Skip to main content

Vor 30 Jahren

Kampfjets stoßen zusammen: Karlsruhe erlebt am 17. April 1990 einen Trümmerregen

Im Rückblick sprechen viele von einem Wunder: Vor 30 Jahren stoßen über Karlsruhe zwei kanadische CF-18-Jets zusammen. An 250 Stellen im Süden und Südosten der Stadt kommen Trümmerteile herunter. Ein Pilot stirbt, doch am Boden werden nur zwei Menschen leicht verletzt – obwohl über 100 Autos und viele Häuser beschädigt werden.

Mehr als 100 Autos wurden durch herabfallende Trümmerteile beschädigt. Foto: Sandbiller

Im Rückblick sprechen viele von einem Wunder: Vor 30 Jahren stoßen über Karlsruhe zwei kanadische CF-18-Jets zusammen. An 250 Stellen im Süden und Südosten der Stadt kommen Trümmerteile herunter. Ein Pilot stirbt, doch am Boden werden nur zwei Menschen leicht verletzt – obwohl mehr als 100 Autos und viele Häuser beschädigt werden.

Es ist der 17. April 1990, kurz vor 16 Uhr. Johann Makowiak sitzt an seinem Schreibtisch im dritten Stock eines Bürokomplexes in der Bannwaldallee. In wenigen Minuten ist Feierabend. Plötzlich hört er einen lauten Knall. Der Boden zittert. Zunächst gehen die Kollegen von einem Unfall auf der benachbarten Südtangente aus. Dann entdecken sie eine Rauchsäule über dem Gelände des Güterbahnhofs.

Die Flammen schlagen 20 Meter hoch

Als der Wind plötzlich Rauch und verbrannte Fetzen über das Gebäudedach trägt, spürt Makowiak, dass etwas nicht stimmt. Man eilt auf die andere Seite des Bürowürfels. Aus dem Fenster sind Flammen zu sehen, gut 20 Meter hoch.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: Keine 50 Meter vom Gebäude entfernt ist das Wrack eines kanadischen Kampfjets eingeschlagen, der kurz zuvor bei einer Luftübung mit einem anderen Flieger zusammengestoßen war. „Ich habe erst einen Tag später kapiert, was für ein Riesenglück wir hatten“, sagt Makowiak heute.

Großeinsatz für die Polizei – alle müssen auf die Straße

Etwa zur selben Zeit ist Uwe Mangang in der Stadt auf Streife. Der 28-Jährige ist seit elf Jahren bei der Polizei. Ein Passant macht ihn und seinen Partner auf den Zusammenstoß der beiden Jets aufmerksam. Die Beamten nehmen ihn nicht ernst.

Erst als es im Funk hektisch wird, realisieren sie die Lage. Alle werden angewiesen, ins Revier zu kommen. Man entschuldigt sich kurz, dann geht es zur schnellen Besprechung an den Marktplatz. „Alles was laufen konnte, musste los“, sagt er. „Sogar die Bürohengste.“

Mangang wird in die Südstadt geschickt. Über dem Stadtteil sind zahllose Trümmerteile heruntergekommen – mit welchen Folgen, ist noch völlig unklar. „Ich sollte Absturzstellen von Trümmerteilen absichern und die Menschen beruhigen“, erinnert er sich.

Wrackteile finden sich weit verstreut

An 250 Stellen in Karlsruhe landen Flugzeugteile verschiedener Größe. Auf dem Dach des Vierordtbades schlägt ein fast zwei Meter großes Stück eines Flügels ein. In der Graf-Rhena-Straße findet sich ein Flugdatenschreiber. Nahe einer Tankstelle in der Rüppurrer Straße zertrümmert ein Triebwerk einen Neuwagen.

Einer der beiden Piloten wird tot auf dem Gehweg nahe des Vincentius-Klinikums gefunden. Abgesehen davon werden wie durch ein Wunder nur drei Menschen leicht verletzt, darunter der zweite Pilot, der mit seinem Fallschirm auf dem Mittelstreifen der Autobahn landet.

Parkplatz in der Bannwaldallee wird zum militärischen Sperrgebiet

An der Bannwaldallee stürmt Johann Makowiak kurz nach 16 Uhr nach unten auf den Parkplatz. Den ersten Schock hat er verdaut, jetzt will er seinen Opel Kadett in Sicherheit bringen. 20.000 Mark hat er für sein erstes Auto bezahlt. Es steht nur wenige Meter vom brennenden Wrack entfernt. „Das war furchtbar leichtsinnig“, erzählt er im Rückblick.

Kurz darauf bricht hektisches Treiben im Hinterhof aus. Die Feuerwehr kommt zum Löschen. Dazu schaut die Bundeswehr vorbei, dann die Franzosen, die Amerikaner. Alle merken, dass es keine eigene Maschine ist und ziehen wieder von dannen, ehe die Feldjäger der Bundeswehr das Gebiet absperren und die kanadische Militärpolizei mit dem Hubschrauber ankommt.

