Skip to main content

Solidarität und kritische Zwischenrufe

850 Menschen bei Kundgebung für die Ukraine am Karlsruher Schloss

Auch in Karlsruhe haben mehrere Hundert Menschen für Frieden in der Ukraine demonstriert. Ans Mikrofon traten auch die Karlsruher Bundestagsabgeordneten Parsa Marvi (SPD) und Zoe Mayer (Grüne).

Die Karlsruher Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer (Grüne) sagte auf der Kundgebung, die Geschehnisse machten sie „fassungslos“. Foto: Alexei Makartsev

Hitzige Zwischenrufe erntet am Samstagnachmittag die Karlsruher Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer (Grüne). Sie spricht in einem Meer von Blau und Gelb bei der Kundgebung für Frieden in der Ukraine und Sicherheit in Europa, die schon vor 14 Uhr viele Teilnehmer auf den Schlossvorplatz und den Platz der Grundrechte zieht.

Zu den Rednern und Rednerinnen am deutlich zu leise eingestellten Mikrofon gehören auch der Karlsruher SPD-Bundestagsabgeordnete Parsa Marvi und Stadtrat Lüppo Cramer von der Karlsruher Liste (KAL). Zeitweise versammeln sich rund um das Großherzogendenkmal bis zu 850 Menschen, schätzt die Polizei. Meinungen prallen mehrfach aufeinander, es bleibt aber bei der Diskussion. Die Veranstaltung verläuft friedlich, ab 15 Uhr bröckelt die Zahl der Versammelten.

Selbstkritisch äußern sich die beiden Berliner Parlamentarier. Marvi sagt: „Wir haben über Jahrzehnte nicht genug Gewicht gelegt auf die Sicherheitsinteressen unserer Nachbarn im östlichen Europa.“ In der Ukraine gehe es nicht um russische oder andere vorgeschobene Interessen, vielmehr habe Wladimir Putin „eine neue Weltordnung in seinem Sinn“ als Ziel.

Auch der Karlsruher SPD-Bundestagsabgeordnete Parsa Marvi äußerte sich auf der Kundgebung: „Wir haben über Jahrzehnte nicht genug Gewicht gelegt auf die Sicherheitsinteressen unserer Nachbarn im östlichen Europa“, sagte er. Foto: Alexei Makartsev

Zoe Mayer sagt, die Geschehnisse machten sie „fassungslos“. Die große Kundgebung in Karlsruhe sei aber gut und wichtig: „Auch in Russland gehen Menschen für den Frieden auf die Straße.“ Die Bilder und Zahlen aus Deutschland zeigten ihnen, dass viele gemeinsam dahinter stünden.

Aus dem Publikum ruft eine Frau der Karlsruher Grünen in der Bundestagsfraktion zu: „Die Bundesregierung tut viel zu wenig, die Sanktionen sind lächerlich!“ Mayer antwortet: Alleingänge und „schnelles, unüberlegtes Handeln“, sagt sie, seien in der aktuellen Situation das Falsche. Die Regierung sei in Gesprächen mit dem Ziel, „Russland zu isolieren mit einer Schlagkraft, die wir lange durchhalten“. Von der Kundgebung geht es für die Karlsruher Abgeordnete direkt zum Zug nach Berlin zur Sondersitzung des Bundestags zum Krieg in der Ukraine.

Viele Forderungen, wenig Hoffnung

An der Kundgebung namen auch Russen teil, die sich gegen den Krieg in der Ukraine positionierten. Foto: Kirsten Etzold

Viele Menschen recken Plakate und beschriftete Kartons in die Höhe, mit Solidaritätsbekundungen, aber auch mit konkreten Forderungen. Um Waffenlieferungen an die Ukraine und mehr konkrete Hilfe und Unterstützung für das überfallene Land geht es, um den Ausschluss Russlands aus Swift, dem weltweiten Telekommunikationsnetzwerk für Banken, auch um die Ächtung Putins.

