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Cannabis und Koks auf der Spur

Jagd auf kleine Fische: City-Streife mit der Karlsruher Drogenpolizei

Cannabis legalisieren? Die Drogenfahnder beim Polizeipräsidium Karlsruhe meinen nein. Wie sie, kennt kaum einer den Alltag der Junkies und der Dealer. Ein Blick in ihre Arbeit.
7 Minuten

Pablo Escobar lacht. Hämisch könnte man meinen, wenn man daneben Polizeihauptkommissar Joachim Schossmaier sieht. Der Leiter der Zentralen Ermittlungsgruppe Rauschgift (ZEG) sitzt am Schreibtisch seiner Amtsstube in der Karlsruher Hebelstraße. Draußen ist es längst dunkel und im weißlichen Bürolicht wirken seine Augen müde. Dennoch ist er hellwach.

Seine Hände stecken in Einweghandschuhen, so blau wie die zehn Ecstasy-Tabletten, die er vor sich ausgebreitet hat. Daneben liegen eine entfaltete Alufolie mit einem weißen Pulver, ein Joint und mehrere abgepackte Portionen Haschisch und Marihuana. Es ist die Ausbeute des Tages, den Schossmaier und sein Kollege Peter Kolberg auf den Straßen Karlsruhes verbracht haben. Ein guter Tag? „Normal“, sagt Schossmaier.

Brennpunkte in der Innenstadt

Rund um den Werderplatz und im Bereich der Altstadt sind die Polizisten heute fündig geworden. Sechs Mal insgesamt. Das weiße Pulver, das sich nach einem Schnelltest als Kokain erweist, hat einen Straßenwert von rund 80 Euro.

Die Pillen mit dem blauen Totenkopf darauf gibt’s für einen Zehner pro Stück. Der Joint kostet ungefähr das gleiche. Den schwarzen Block Haschisch und die getrockneten Marihuanablüten muss Schossmaier erst abwiegen. Er holt die Feinwaage aus der Schublade.

Nicht geringe Menge? Erst beim Auswiegen im Büro wird sich herausstellen, wie viel Stoff der mutmaßliche Drogendealer wirklich bei sich hatte. Foto: Andrea Fabry

Beim Öffnen der Tütchen strömt der typische Grasgeruch aus. Schossmaier rümpft die Nase ein wenig, wiegt den Stoff,verpackt ihn wieder. Alles kommt in große Umschläge, die beschriftet und sorgfältig mit dem Amtssiegel verklebt werden. „Polizei Baden-Württemberg“steht darauf und staatstragend prangt der silberne Löwe.

Zum Abschluss schließt Schossmaier alles in den Schrank ein, an dessen Seite das Schwarz-Weiß-Poster vom legendären kolumbianischen Drogenbaron klebt. Drogen im Gesamtwert von knapp 300 Euro liegen hier jetzt unter Verschluss. Escobar lacht.

Die Akten der Junkies - und die Geschichte dahinter

Karlsruhe ist nicht Medellín. Die dicken Fische sind weit weg. Sie sitzen in teuren Villen irgendwo in Mittelamerika und nicht am Werderplatz, wo sich die Junkies in einer öffentlichen Toilettenanlage unter dem Indianerbrunnen den Stoff in die Venen drücken.

Das Drogengeschäft ist überall schmutzig, aber besonders dreckig ist es hier. Es ist das Ende einer langen Kette von illegalen Geschäften, die irgendwo in Südostasien oder Mittelamerika beginnt und von der es ein winziges Glied bis in die Tasche eines löchrigen Parkas in der Karlsruher Südstadt geschafft hat.

Im Visier der Drogenpolizei: Observationen gehören zum täglichen Geschäft von Peter Kolberg (links) und Joachim Schossmaier von der Zentralen Ermittlungsgruppe Rauschgift beim Polizeipräsidium Karlsruhe. Foto: Andrea Fabry

Schossmaier und Kolberg kennen das Milieu wie ihre Westentasche. Kolberg ist seit acht Jahren in der Szene unterwegs. „Mister ZEG“ nennen ihn die Kollegen. Halb im Scherz, halb aus Respekt. Keiner hier kennt die Kundschaft so gut wie er.

Egal, wie tief die Furchen sind, die Drogen, Knast und Obdachlosigkeit in ihre Gesichter gegraben haben, Kolberg erkennt sie auch nach Jahren wieder. Er hat einen Namen parat, manchmal sogar eine letzte Meldeadresse und einen Fetzen Leben. „Wie geht’s Deiner Mutter?“, fragt er dann. „Wohnst Du noch bei ihr?“ oder „Was macht der Hund?“

Der Polizist kennt nicht nur die Akten auswendig, sondern auch ihre Geschichten. Junkies sind sie alle, Dealer auch – aber für Kolberg und „Schossi“ sind sie in erster Linie Menschen. Als solche werden sie auch behandelt und respektiert.

Respektvolles Miteinander

„Kommunikation auf Augenhöhe“ klingt wie ein Satz aus dem Lehrbuch der Polizeischule. Die Drogenfahnder, die immer in Zivil unterwegs sind, haben sich das zur Maxime ihres Handelns gemacht. Manchmal ist das nicht ganz leicht. „Toni“ zum Beispiel kommt langsam und unsicheren Schrittes die Treppenstufen der Kirche hinunter, er könnte dringend mal ein Bad gebrauchen.

Kolberg lässt sich nichts anmerken. „Na Toni, alles klar?“, erkundigt er sich. Tonis Kopf hängt tief zwischen den Schultern. Mittlerweile hat er sich zu einem Fahrrad geschleppt und hält sich am Lenker fest. Er nickt. Ohne große Überzeugung. „Wie lang bist Du wieder draußen?“, will Kolberg wissen.

Toni murmelt ein Wort, das wie „eins“ klingt. Ein Tag? Eine Woche? Ein Monat? Egal – Kolberg weiß Bescheid. Er war es, der damals Tonis Stoff beschlagnahmt hat, er war bei der Verhandlung dabei und er kennt das Urteil, das der Richter damals verhängt hat. Es war nicht das erste Mal, dass Toni eingefahren ist. Wenn er die Freiheit diesmal überlebt, wird es vermutlich auch nicht das letzte Mal sein.

„Hast Du was dabei“, fragt Schossmaier. Toni hebt den Kopf ganz leicht und schüttelt ihn. „Was dagegen, wenn ich mal nachschaue?“ Toni hat nichts dagegen. Anstandslos lässt er sich die Taschen greifen. Kolberg lässt derweil per Handy die Nummer des Fahrradgestells überprüfen. Toni – das weiß er noch von früher - hat sich seinen Konsum oft mit Fahrraddiebstählen finanziert.

Doch diesmal scheint alles in Ordnung zu sein. Das Fahrrad ist jedenfalls nicht als gestohlen gemeldet und die Taschen des Mannes sind leer. Toni kann gehen. Für heute. „Mach’s gut“, ruft ihm Kolberg nach.

Süßigkeiten und ein paar Gramm Heroin

Die Arbeit in der Drogenszene der Stadt ist zäh. Nur selten geht es um die richtig großen Fälle. Dabei führen die ganz kleinen oft zu den dicken Fischen. Wenn in den Taschen der Junkies neuer Stoff auftaucht, sind meistens auch neue Vertriebsnetze entstanden, die es zu finden gilt.

Ecstasy-Tabletten, die die ZEG Rauschgift in Karlsruhe sichergestellt hat. Foto: Andrea Fabry

Auf der Straße sind Glück und Instinkt gefragt. Heute stimmt beides. Als Schossmaier und Kolberg auf ihrer Routinefahrt an einem einschlägig bekannten Haus in der Südweststadt vorbeifahren, nimmt Kolberg aus dem Augenwinkel zwei Männer wahr. Die beiden tauschen etwas aus und entfernen sich schnell wieder voneinander. An der nächsten Ampel biegt Kolberg ab und schneidet einem der Beiden den Weg ab.

Schossmaier steigt aus und spricht den Mann an. Die Kontrolle erfolgt völlig unaufgeregt, fast stoisch lässt der Mann die Prozedur über sich ergehen. Fünf Gramm Heroin, mehrere Hundert Euro Bargeld und eine geöffnete Packung Süßigkeiten fördert die Taschenkontrolle zu Tage. Der mutmaßliche Abnehmer muss mit aufs Präsidium. Aufnahme der Personalien, Belehrung - nach knapp einer Stunde steht der junge Mann wieder auf der Straße. Der Stoff ist weg, das Geld auch.

Schossmaier und Kolberg nehmen ihre Runde wieder auf, der mutmaßliche Drogenkäufer bleibt ein wenig ratlos zurück. Die Ermittlungen nach seinem Dealer laufen noch.

Cannabis ist die Nummer eins

Als Brücke zwischen Schutz- und Kriminalpolizei ist die ZEG einmal gegründet worden. Das Rauschgiftdezernat bearbeitet die schwere Betäubungsmittelkriminalität, die ZEG übernimmt alles darunter.

Die Grenzen zwischen beiden sind fließend. „Die Eingliederung der ZEG in das Rauschgiftdezernat macht die Drogenbekämpfung effektiver und effizienter“, sagt Schossmaier.

Vielmehr muss diskutiert werden, ob Cannabis mit so einem Wirkstoffgehalt tatsächlich noch als weiche Droge bezeichnet werden kann.
Joachim Schossmaier, Polizeihauptkommissar

Im vergangenen Jahr konnten im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe 2.985 Rauschgiftdelikte ermittelt werden. Das waren 160 Fälle weniger als im Vorjahr. Diese Tendenz spiegelt sich im jüngsten Drogenbericht der Bundesregierung wieder.

Demnach ist die Drogenkriminalität in Deutschland leicht rückläufig. Auch sonst liegt Karlsruhe im Trend. Cannabis ist die mit Abstand am meisten gehandelte Droge. In zwei von drei Fällen geht es um Vertrieb oder illegalen Besitz von Haschisch oder Marihuana. Für die Fahnder ist das mühsame Arbeit. In der Regel sind die bei Kontrollen oder Hausdurchsuchungen sichergestellten Mengen recht klein. Aber der Besitz, egal welcher Menge, ist strafbar.