Die Spuren des Kampfjet-Absturzes sind an einem Baum nahe der Bannwaldallee bis heute zu sehen. Foto: Schütt

Für die Ermittlungen wird die Absturzstelle zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Das Wrack wird mit Klebstoff besprüht, als Schutz vor den Carbonfasern. Wichtige Elemente baut die Militärpolizei direkt aus, vermutlich um Spionage zu verhindern. Mehrere Tage verbringen die Ermittler vor Ort in einem großen Zelt. Auf Lastwagen kommen immer neue Trümmerteile an.

Schleudersitz schlägt in Dachstuhl in der Südstadt ein

Viele davon sind in der Südstadt runtergekommen, wo Uwe Mangang am späten Nachmittag die oberen beiden Stockwerke des Wohnhauses in der Marienstraße 84 räumt. Im Dachstuhl ist ein Schleudersitz eingeschlagen. Der Polizist wartet auf die Ermittler der kanadischen Militärpolizei.

Über Funk melden seine Kollegen immer neue Funde. „Die haben sich Zeit gelassen, ich saß mehrere Stunden auf der Treppe zum Speicher“, erzählt Mangang. Eine Nachbarin bringt dem Wartenden etwas zu essen und erzählt, dass der Zusammenstoß gerade Thema in der 20-Uhr-Tagesschau war.

Als es längst dunkel ist, treffen die Kanadier ein. „Dann wurde es hektisch. Es hat sich rausgestellt, dass eine Sprengladung am Schleudersitz nicht explodiert war“, erinnert sich Mangang. Doch wie an vielen anderen Stellen kommt man auch hier mit dem Schrecken davon.

Der 17. April ist für mich etwas wie mein zweiter Geburtstag.
Johann Makowiak, Zeitzeuge

Wie viel Glück die Karlsruher hatten, lässt sich Tage später beim Blick auf die Bilanz erahnen: 140 Autos und 98 Häuser wurden beschädigt – aber eben nur zwei Menschen am Boden leicht verletzt.

Im Büro von Johann Makowiak ist man nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich nur haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Keine Viertelstunde später hätten sich mehrere hundert Mitarbeiter in den Feierabend verabschiedet. Viele wären auf den Parkplatz hinter dem Gebäude gegangen.

„Der 17. April ist für mich etwas wie mein zweiter Geburtstag“, sagt Makowiak heute. Immer wieder hat er in den vergangenen Jahren an den Tag zurückgedacht. Viele Details hat er noch im Kopf: Es war ein Dienstag, der Wind kam von Süden und die Luft roch nach verbranntem Kerosin. An einem Baum sind bis heute Spuren des Absturzes zu finden.

Viel Kritik an den Luftübungen in den Stunden danach

Eine Mischung aus Ruhe und Neugier ist bei den Menschen in den Stunden nach dem Absturz zu spüren, erzählt Uwe Mangang. Sie löchern den Beamten mit Fragen. Über Funk ist er gut informiert, Handys gibt es noch nicht. Die weit verstreuten Trümmerteile locken Schaulustige. „Bestimmt hat der ein oder andere noch Stücke in der Vitrine“, mutmaßt Mangang.

Doch schon am nächsten Tag schlägt die Neugier in Wut und Empörung um, wie es die BNN damals berichten. „Warum werden Luftübungen über dem Stadtgebiet geflogen?“, lautet die zentrale Frage. Für Entsetzen sorgt, dass die kanadische Luftwaffe ihre Übungen bereits am 18. April fortsetzt. Erst auf politischen Druck folgt die Unterbrechung, zunächst bis zum Ende der Unfallermittlung.

Nach rund fünf Tagen lädt die kanadische Militärpolizei das Wrack des CF-18-Kampfjets auf einen Tieflader – inklusive eines Autos, das durch den Kleber untrennbar verbunden ist. „Das gehörte einem Gast aus Heilbronn“, erinnert sich Makowiak. „Der hatte später Probleme mit der Versicherung, weil er nichtmal mehr ein Nummernschild hatte.“

Untersuchungsergebnis: Menschlicher Fehler führte zum Unfall

Knapp einen Monat später deckt der Untersuchungsbericht auf, was im Luftraum über Karlsruhe am 17. April 1990 passiert ist. Die Piloten der beiden CF-18-Kampfjets trainierten den Luftkampf in rund 7.000 Metern Höhe. Drei Manöver liefen planmäßig. Das vierte führte zur Katastrophe. Laut Bericht sollten die Maschinen knapp aneinander vorbeifliegen.

Dann merkte der 35-jährige überlebende Pilot, dass er sich auf Kollisionskurs befand. Er zog nach oben – der Pilot der zweiten Maschine tragischerweise auch. Beim Zusammenprall wurde die Maschine des 30-Jährigen in zwei Teile gerissen, er starb sofort. Der 35-Jährige konnte sich mit dem Fallschirm retten. Am Boden entging Karlsruhe mit viel Glück einer Katastrophe. Das haben viele Menschen wie Johann Makowiak und Uwe Mangang bis heute nicht vergessen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang