der Freier sind Männer – feiern, indem sie Frauen sexuell benutzen und ihnen Gewalt zufügen.

Auch wenn die Bundesregierung die Gesetzeslage noch nicht zu einem abolitionistischen Modell verändert hat, das Prostitution abschafft (mit effektiven Ausstiegshilfen und einem Sexkaufverbot), können wir in Karlsruhe trotzdem Nein zum Sexkauf sagen. Es geht um eine Haltung.

Wie wollen Sie für diese abolitionistische Haltung werben?

Wir können Männer ansprechen und ihnen sagen, dass sie nicht mehr Frauen zur sexuellen Benutzung kaufen sollen. Wir wollen durch weitere Veranstaltungen Aufklärung betreiben. Wir wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Bereich nach Karlsruhe bringen. Etwa versuchen wir, die Pornoforscherin Gail Dines nach Karlsruhe zu holen.

Wir wissen mittlerweile, dass der Einstieg, um Freier zu werden, über die Pornografie verläuft. 50 Prozent der Zwölfjährigen haben schon Zugang zu Pornografie. Es wächst eine Gesellschaft von Männern heran, die völlig abgespalten ist von ihrer eigenen Sexualität und die zu sexueller Gewalt herangezogen wird. Frauen erleben in ihren Beziehungen sexuelle Gewalt und denken, so muss eine Beziehung sein. Die Auswirkungen sind verheerend. Wir müssen da eine Riesen-Notbremse ziehen.

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