Marvi nennt ihn einen Kriegsverbrecher, der sich „hoffentlich irgendwann vor einem internationalen Strafgericht dafür zu verantworten hat“.

Verspricht sich der 38-jährige Ukrainer Dmytro etwas von der Kundgebung? „Ich weiß nicht“, sagt er, „es ist ein Hilferuf.“ Mehr als einer hat feuchte Augen. Eine Frau bringt Medikamente, um sie zu spenden. Ein junges Karlsruher Paar steht zu weit weg von der Lautsprecherbox, um die Redebeiträge hören zu können.

„Ich schäme mich als Deutscher für meine Regierung“, sagt der Mann aus der Südweststadt. „So wenig Unterstützung für das ukrainische Volk, und Deutschland blockiert noch den Ausschluss Russlands von Swift.“ Inzwischen halte er es für nötig, Waffen in die Ukraine zu liefern: „Putin hat jetzt gezeigt, dass er an Gesprächen nicht interessiert ist.“

Die Emotionen schlagen hoch

Mehrfach klingt ein traditioneller Wechselruf, der sinngemäß „Ruhm für die Ukraine – Ruhm den Helden“ heißt, über den Platz. Auch aus Kandel, Ludwigshafen und der Schweiz sind ukrainische Familien gekommen. Eine Rednerin sagt: „Wir haben in Georgien das Gleiche erlebt, und es ist nicht vorbei. Georgiens Schicksal steht in der Ukraine mit auf dem Spiel.“ Eine andere Rednerin, nach ihrer Aussage von der Krim, plädiert dafür, die Ukraine zur „raketenfreien Zone“ zu erklären. Zwischenrufer werfen ihr auf deutsch und ukrainisch „russische Propaganda“ vor.

Viele Schilder und Ukraine-Flaggen waren bei der Kundgebung zu sehen. Foto: Kirsten Etzold

Zwei Frauen tragen Schilder mit russischen Farben und dem Schriftzug „Russland nicht schließen!“ in kyrillischer Schrift. „Mein Vater ist Ukrainer, lebt aber in Moskau. Er ist ebenso ein Gegner Putins wie ich“, erzählt eine der beiden Frauen. An offenen Protest könne er nicht denken, Festnahmen seien eine konkrete Gefahr. Sie sei unter anderem wegen Putin 2009 nach Deutschland emigriert. „Die Leute hier äußern ihr Mitgefühl“, betont sie, „wir auch!“ Ihre große Sorge: dass weitere Länder in den Krieg eintreten, und dass ein lang andauernder Krieg noch viel mehr Opfer fordern könnte.

Gemeinderat will Resolution verabschieden

Seit 1997 ist eine 47-jährige Kundgebungsteilnehmerin im Landkreis Germersheim zu Hause, jetzt versucht die Ukrainerin mit allen Mitteln, ihre Angehörigen zu sich zu holen. „Sie sind aus Kiew in die Provinz geflohen, aber da stecken sie jetzt fest und dort gibt es inzwischen auch Bombenalarm“, erzählt sie. Es gebe kein Benzin, die Züge sind überfüllt, der Weg über Kiew unmöglich.

Eine Resolution zur Unterstützung der Ukraine in der nächsten Sitzung des Karlsruher Gemeinderats kündigt der für sein internationales Engagement bekannte KAL-Stadtrat Cramer an. Er versichert den Versammelten und den Menschen in der Ukraine die Solidarität des Gemeinderats und des Karlsruher Oberbürgermeisters Frank Mentrup und erbittet Verständnis für den angestrebten Versuch, in Karlsruhes russischer Partnerstadt Krasnodar nochmal auf offizieller Ebene Kontakt aufzunehmen und für gemeinsame Vorstellungen und Werte zu werben: „Wir wollen nicht die Falschen bestrafen für das, was die Kriegstreiber tun.“

nach oben Zurück zum Seitenanfang