Die Mär von der „nicht geringen Menge”

Interessant wird es mit der gesetzlichen Formulierung von der „nicht geringen Menge“. Sie bezieht sich nämlich nicht auf das Gewicht des Stoffes sondern auf dessen Wirkstoffgehalt. Und der steigt stetig an. „Der für den Rausch verantwortliche THC-Gehalt hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht“, sagt Joachim Schossmaier.

Drogenfahndung im Rotlichtmilieu: Die Karlsruher Brunnenstraße gehört zu den Plätzen, an denen die Beamten der ZEG Rauschgift besonders häufig kontrollieren. Foto: Andrea Fabry

Das Überschreiten der „nicht geringen Menge“, die die Tat zu einem Verbrechen macht, ist also schnell erreicht. Gleichzeitig macht dies ihm am meisten Sorgen: „Für mich stellt sich nicht die Frage, ob Cannabis legalisiert werden soll. Vielmehr muss diskutiert werden, ob Cannabis mit so einem Wirkstoffgehalt tatsächlich noch als weiche Droge bezeichnet werden kann“, sagt er.

Der Student, der auf dem Weg zur Uni kleinere Mengen von Ecstasy, Koks und Marihuana in den Taschen hat, der ältere Herr, der die Taschen seiner unauffällig beigen Jacke voller Gras hat.

70 Prozent Büro für 30 Prozent Straße

Kleine Menge - großer Aufwand. Für Kontrolle, erkennungsdienstliche Maßnahmen, die Verwaltung des sichergestellten Materials und das Schreiben des Protokolls für die Staatsanwaltschaft, geht enorm viel Zeit drauf. „70 Prozent Büro für 30 Prozent Arbeit auf der Straße“, fasst es Peter Kolberg zusammen.

Lange Tage für Ermittlungen im Büro, kalte Nächte bei Observationen auf der Straße - für was eigentlich? Gedealt wird immer.

Schossmaier und Kolberg sehen ihre Arbeit nicht nur als Beruf, eher als Berufung. Heroin ist weniger unterwegs, dafür wächst der Markt für chemische Drogen, Kokain und vermeintlich leichtere Stoffe wie Haschisch oder Marihuana. Die Szene am Werderplatz, am Europaplatz und an anderen Stellen der Stadt verändert sich kaum.

Ab und zu kommen neue Orte dazu. Ein Haus in der Südweststadt, eine Adresse in Oberreut. „Unsere Aufgabe ist es auch, die Szene im Blick zu halten und dafür zu Sorgen, dass es nicht ausartet“, sagt Kolberg.

Mühsame Arbeit

Geduld und Spucke braucht der Drogenfahnder. Vom ersten Auffälligwerden eines Deals bis hin zur Überführung des Täters können Wochen, manchmal Monate vergehen. Erfolglose Observationen oder Hausdurchsuchungen, die tagelang vorbereitet werden und dann doch vor der verschlossenen Haustüre eines Tatverdächtigen enden, gehören zum Polizistenalltag.

Nicht geringe Menge? Erst beim Auswiegen im Büro wird sich herausstellen, wie viel Stoff der mutmaßliche Drogendealer wirklich bei sich hatte. Foto: Andrea Fabry

Immer muss auch die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Lohnt es sich wirklich, die Türe aufzubrechen, bei einem jungen Auszubildenden, der offenbar immer mal wieder ein paar Gramm Marihuana vercheckt. Gibt es vielleicht andere Möglichkeiten?

Schossmaier und seine Kollegen machen ihren Job. Strafverfolgungszwang nennt sich das. Demnach sind die Strafverfolgungsbehörden zur Einleitung von Ermittlungen verpflichtet, sobald sie Kenntnis von einer möglichen Straftat erlangen.

Auch wenn ein mutmaßlicher Dealer nach ein paar Stunden auf dem Revier wieder in die Freiheit entlassen wird und es wahrscheinlich Monate dauern wird, bis die Staatsanwaltschaft alles geprüft hat und Anklage erhebt.

Escobar lacht von der Wand

Die Deals auf der Straße, in Parks oder in Wohnungen laufen derweil immer weiter. Nach einem weiteren langen Tag auf Streife wird Joachim Schossmaier bei der Rückkehr in sein Büro einmal mehr von Pablo Escobars Dauergrinsen begrüßt. Bevor die Polizisten nach Hause gehen kann, gibt es noch Formales zu erledigen.

Also heißt es: Computer hochfahren, Einträge machen, Stoff wiegen,verwalten und verwahren, Computer wieder runterfahren. Endlich geschafft. Escobar grinst unermüdlich. Warum hat er sich das Poster eigentlich aufgehängt?„Wenn er nicht schon tot wäre - den würde ich gern mal fangen“, sagt Schossmaier. Dann knipsen er und Kolberg das Licht aus. „Bis morgen.“ – „Ja. Bis morgen.“

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