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Fachkräftemangel

Jugendhilfe-Einrichtungen im Landkreis Karlsruhe sind am Limit

Die Einrichtungen der Jugendhilfe erhalten zunehmend weniger Bewerbungen von Fachkräften. Im Stadt- und Landkreis Karlsruhe fordern die Einrichtungen deshalb nachhaltige Verbesserungen.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe (Baden-Württemberg) gehen am 10.11.2015 unbegleitete minderjährige Ausländer, kurz UMA, einen Flur entlang. (zu dpa: «Landtag debattiert über das Thema unbegleitete Flüchtlinge" vom 23.01.2018) Foto: Uli Deck/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
ABB Achern
Ohne Familie: Für einige Jugendliche bleibt aufgrund von Problemen zuhause, Erkrankungen oder Vorstrafen nur die Unterbringung in einer Wohngruppe der Jugendhilfe. Doch die Plätze sind rar. Foto: Uli Deck

Kinder und Jugendliche sind in ihrer Familie am besten aufgehoben. Das gilt leider nicht für alle jungen Menschen. In Krisen und Notlagen kann es sein, dass sie vorübergehend nicht in ihrer Familie bleiben können.

Für viele ist dann ein Platz in einer Einrichtung der Jugendhilfe ein Rettungsanker, um wieder Halt in der Gesellschaft zu finden. Doch die Einrichtungen selbst sind am Limit. Es fehlen Fachkräfte, um die Kinder und Jugendlichen zu betreuen.

Der Arbeitskreis Karlsruhe, zu dem die Hardtstiftung, die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Karlsruhe, die Jugendeinrichtung Schloss Stutensee und die Jugendhilfe Lichtblick gehören, fordern deshalb, das System zu reformieren und die Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte zu verbessern.

Familienunfreundliche Arbeitszeiten in der Jugendhilfe werden zum Problem

„Wir erleben eine Situation, wie wir sie noch nie in der Jugendhilfe erlebt haben“, sagt Michael Schröpfer, Vorstand der Hardtstiftung. Nicht nur der demografische Wandel sei ein Problem bei der Rekrutierung von Fachkräften, sondern der Arbeitsbereich gelte auch als unattraktiv und belastend.

Es ist unglaublich, was die Mitarbeiter leisten.
Michael Schröpfer, Vorstand Hardstiftung

Denn die Arbeitszeiten seien ab Mittag bis in die Nacht hinein sowie an Wochenenden familienunfreundlich, eine gesunde Work-Life-Balance kaum möglich. „Es ist unglaublich, was die Mitarbeiter leisten“, sagt Schröpfer. Von den älteren seien viele überlastet.

Dies alles führe dazu, dass Fachkräfte wegbrächen, und die Einrichtungen der Jugendhilfe zunehmend weniger Bewerbungen qualifizierter und für diesen Sektor ausgebildeter Fachkräfte erhielten. In der Folge könnten Gruppen nicht betrieben oder müssten zusammengelegt werden.

„Ja, die Plätze werden weniger, weil die Fachkräfte nicht da sind“, bestätigt Dominik Weiskopf, Leiter des Jugendamtes im Landratsamt Karlsruhe. Es sei für die Jugendämter in den vergangenen Jahren deutlich schwieriger geworden, adäquate Plätze entsprechend dem Bedarf der Kinder und Jugendlichen zu finden.

Auch Einrichtungen außerhalb des Landkreises werden für Jugendhilfe-Plätze angefragt

Teilweise sei dies mit langen Wartezeiten verbunden. Daher würden in der Regel mehrere Einrichtungen auch außerhalb des Landkreises angefragt, um bei der Platzsuche erfolgreich zu sein.

Im vergangenen Jahr hat das Jugendamt im Landratsamt Karlsruhe 92 minderjährige Kinder in Einrichtungen der Jugendhilfe auf den Weg gebracht.

Das Jugendamt der Stadt Karlsruhe bringt im Rahmen der Notunterbringung jährlich rund 250 minderjährige unbegleitete Ausländer (UMA) und 250 andere Kinder und Jugendliche vorübergehend unter. Dafür stehen neben Inobhutnahmegruppen auch Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung. In Wohngruppen für Kinder, Jugendliche und junge Volljährige gibt es rund 300 Neuaufnahmen im Jahr.

„In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Engpässe, da Träger von Inobhutnahmegruppen ihre Angebote wegen krankheitsbedingten Personalausfalls, aber auch aufgrund unbesetzter Stellen nicht in vollem Umfang aufrechterhalten konnten“, bestätigt auch Michael Gleitz, Fachbereichsleiter Jugendhilfe und Soziale Dienste der Stadt Karlsruhe.

Sowohl die Stadt als auch der Landkreis Karlsruhe setzen deshalb auf Prävention, um Krisensituationen und Fremdunterbringungen möglichst im Vorfeld zu vermeiden. „Hierfür müssen Eltern, Kinder und Jugendliche frühzeitig mit dem Jugendamt in Kontakt treten und Hilfe annehmen“, sagt Weiskopf.

Träger der Jugendhilfe drängen auf strukturelle Verbesserungen

Die Träger selbst drängen hingegen auf strukturelle Verbesserungen. „Diese können aber nur mit dem Landesjugendamt, das für die Heimaufsicht zuständig ist und das durch einen Rahmenvertrag die Grundzüge der Leistungen und Kosten festlegt, umgesetzt werden“, betont Michael Gleitz.

Wir gehen von einem Standard aus, der eigentlich die Ausnahme ist.
Michael Schröpfer, Vorstand Hardstiftung

„Wir müssen weg vom System der 70er Jahre“, sagt Michael Schröpfer, „der Personalschlüssel stimmt nicht mehr.“ Die Hilfebedarfe seien heute andere, die Personalzuweisung orientiere sich an Schulkind-Gruppen. Ein Dienst bis 22 Uhr sei nicht mehr realistisch, viele müssten bis 24 Uhr arbeiten. „Wir gehen von einem Standard aus, der eigentlich die Ausnahme ist“, meint Schröpfer. Deshalb fordern er und seine Kolleginnen und Kollegen der anderen Einrichtungen in der Stadt und im Landkreis eine Systemreform.

„Unsere Gesellschaft hat sich gewandelt“, sagt Schröpfer. Mehr Zeit, eine realistische Abbildung der Aufgaben, flexiblere Arbeitszeitmodelle und ein Schichtbonus als Einzahlung in die Rentenkasse, um früher in Rente gehen zu können, könnten deshalb die richtigen Anreize sein, aber auch ein erleichterter Quereinstieg für Nichtfachkräfte, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Was es dazu bräuchte: politischen Willen und eine Lobby für Kinder und Jugendliche.

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